Fürs Leben bezahlen

Dirk Philippi

Umzugskisten zerdeppern, am Fließband verblöden oder Briefe in den falschen Schlitz stecken. Neben- und Ferienjobs bieten für einen tragikkomischen Hungerlohn reichlich Gelegenheit, sich zum Affen zu machen. Dabei gibt es viel spannendere Möglichkeiten, sein Leben hübsch lachen zu lassen.



Vorweg eine Klarstellung: Es ist mitnichten so, dass ich in den Ferien oder in meiner Freizeit nicht auch viel lieber den Tag in die Matratze gedrückt hätte als mich für die Provinz-Unternehmerwelt zu verhuren, aber wie das eben so ist: Wenn man statt Bodensee mit Tante Erika und Horst, ihrem Kotzbrocken von Ehemann, lieber mit Lynn, Jule und Matze an den Atlantik zum Surfen pilgern will, dann sollten zumindest die Anfahrt, zwei bis fünf warme Mahlzeiten, der Zeltplatz und ein wenig Spielgeld nicht von der Spende-Laune der dortigen Einheimischen abhängig sein. Und auch die geplanten „Beckenbauer spezial“, die „Technics“- Plattendreher und die „Vespa 160 GS“ konnten übers Taschengeld nur unzureichend refinanziert werden. So wurde ich schon früh und nicht gänzlich unfreiwillig Opfer von Plauze tragenden Betriebsräten und sadomasochistischen Arbeitspraktiken.




Meine Flop-3-Ferienjobs meiner Schulzeit:

1) Metallbau Stockmar

Eigentlich erst 15 und ohne wirkliches Anrecht auf Arbeit bekam ich durch beste Kontakte meiner Mutter zum allmächtigen Firmenchef einen 4-Wochen-Job in der Werkstatt des örtlichen Metallbauers. Hoch motiviert eilte ich am ersten Tag in die Arbeitsräume, wo ich für ausreichend Verwunderung bis hin zu überschwänglicher Freude beim Vorarbeiter sorgte: „Wie ein Ferienjob? Warum weiß ich davon nichts? Verdammter Scheißdreck, ich kann hier keine verdammten Kinder gebrauchen!“ – Ein lautes Telefonat später hatte er mich zu gebrauchen und versah mich prompt mit einer der für Jungarbeitnehmer typischen Lebensaufgaben. Herr Arschloch Vorarbeiter zückte die elf (!) Schubladen seines Schraubenregals und schmetterte sie mit einem selbstzufriedenen „So, jetzt kannst´ das die nächsten Tage nach Dicke, Länge, Alter und Hersteller sortieren!“ vor meine zitternden Füße – Ich habe geweint, bin nach der Mittagspause zu Hause geblieben und eine Woche später zu Tante Erika gefahren!

2) Brauerei Reitter

„Brauereigehilfe“ versprach Freibier nach Dienstschluss, Lieferanten-Kontakt mit allein stehenden Frauen und echte Männerarbeit! Genau das Richtige für einen fast 17-jährigen, der sich für den ersten experimentellen, äh, „Erfahrungs“-Urlaub nach Lloret de Mar fit machen wollte. Tatsächlich aber verbrachte ich drei Wochen damit, Tackergeschosse mit einem abgewetzten Flachschrauberzieher aus Biertisch- und Bierbank-Garnituren zu entfernen – acht Stunden am Tag. Schraubenzieher unter den Tacker, kraftvoll hebeln und notfalls einzeln mit der Zange operativ entfernen. Ergebnis: Rund 137542 Metallklammern, zwei handtellergroße Blasen und 85.- DM Spielschulden. Aufgrund der misslichen Lage versuchte ich mit dem so schwer zu erarbeiteten Geld schon prophylaktisch am Merkur-Gold-Automat in der spartanischen Mittagskantine (Kommunikationsbasis: „Mahlzeit!“) zu spekulieren. Erfolg: Tante Erika freute sich über das Wiedersehen.

3) Wybert – Zahnpflegeprodukte

Als ich einmal morgens beim Zahnschmelzschrubben entdeckte, dass die Zahnpasta meines Vertrauens in meiner Geburtsstadt hergestellt wird, bewarb ich mich erstmals schriftlich (!) um ein Ferien-Engagement. „Sehr geehrte Damen und Herren, ich als Aronal-Fetischist und Elmex-Süchtiger würde gerne (…)“ - Ein persönliches Vorstellungsgespräch versprach Seriosität und die Bezahlung verhieß Weltmännisches. Als ich aber am ersten Werktag der Sommerferien geflissentlich eingearbeitet wurde (ca. 28 Minuten), setzte ad hoc renitenter* Gehirnschwund ein (*9live-Pausenrätsel: ‚renitent’ ist ein Anagramm von???). Meine Arbeit für exakt einen Monat ist schnell beschrieben: Am Fließband hatte ich kleine, possierliche Reisezahnbürstchen und passende Cremchen (die Verkleinerungsform von Pasten fällt mir gerade nicht ein) in einen Plastikschutzbeutel zu stecken, der seinerseits wiederum automatisiert und von mechanischen Ächz-Lauten begleitet in Zahnputzbecher mit Hawai-Motiven eindrang. Das Ergebnis: Wilde erotische Phantasien von mir, Zahnpasta und den Frauen, die die fertigen Hula-Hoop-Becher in Kartons verpackten sowie vierwöchige Bildzeitungs-Lektüre – mehr war ich definitiv nicht gewachsen.



Als ich so, geschwächt vom ach so harten Schüler-Ferien- Arbeitsalltag, im Defätismus zu ersticken drohte, sollte mit Beginn des Studiums endlich alles besser werden. Die lästigen Ferienqualen mussten nun gleichsam lukrativen wie erlebnispädagogisch wertvollen Nebenjobs weichen - so viel stand fest. Angefangen hatte dabei alles wie immer mit keinem Geld. Die örtliche Kleinanzeigengalerie bot die üblichen 10.000-Mark-Nebenbei- Angebote mit der Seriosität einer Lohnabrechnung im Table-Dance-Schuppen und irgendwie hatte ich zumindest damals auch noch keine Lust bis morgens in einer Kneipe zu stehen – zumindest nicht auf der falschen Seite des Tresens. Und doch fand ich Arbeiten, die ich heute fast schon wieder vergessen habe.

Meine Top-3-Nebenjobs meiner Studienzeit:

1) Der rote Bote

Gleich der erste akademische Teilzeitvertrag bot eine empirisch ethnologische Feldstudie: Es zog mich zu den allseits bekannten Pizzaboten und ´rein in eine Verkleidung, die jeder Pfadfindergruppe der chinesischen Volksarmee gut zu Gesicht gestanden hätte. In der Krozingerstraße jedenfalls, jenem urbanen Kleinod im Freiburger Westen, wurde ich schon beim Überqueren des Spielplatzes mit einem herzlichen „Hey, Du roter Pizza-Ficker!“ begrüßt. Nichtsdestotrotz: Ich überlebte. Dabei hat mir keine Arbeit davor und danach solch einen tiefen Einblick in das menschliche Dasein geboten wie das Ausliefern von geblähten Teigtäschchen und Pasta-Matsche. Dass ich dennoch aufhören musste, hatte einen anderen Grund: Im April 1997 war ich aufgrund meiner ausgeprägten Grundschnelligkeit Mitarbeiter des Monats bei "Joeys Pizza-Service" - ein Titel, der Folgen haben sollte. Nicht, dass ich seitdem exklusiv die mit einem roten X gekennzeichneten Fuhren zu den attraktiven Damen in Terminwohnungen liefern durfte (Dialog-Highlight: „Komm rein, leg ab!“ – „Wie bitte?“ – „Na, die Pizza natürlich!“), nein, ich durfte fortan für zwei Wochen am Ende eines jeden Arbeitstages eine Pizza meiner Wahl oder eine Flasche Cote du Pennymarkt mit nach Hause schleppen. Ich wurde immer fetter, meine damalige Freundin bekam ein latentes Alkoholproblem und ich kündigte schweren Herzens.

2) Der Chesterfielder

Ja, ich war Teil eines der berüchtigten Zigarettenpromoteams und habe nie wieder so viele gut aussehende Frauen in solch kurzer Zeit kennen gelernt wie mit den peinlichen Quiz- und Rubbelspielchen. Nach einer fundierten psychologischen Grundschulung einer wirklich durchtriebenen Gebietsleitersau (Danke Max!), die uns versuchte vom exemplarischen Wert des Kippendeals für spätere Jobs bei Sat1 oder der YoungMiss zu überzeugen, stürzte ich mich knietief in den selbstherrlichsten Flirt- und Realsatire-Sumpf aller Nebenjobs dieser Hemisphäre. Man muss das so sehen: Es gibt Geld fürs Verschenken? Ja hallo, wie geil ist das denn? Da spielte es auch keine Rolle, dass das Anforderungsniveau der Gewinnspiele („Was ist Chesterfield? Eine Stadt? Eine Zigarettenmarke? Beides?“) zwangsläufig auch auf den IQ des Promoters zurückfiel („Gehst Du nachher auch noch in den Funpark zum Abdancen?“). Dass ich mit einer LKW-Ladung unberechtigtem Selbstbewusstsein, einem kosmetischen Dauergrinsen und grandioser Rätselpreise (Puzzle, Puschel, Parkzeitscheibe) eine Adressliste von den wirklich steilsten Raucherinnen der Stadt anlegen konnte, verschweige ich hier besser.

3) Der Rosenverkäufer

Ich habe so einiges gemacht! Ich war nicht nur Pizzabote und Zigarettenpromoter, nein, auch nicht nur Theker und Nebenbei-Schreiberling. Ich war auch Hausmeister in einem Medizinlabor für künstliche Knochen, habe nachts zwischen Gleisratten Güterwagons ausgeladen und für eine Apotheke lebende Blutegel zur Krampfader-Behandlung nach Frankreich geschafft. Nur Rosen, die habe ich nie verkauft – leider! Noch heute ist es für mich der poetischste aller Nebenberufe dieser Welt. Wer in die tiefen, dunklen Augen eines echten Rosenmannes schaut, sieht Menschen, die sich aufmachen, um mit einem Zeichen der Liebe aus einer ALDI-Tüte ihr tägliches Brot zu verdienen. Gepeinigt von Ihren kriminellen Chefs und platten Kunden („Die häsch doch eh im Stadtgarte ´klaut!“ – „D´ Rosemafiosi wieder!“ – „Gang dich lieber mol im Ganges wäsche!“) haben sie das Spiel kapiert:

Don´t cry – just work! Um mehr geht es nicht.



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