Für vier Wochen Filialleiter

Christian Deker

Katharina (21) und Tobias (18) leiten zurzeit zusammen mit sechs anderen Auszubildenden die dm-Filiale in Merzhausen. Die “echten” Mitarbeiter müssen in Zukunft aber nicht um ihre Arbeitsplätze bangen, denn die Konkurrenz aus Reihen der Azubis hat nur für vier Wochen im Rahmen des Projekts “Lehrlingsfiliale” das Sagen.



Während der vier Wochen können die Drogisten in spe ihr Wissen anwenden und selbst Verantwortung übernehmen. Die jungen Mitarbeiter im letzten Lehrjahr sind für alle Abläufe im Drogerie-Markt selbst verantwortlich ? die Kundenberatung, die Mitarbeitereinsatzplanung, die Kassenabwicklung und die Warenbestellung regelt das junge Team in Eigenregie.   Das sei schon eine interessante Erfahrung, erzählt Tobias, angehender Drogist im dritten Lehrjahr: “Wenn man in der Filiale steht und es keinen Leiter oder Vorgesetzten gibt, bemerkt man Kleinigkeiten, die einem vorher gar nicht aufgefallen wären.”


  Katharina berichtet, dass sie bei der Übernahme der Filiale manche Dinge erst einmal suchen mussten, zum Beispiel die Einkaufswagen. Aber nach einer Eingewöhungszeit klappt inzwischen fast alles wie am Schnürchen.

Am ersten Tag wurde die Filiale von den echten Mitarbeitern an die Lehrlinge übergeben. Der wirkliche Filialleiter drückte den acht die Schlüssel in die Hand; dann wurde der Tresor noch abgerechnet, damit mit dem Geld auch alles stimmt. “Die echten Mitarbeiter sehen das ganz locker”, berichtet Katharina, die eine Ausbildung zur Handelsassistentin macht. Während der vier Wochen haben sie entweder Urlaub oder arbeiten in dieser Zeit in einer anderen Filiale.

  Die acht Lehrlinge haben bewusst keinen “Filialleiter” unter sich auserkoren. Es gibt auch keinen rotierenden Chefposten. Statt einem “bestimmerischen” Vorgesetzten setzen sie ganz auf die Kraft des Teams: “Wir wollen alle wichtigen Dinge gemeinsam entscheiden ? erstaunlicherweise klappt das auch gut”, sagt Tobias. Katharina gesteht aber ein, dass es nur deshalb funktioniere, weil es sich um ein von vornherein zeitlich beschränktes Experiment handle.

Ende Mai wird es eine Mitarbeiterbesprechung geben, in der einige Dinge geklärt werden, die noch nicht ganz klappen. Zum Beispiel gibt es Probleme mit Fotos, die schon vor langer Zeit bestellt, bis jetzt aber noch nicht abgeholt wurden.  



Auch im Bereich Marketing haben sich die vorübergehenden Filialleiter etwas einfallen lassen: Zum Start der Fußball-WM am 9. Juni werden sie mit “Flagge auf der Backe” beraten und verkaufen. Vielleicht lässt sich der Umsatz mit brasilianischen oder deutschen Nationalfarben im Gesicht etwas steigern. Außerdem wird es zum einjährigen Geburtstag der Filiale Anfang Juni zehn Prozent Rabatt auf alle Artikel geben.   Die Lehrlinge haben bei der Kundschaft mit ihrer “eigenen” Filiale bislang gute Erfahrungen gemacht. “Die Kunden nehmen die Aktion gut auf und sprechen uns sogar gezielt darauf an”, sagt Katharina. Und tatsächlich: Die Azubis beherrschen ihr Handwerk. Als ein Kunde nach Staubsaugerbeuteln fragt, kommt die Antwort von Katharina und Tobias wie aus der Pistole geschossen - und dazu noch in einträchtigem Chor: “Haben wir nicht, gibt’s aber bei Minimal”.