"Für eine Flasche Bier muss man 25 Minuten joggen": Interview mit einem Fitness-Experten zum Winter-Training

Philipp Schulte

Winter-Zeit ist Fitness-Zeit. Doch bevor man wild drauf los trainiert, gilt es einige Dinge zu beachten: Bin ich geeignet für Muskel-Training, welche Rolle spielt die Ernährung? Fitnessexperte Michael Behringer von der Sporthochschule Köln hat Tipps parat:



Herr Behringer, muss ich das ganz Jahr über zweimal die Woche trainieren, um einen besseren Körper zu bekommen und ihn auch zu behalten, oder kann ich mir auch mal eine Pause gönnen?

Die Pausen sind in unserem Alltag meist vorprogrammiert. Die wenigsten von uns haben die Möglichkeit ihr ganzes Leben nach dem Sport auszurichten. Aber auch Spitzensportler machen mal Pause und das ist vollkommen in Ordnung.

Wie lange kann diese Pause sein?

Da gibt es keine generelle Antwort. Mit zunehmender Pausendauer wird die aufgebaute Muskelmasse wieder zurückgehen. Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Ab wann einem dieser Effekt zu "viel" ist, bleibt eine individuelle Bewertung.

Kann ich einfach bedenkenlos drauflos trainieren oder wäre es klug, einen ausgebildeten Trainer zu Rate zu ziehen?

Die Betonung müsste dann auf „gut ausgebildeten“ Trainer liegen. Viele Zertifikate machen den Trainer nicht zum Experten, sondern nur zu dem, der vor der Gruppe steht und für das Training Geld verdient.

Ab einem bestimmten Alter heißt es ja: Erst zum Arzt, dann zum Sport. Wann ist es sinnvoll, sich von einem Mediziner beraten und durchchecken zu lassen, bevor ich meine Muckis stähle?

Es gibt zahlreiche Erkrankungen, bei denen das „bedenkenlose drauflos trainieren“ schädlich, wenn nicht sogar tödlich enden könnte. In diesen Fällen ist die Absprache mit dem Arzt zwingend. Dazu gehören insbesondere Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Nicht immer wissen die betreffenden Personen aber, ob Sie unter einer potenziell gefährlichen Erkrankung leiden. Wenn man sich da unsicher ist, sollte man sich mit seinem Arzt in Verbindung setzen.

Was halten Sie von Fitness-Apps oder YouTube-Videos, in denen Privatleute Übungen vormachen?

Auch Fitness-Apps oder YouTube-Videos sind nicht grundsätzlich schlecht. Aber was wissen wir in den meisten Fällen über die Qualifikation der dahinter stehenden Personen? Der dicke Oberarm des Vorturnenden reicht leider häufig den jugendlichen, aber auch erwachsenen Zuschauern und Nutzern als Beweis für dessen Expertise – auch wenn die Muskelberge vielleicht nicht mit legalen Substanzen entstanden sind.

Welchen Ernährungsplan sollte ich verfolgen?

In vielen Fällen reicht eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung. Die meisten Menschen wissen ziemlich genau, was zu den nicht so gesunden Dingen gehört und worauf sie besser verzichten sollten. Hier ist es vielleicht übertrieben von einem Ernährungsplan zu sprechen. Das ist häufig eher eine Einstellungs- und Motivationsfrage. Wer bei massivem Übergewicht mit dem Argument kommt: „Ein bisschen was muss man sich aber schon gönnen dürfen“ sollte vielleicht an seiner Einstellung arbeiten, denn oft ist dieses "bisschen" eine ordentliche Kalorienbombe. Trotzdem halte ich es für sinnvoll sich mit der Materie auseinander zu setzen – im besten Fall mit einem Profi.

Ein Stück Kuchen mit Freunden einmal die Woche, ist das in Ordnung?

Das eine Stück Kuchen in der Woche ist sicher nicht das Problem. Problematisch ist eher das, was im Alltag abläuft. Viel zu oft greift man hier aus Zeitmangel zu Fast-Food oder zu Süßigkeiten. Man sollte sich für eine vernünftige Ernährung Zeit nehmen. Das gilt auch für deren Planung. Interessant ist es, wenn man einmal die Zeit gegenüber stellt, die man pro Woche für das Training opfern möchte und wie wenig Zeit man für die eine gesunde Ernährung investiert. Dazu gehört Planung, Zubereitung und die Aufnahme - in Ruhe.

Ist ein Belohnungsbier nach dem Training drin?

Das kommt ganz auf das persönliche Ziel, die sonstige Ernährung und das absolvierte Training an. Eine Flasche Bier hat ca. 210 kcal. Um die Energiemenge zu verbrauchen, muss eine 70 Kilo schwere Person in etwa 25 min joggen. Es gibt aber sicherlich bessere Rituale als nach dem Training Alkohol zu sich zu nehmen.

Was halten Sie von Bootcamps als Alternative zum Fitness-Studios?

Sport-Bootcamps sind gut mit Kursen vergleichbar, die von Fitnessstudios angeboten werden. Das Outdoor-Element wurde von den Bootcamps nicht neu erfunden, schließlich werden auch jetzt schon Lauf- und Nordic-Walkingkurse an der frischen Luft angeboten, um dem Fitnessstudio zu entfliehen. Es ist also letztlich eine Erweiterung des Programms für Menschen, die ein etwas raueres Flair brauchen, um sich zu motivieren.

Welche Verletzungsrisiken bergen Bootcamps?

Ob Bootcamps mit einem erhöhten Verletzungsrisiko verbunden sind, kann man nicht pauschal beantworten. Bei gewissen Grunderkrankungen sind alle körperlichen Aktivitäten potenziell gefährlich. Bei Unsicherheit in diesem Punkt sollte vor der Aufnahme des Sports ein Arzt konsultiert werden. Klar ist auch, dass hochintensive Belastungen wie im Sport-Bootcamp beispielsweise bei kardialer Vorbelastung tendenziell gefährlicher sind als niedrig intensive Belastungen wie beispielsweise beim Yoga. Hinzu kommt jedoch beim Sport-Bootcamp, dass häufig irgendwelche Geräte für das Training zweckentfremdet werden. Die sonst so hoch gesteckten Anforderungen an die Ergonomie der Fitnessgeräte im Studio werden dabei plötzlich fallen gelassen.

Zur Person

Michael Behringer ist Leiter der Muskelforschung am Institut für Trainingswissenschaften der Sporthochschule Köln.