Für drei Jahre und einen Tag: Ein Zimmermann geht auf Wanderschaft

Sophie Passmann

Für drei Jahre und einen Tag nicht nach Hause: das ist nur eine der Regeln, die Zimmermannsgeselle Moritz Passmann aus Münchweier bei Ettenheim als Wandergeselle befolgen muss. Vergangene Woche ist er losgezogen. Und hat bei seiner Abschiedsfeier erzählt, warum er raus will in die Welt, auf "Tippelei".



"Heute gibt’s Ohrlöcher umsonst! Freiwillige vor! Tut’s für euren Liebling!“, ruft Alfred durch die Halle und schwingt mit einem großen Hammer. Freunde und Verwandte von Moritz schauen sich nervös um. Lässt sich jemand freiwillig ein Ohrloch mit Hammer und Nagel stechen?


Moritz will. Danach wischt er sich zufrieden das Blut vom Hals. Genau wie alle anderen Wandergesellen hat er das Ohrlochstechen jetzt hinter sich.



Es ist sein letzter Abend in der Heimat. Morgen wird er dem Vertrauten 3 Jahre und einen Tag den Rücken kehren: Moritz geht auf die Wanderschaft.

Da, wo Moritz sonst sägt, misst, zeichnet und baut, stehen jetzt Tische und Bänke. Die große Halle seines Lehrbertiebes füllt sich immer mehr. Knapp hundert Leute wollen ihn und seine Entscheidung auf die Walz zu gehen heute Abend feiern. Unter den Gästen sind nicht nur Freunde und die Familie sondern auch reichlich Wandergesellen, die ihn am nächsten Tag „losbringen“ werden, ihn mit auf Wanderschaft nehmen wollen.

„Natürlich wird mir der Abschied irgendwie schwerfallen, aber ich glaube für die daheim wird es wesentlich schwieriger", sagt Moritz. "Mich erwarten lauter neue Eindrücke, ich lerne neue Leute kennen, da fällt es einem einfach leichter, nicht an Zuhause zu denken. Da wo ich weggehe, fehle ich eben einfach, vor allem bei meiner Familie wird dann wahrscheinlich irgendwie ein Loch sein. Trotzdem sind es meine Eltern, die am meisten darunter leiden, aber auch gleichzeitig die sind, die am stolzesten sind, immerhin sieht ihr einziger Sohn jetzt die Welt.“ Moritz lächelt.

"Das mit der Wanderschaft ist auch nichts Neues für meine Familie", erzählt er. " Ich wusste schon im ersten Lehrjahr, dass ich auf Tippelei gehen möchte. Ich habe angefangen, mich zu informieren und bei den Wandergesellen bekannt zu machen. Ich bin zu den Treffen zugereist. Wenn man sich nicht ungeschickt anstellt, mögen die einen. Vor allem, wenn man selber auf die Walz gehen will."

Moritz sieht die Wanderschaft als Chance. "Ich kann mein Handwerk erlernen und gleichzeitig die Welt sehen. Ich bin erst dieses Jahr mit der Lehre fertig geworden und habe fast noch überhaupt nicht als Geselle schaniegelt. Darauf freue ich mich jetzt erstmal am meisten … endlich was zu arbeiten, obwohl es ja heißt, dass wir lieber einen trinken. Das ist natürlich nicht wahr!“

Die Männer mit ihrer Kluft und dem schwarzen Hut auf dem Kopf mischen das Partybild zwar gehörig auf, finden aber vor allem bei den weiblichen Gästen großen Anklang. „Nicht nur deshalb die beste Entscheidung, die ich treffen konnte!“, sagt Moritz und grinst, als er einen der Wandergesellen beim Tanzen mit einer großen, brünetten Dame zusieht. „Ich hab Fernweh, und das muss jetzt gestillt werden! Ich bin einfach nur glücklich.“

Und trotzdem fließen fast überall die Tränen, als Moritz’ Vater seine Rede hält. Er erzählt von den alltäglichen Sachen, den Macken, den Problemen, den Angewohnheiten seines Sohnes. Was ihn daran traurig macht, dass er geht. Was ihn freut. „Jetzt kommen einem die normalen Sachen, die Anwesenheit von dem, der geht, so komisch vor. Das ist immer wieder aufs Neue eine aufreibende Sache für die Angehörigen“, erklärt ein Wandergeselle. „Aber wir, wir sind abgehärtet. Wir machen so was ja öfters mit!“

„Das ist alles die Kluft!“, ruft Alfred Moritz vielsagend in breitem Hessisch zu, als er Bier für sich und eine kleine rothaarige Frau holt. Die Kluft ist das, was die Wandergesellen in der Öffentlichkeit ständig tragen. Sie besteht aus einer Schlaghose, einer Weste, einem Jacket und einer Staude, einem weißen, kragenlosen Hemd. Je nach Beruf hat die Kluft eine andere Farbe, schwarz, beige, grau oder weiß. Als Zimmerer trägt Moritz eine schwarze Kluft. Seine Habseligkeiten verstaut jeder Wandergeselle in einem Charlottenburger, kurz Charlie, einem 80 mal 80 cm großen Leinentuch.

Alles was nicht in den Charlie passt, nimmt man als Wandergeselle nicht mit. „Wahrscheinlich nehme ich viel zu viel mit. Den Rest muss ich dann einfach wieder zurückschicken. Mal sehen, das kann ich alles jetzt noch nicht wissen“, erzählt Moritz und holt sich ein neues Bier.

„Mach ruhig, wir haben nur 400 Liter!“, sagt Alfred zu Moritz, als er ihn an der Theke sieht. „Ach, das reicht ja eh nicht!“, antwortet er, geht aber zum Kühlschrank und holt sich eine Flasche Wasser. „Man muss einfach den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen. Wenn nicht, bekommt man es anders gesagt!“, sagt
er und nimmt einen Schluck.

Alfred ist Moritz’ Altgeselle und wird die ersten 3 Monate mit ihm unterwegs sein. In dieser Zeit wird er ihm zeigen, was er zu tun und zu lassen hat. Er weiht ihn in die Geheimnisse ein, die die „Kuhköppe“, also die nicht Wandernden, nicht erfahren. In zwei Wochen wird Moritz in den Schacht aufgenommen. Die Schächte sind Vereinigungen von Wandergesellen und haben alle etwas unterschiedliche Regeln.

Wenn ein Wandergeselle in den Schacht erwandert, also aufgenommen wurde, darf er die Ehrbarkeit tragen. Die Ehrbarkeit ist, je nach Schacht, ein farbiger Schlips, ein Ohrring oder eine Anstecknadel. Sie zeigt, dass man ein „zünftig reisender Schachtgeselle ist“.



„Schweißfuß!“ Die Wandergesellen gröhlen, als einer von ihnen mit dem Zeigefinger gegen den Zwei-Liter Glasstiefel abschnippst, und einen großen hageren Tippelbruder mit Melone herausfordernd anschaut. Der, dem der „Schweißfuß“ gilt, weiß was er zu tun hat: Er schnippst auch ab, trinkt den Rest Bier und sagt leise ein kleines Sprüchlein auf, lässt die Hand um das Glas kreisen und haut mit der Handfläche drauf. „Wer holt Bier?!“ Es wird noch lange gefeiert. Die Nacht verbringen die Wandergesellen und das ein oder andere Anhängsel in der Halle von Moritz' Lehrbetrieb. Die eigentliche Zeremonie steht noch bevor.

Am nächsten Morgen trifft man sich bei Moritz zuhause. Der eine eher verkatert, der andere hat interessante Geschichten vom Vorabend zu erzählen. Trotzdem ist die Stimmung geladen. Selbst dass der Stiefel ein weiteres Mal die Runde macht, diesmal mit Weiswein, kann die Atmosphäre nicht entspannen.

Moritz läuft rastlos hin und her und begutachtet noch einmal seine Kluft und das Elternhaus. „Ein komisches Gefühl, wenn man weiß, dass man das jetzt erstmal zum letzten mal sieht…", sagt er und steckt sich eine Tube Zahnpasta in die Seitentasche seiner Hose.

„Geht jetzt alle noch mal aufs Klo und dann laufen wir los!“, ruft Alfred in die Runde. Und dann machen sich Wandergesellen, Freunde und Moritz' Familie auf den Weg Richtung Ortschild. Die Wandergesellen laufen voraus, bringen lautstark ein Ständchen und beanspruchen die ganze Straße für sich. Die Familie läuft hinterher, doch Moritz darf sie nur mit einem Blick über die Schulter trösten: Er muss weiterlaufen.

„Je länger der Abschied dauert, destso schlimmer wird’s!“, ermahnt einer der Wandergesellen Moritz, als es, am Schild angekommen, Zeit fürs Tschüss-Sagen wird. Bevor er das aber darf, muss er noch eine Schnapsflasche vor dem Ortschild vergraben. „Damit du nicht durstig nach Hause kommen musst!“, ermutigt Alfred ihn, als Moritz sich sichtlich angestrengt an den Spaten lehnt.



Zuerst verabschiedet er sich bei den Bekannten, Arbeitskollegen, Freunden und den Feuerwehrkameraden, die in Uniform und mit Martinshorn die Straße abgesperrt haben. Erst dann darf Moritz seine Familie zum letzten mal für mindestens 3 Monate in den Arm nehmen. In dieser Zeit darf er keinerlei Kontakt nach Zuhause haben. Die Wandergesellen versuchen Moritz’ Schwestern mit ein paar Späßen aufzuheitern, während Moritz seine Eltern beruhigt.

„Jetzt hör endlich auf mit der sentimentalen Kacke und steig übers Schild!“, ruft ein Einheimischer, ein ehemaliger Wandergeselle eines anderen Schachtes.



Alfred nickt Moritz zu. Er sagt seine vorerst letzten Worte zu seiner Mutter und steigt per Räuberleiter aufs Schild. Der ein oder andere erwartete dann noch eine große Rede. Aber Moritz nickt nur noch seinen Eltern zu, hebt seinen Stenz und streckt die Zunge raus. Dann steigt er ab und läuft laut singend mit den anderen Gesellen von dannen. Zurückgucken darf er nicht nicht. Der Blick auf die Heimat war der vorerst letzte.

Für 3 Jahre und einen Tag.



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[Disclaimer: fudder-Mitarbeiterin Phie ist Moritz' Schwester]