fudder-Themenwoche

Für diese fünf jungen Freiburger ist der Tod kein Tabu

fudder-Redaktion

Was bewegt junge Menschen dazu, mit Sterbenden und Trauernden zu arbeiten? Fudder hat fünf Personen in Freiburg getroffen, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit dem Tod befassen.

Sie sind jung und haben keine Angst vor der Begegnung mit dem Tod. Ein 25-jähriger Bestatter, eine 23-jährige Hospizmitarbeiterin: Fudder hat junge Menschen in Freiburg getroffen, die sich hauptberuflich oder ehrenamtlich mit dem Sterben befassen. Was bewegt sie dazu? Und wie denken sie dadurch über ihre eigene Vergänglichkeit nach?


Die Trauerrednerin

Mitte März fasste Laura Schröer einen Entschluss. Sie kündigte beim Freiburger Angell, wo sie Religion unterrichtete. Ende Juli soll der Teilzeitjob ein Ende finden – damit sie sich mit dem Ende befassen kann. Die 25-Jährige macht sich derzeit als Trauerrednerin selbstständig.

Seit Herbst 2018 spricht sie nebenberuflich auf Trauerfeiern. Ihr Projekt heißt "Anvertraut". Sieben Trauerfeiern hat sie bisher begleitet. Im Umgang mit Bestattern ist sie oft die Jüngste.



Als 13-Jährige kam sie mit dem Thema in Berührung, als sie von der Kirchengemeinde in ihrem pfälzischen Heimatort gefragt wurde, ob sie bei Messen Orgel oder Klavier spielen könnte. Fortan saß Schröer bei der Sonntagsmesse oder Trauerfeiern auf dem Organisten-Stuhl. Dadurch sei der Tod für sie ein Stückweit vertrauter geworden, sagt sie. Nun, mehr als zehn Jahre später, tauscht sie den Organisten-Hocker gegen die Rolle am Mikrofon. "Freunde haben zu mir gesagt, dass ich in solchen Trauermomenten Kraft und Wärme ausstrahle", sagt Schröer. "Ich sehe es als meine Aufgabe, das in die Welt einzubringen."



Es gibt aber auch ein eigenes Erlebnis, das sie mit dem Tod stark verbunden hat. Mit 17 Jahren verlor sie ihren Vater. Er nahm sich das Leben. Danach, sagt sie, habe sie gemerkt, dass mit Tod und Trauernden merkwürdig umgegangen werde. Freunde und Verwandte reagierten mit Floskeln, änderten ihr Verhalten ihr gegenüber, gingen auf Abstand. "Dabei wollte ich gerne so behandelt werden wie zuvor", sagt Schröer.

"Ich möchte erinnern, dass trauernde Menschen lebende Menschen sind." Laura Schröer
"Für mich ist der Umgang mit Trauer und Tod verstaubt", sagt sie heute. "Ich möchte erinnern, dass trauernde Menschen lebende Menschen sind." Nach dem Tod ihres Vaters stellte sie sich Fragen: Was sagt mir der Tod übers Leben? Für sie heißt über den Tod nachdenken, über das Leben zu sinnieren. Sich zu fragen, ob man gerade bewusst lebt. Auch im März dachte sie über diese Fragen nach. Kurz bevor sie kündigte und sich für die Arbeit als Trauerrednerin entschied.

(von Anika Maldacker)


Die Palliativ-Psychologin

Unmittelbar. Intensiv. Tiefberührend. Diese drei Dinge nennt Luise Hahn, fragt man sie nach den positiven Seiten ihres Berufes. Sie ist Psychologin der Palliativstation der Universitätsklinik Freiburg und begleitet Menschen, die bald sterben. "Im Austausch mit den Patienten spüre ich sehr direkt, was es für extremen Schmerz geben kann." Die Gespräche, die sie als Psychologin führt, machen sie "froh und glücklich". Sie spricht aber auch über die schlimmen Momente: "Sterben und Tod sind auch hässlich." Das reflektieren zu können sei wichtig, sagt sie. Es gibt Gespräche, die besonders lange nachklingen. Etwa, wenn ihr der Ehemann einer jungen Patientin erzählt, dass sie eigentlich jetzt Kinder geplant hatten. In diesen Momenten spürt sie dem Gefühl nach, weint auch mal – und lässt los.



Seit einem Jahr ist Luise Hahn Teil eines Teams aus Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten und Sozialarbeitern, das unheilbar Kranke in den letzten Tagen oder Wochen ihres Lebens begleitet. In der Palliativmedizin werden Menschen mit einer begrenzten Lebenserwartung ganzheitlich behandelt, "medizinisch, sozial, psychologisch und spirituell", erklärt Hahn. Wer ihren Job mache, dürfe keine Berührungsängste haben. "Ich gehe offen auf die Menschen zu und bin für sie da." Die Menschen sprechen häufig erst über banale Dinge, doch fast immer landet die Kommunikation beim Thema Sterben. "Wer von seinem Hund erzählt, kommt drauf zu sprechen, dass er sich bald nicht mehr um ihn kümmern kann."

Hahn hat mit ihren 27 Jahren noch nicht viel eigene Erfahrung mit dem Thema Sterben. Die ständige Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens führe aber dazu, dass sie sich mit ihrem eigenen Tod mehr auseinandersetzt. "Es ist mir präsenter, dass das Leben jederzeit vorbei sein kann." Wenn sie nach einem harten Arbeitstag abschalten möchte, tanzt und unterrichtet sie Lindy Hop. "Das Tanzen hat etwas rein Körperliches", sagt sie. Und es strahlt vor allem eines aus: pure Lebensfreude.

(von Gina Kutkat)
Themenwoche

fudder beschäftigt sich in dieser Woche mit jungen Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit dem Tod befassen. Damit möchte die Redaktion einem Thema, über das selten gesprochen wird, Raum geben. Von Montag bis Freitag stellen wir jeden Tag einen jungen Menschen vor, der auf eine bestimmte Art und Weise mit dem Sterben in Berührung kommt.

fudder: Alle Porträts zur Themenwoche

Die Hospizarbeiterin

Manche der Gäste wird Patricia Vorderegger nie kennenlernen. Sie sterben, bevor die 23-Jährige ihren Dienst im Hospiz Karl Josef in Freiburg antritt. Seit Januar dieses Jahres arbeitet sie dort einmal in der Woche als ehrenamtliche Hospizhelferin. Ein großer Schritt in ihrem Leben, wie die studierte Religionspädagogin sagt. Das Hospiz bietet acht Einzelzimmer für unheilbar kranke und sterbende Menschen, die man dort Gäste nennt. Sie bleiben durchschnittlich zehn Tage. Sie ist eine von rund 20 ehrenamtlichen Hospizkräften, die die 16 hauptamtlichen Mitarbeiter bei ihrer Arbeit unterstützen. Mit ihrer Arbeit möchte sie die Lebensqualität der Menschen verbessern und sie auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleiten.



Mittags besucht sie sie in ihren Zimmern und holt sie zum Essen ins sogenannte Wohnzimmer. So heißt der Raum, in dem die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden. Manche Gäste sind dafür zu schwach und bleiben in ihren Zimmern. Dann hält die 23-Jährige ihre Hand und hört ihnen zu. Die Menschen sprechen mit ihr über das Leben und Dinge, die sie gerne gemacht haben, als sie noch jung waren. Der Tod spielt in den Gesprächen kaum eine Rolle.

Wenn Vorderegger über ihre Arbeit spricht, fallen Begriffe wie Zuwendung und Umsorgung. Danach sehne sich doch jeder Mensch, sagt sie. Selbst möchte sie das Leben noch bewusster angehen. Gemeinschaft leben und einen Kontrapunkt zur Anonymität in der Gesellschaft setzen, sind ihr zu einem wichtigen Anliegen geworden. Kraft und Halt findet sie selbst in der Natur, im Gespräch mit Freunden und in der Musik. Sie spielt Klavier und Gitarre in ihrer Wohngemeinschaft. Auch der christliche Glaube spielt in ihrem Leben eine Rolle. "Ja, ich würde sagen, dass ich religiös bin. Schließlich habe ich auch Religionspädagogik studiert", sagt sie und lacht. Ihr ehrenamtliches Engagement will sie jedenfalls nicht mehr missen.

(von Bernhard Amelung)

Die Fotografin

Stirbt ein Baby vor, während oder kurz nach der Geburt, ist es ein Sternenkind. Das Projekt "Dein Sternenkind" bietet Eltern in einem solchen Fall die Möglichkeit, einen Fotografen hinzuzuziehen. Was für viele makaber wirkt, sieht Christiane Cloete aus Freiburg-Opfingen als eine wertvolle Stütze zur Trauerbewältigung für die Eltern. Seit 2015 ist die 34-Jährige als Sternenkind-Fotografin ehrenamtlich tätig und wurde bisher zu zwei Einsätzen gerufen.



Für sie geht es nicht darum, ein Foto von einem toten Baby zu machen. Sie will die Beziehung der Eltern zu ihrem Kind festhalten, damit sie sich daran erinnern können. Vor allem die Mütter hätten oft ein Redebedürfnis. Wie war das Kind in der Schwangerschaft? "Einmal wollte die Mutter das Kind zuerst nicht anfassen", erzählt sie. "Aber ich hatte das Gefühl, es wäre wichtig, dass sie später so ein Foto hat." Gedrängt werden die Eltern in diesem vielleicht schlimmsten Moment zu nichts. Cloete macht Vorschläge sanft, ohne Nachdruck. "Man muss sich vor Augen führen, selbst ein neugeborenes Baby hat eine Körperspannung, das fühlt sich ganz anders an."

Ihre Arbeit für das Sternenkind-Projekt wirkt sich auch auf ihr Leben aus. Manchmal sei es schwer, das Besondere an Alltäglichem zu sehen. Aber nach einem Foto-Termin umarme sie ihre Kinder ein bisschen fester, sagt sie. Die Möglichkeit, dass ein Baby tot zur Welt kommt, würden viele Menschen verdrängen. Die Option, dieses Kind zu fotografieren, erscheine dann absurd. Für Cloete ist Sterben ein Vorausgehen.

Ihre Arbeit als Fotografin von Sternenkindern hat nichts Schaulustiges. Es ist das Festhalten der Beziehung zu einem Kind. So erkennt sie in ihrer Arbeit die Liebe, nicht nur den Schmerz.

(von Jannis Jäger)
Der Bestatter

Kevin Knörr ist 25 Jahre alt, kommt aus Ehrenkirchen, sprüht geradezu vor Lebensfreude und ist Bestattungsfachkraft. Sein Traumberuf seit Kindertagen war die Arbeit im Rettungsdienst. Während seiner Ausbildung zum Rettungsassistenten kam es immer wieder zu Notfällen, in denen er das Leben der Menschen nicht retten konnte. "Dann geht man einfach und weiß nicht, wie es mit der Person weitergeht." Für Knörr waren es menschliche Neugier und die Frage "Was passiert danach?", die ihn zu einem Praktikum und dann zur Ausbildung zur Bestattungsfachkraft führte.



Seit 2017 arbeitet Knörr als Bestatter beim Bestattungsinstitut Müller in Freiburg, seine Arbeit ist seine Berufung. Mit ruhiger Stimme sagt er, dass sein Job schwer sei. Der tägliche Umgang mit dem Tod sei schwer zu verdauen. Der Tag beginne meist mit Ungewissheit. Oft weiß Knörr nicht, was ihn erwartet, denn ein Bestatter macht vieles: Die Versorgung des Verstorbenen, die Planung der Trauerfeier, Bürokratie. Doch das Wichtigste ist der Umgang mit den Angehörigen. Knörr sieht sich als Stütze. Als jemanden, der die Angehörigen bei der Hand nimmt und sie durch die schwere Zeit begleitet.

"Egal, wie schlimm die Situation sein mag, ich kann für die Angehörigen das Beste daraus machen. Das ist meine Motivation." Die ständige Auseinandersetzung mit Tod und Trauer ist auch für Knörr schwer. Über das Erlebte spricht er mit Kollegen und der Familie. Nur so könne man es verarbeiten, sagt er. Der Job hat ihn verändert: Er ist positiver und dankbarer geworden. Er legt allen ans Herz, jeden Tag zu schätzen und zu nutzen.

(von Julia Stulberg)
Du liest gerne fudder?

Damit fudder jungen Journalismus aus Freiburg bieten kann, bitten wir Dich um Deine Unterstützung. Werde Mitglied in fudders Club der Freunde.

Als Bonus gibt’s für Dich exklusive Veranstaltungen und Gewinnspiele und vieles mehr: Elf Gründe, warum wir Dein Geld wert sind.

Mehr zum Thema: