Fünf Verfremder

Johanna Schoener

"Let the world go slow" hieß es im ersten Lied der Pentatones. Und tatsächlich: Die Welt drehte sich an diesem spätsommerlichen Samstagabend in der gut gefüllten Spechtpassage beim Jos Fritz langsamer und verlor sich für knapp anderthalb Stunden zwischen den in der Häuserschlucht widerhallenden Klängen, die die Pentatones im Zusammenspiel von Instrumenten, Computern und der anrührenden aber nie fragilen Stimme ihrer Sängerin erzeugten.



Für die Cousins Schnigg alias Julian Hetzel und Hannes Waldschütz war das Konzert ein Heimspiel, denn sie kommen aus der Region Offenburg. Seit ihrem Auftritt als Hip-Hop-Act “Die Neffen und der Sohn” mit zwei weiteren Vettern beim Familienfest ist viel passiert. In Köln haben sie 2001 das Kapitel Hip-Hop beendet, die Pentatones gegründet und sich der elektronischen Musik verschrieben. Über Bremen verschlug es sie nach Weimar, wo sie die Sängerin Delhia aka Franziska Grohmann und den Pianisten Albrecht Ziepert kennenlernten.


Seit einem halben Jahr bildet dieses Quartett die feste Besetzung der Band. Mit ihrem Tontechniker sind sie fünf ? passend zu ihrem Namen, der auf die Fünftonleiter, die Pentatonik, zurückgeht. Zu fünft finden sie auch samt Equipment Platz in ihrem Bus, was durchaus erstaunlich ist, denn sie benötigen eine Menge Technik auf der Bühne, um ihre hervorragende Mischung aus festen Soundstrukturen und Improvisationen umzusetzen.

Wenn Deliah ein Blatt Papier am Mikro zerraschelt oder laut in das Mikro keucht und atmet, bevor sich ihre warme mal soulige mal zärtliche Stimme über die daraus live entstehenden Samplings legt, vermischen sich auf selbstverständliche Weise Traum und Wirklichkeit. Genauso verhält es sich beim Song "Inshallah", wenn Hannes’ tiefen Kontrabassklänge auf eine melancholisch juchzende Geige aus dem Synthesizer von Schnigg treffen. Die Zeile “it’s getting hard to escape” spiegelt den Gefühlszustand des Publikums wieder.

Das Spiel mit Realität und Verfremdung nahm auch die Scannerinstallation von Tim und Ramon von Youarewatchingusauf. Mit sechs an einem Gerüst aufgebauten Flachbettscannern konnten sich die Besucher einscannen und während des Konzerts die fliehenden Hände oder verzerrten Gesichter auf der Leinwand als die eigenen entlarven. Leider war das Jos Fritz-Publikum vorm Auftritt mit dem Einscannen zurückhaltend, so dass die Videokünstler auf altes Material zurückgreifen mussten.

Auch den Pentatones näherte sich das Publikum mit Bedacht. Der anfangs respektvolle Abstand zur Bühne löste sich nach der Hälfte des Konzerts mit dem Vorwärtsdrängen des Sounds auf. Den Musikern gelang es, diese langsame Annäherung zu einem tanzbaren Höhepunkt zu steigern, um danach die unwirkliche Atmosphäre behutsam wieder aufzulösen. Da das Konzert mit einer Stunde Verspätung begann und draußen stattfand, war um halb elf Schluss, auch wenn man auf und vor der Bühne noch zu mehr bereit gewesen wäre.



Wer im Jos Fritzkeine CD der Pentatones mehr bekommen hat, kann sich über die Homepagean die Band wenden. Im Herbst nehmen sie ein Album auf, das im Frühjahr fertig sein soll. Die vier Studenten, die im Moment gemeinsam in einer WG leben, werden dann noch weniger Zeit zum Schlafen haben, um Studium mit Musikkarriere zu vereinbaren. Nach diesem Konzert wünscht man sich, dass letzteres sich am Ende durchsetzt und man die Pentatones noch auf ganz anderen Bühnen erleben darf.