Fünf Tage auf dem Maidan in Kiew: Ein Freiburger berichtet

Gregor Bauer

Brennende Barrikaden, vermummte Bürger mit selbstgebauten Schlagwaffen und auf Demonstranten schießende Berkut-Spezialkräfte: In den vergangene Tagen zeigten Bilder vom Maidan-Platz in Kiew einen gewalttätigen und blutigen Konflikt. Gregor Bauer, Student aus Freiburg, war fünf Tage auf dem Platz unterwegs. Was er dort erlebt und welche Menschen er getroffen hat:



Am Montag ist alles still. Fast eingeschlafen wirkt das Hin- und Hergetrotte eigenartig maskierter, soldatenähnlicher Gestalten. Längst haben wir uns an sie gewöhnt. Zu Beginn bin ich erstaunt über die Barrikaden, die seit Wochen den Maidan in Kiew umgeben. Die maskierten Männer mit Knüppeln, Baseballschlägern und mittelalterlich anmutenden Waffen machen mir und meinem Freund und Kollegen Matthieu Vétois Angst.

Sind sie wirklich Faschisten, wie deutsche Medien bisweilen behaupten? Worum geht es überhaupt? Warum sterben Menschen auf den Straßen von Kiew?

Wer hat angeriffen?

Hanna, eine Studentin, lacht: In Deutschland seien bewaffnete Demonstranten ja vollkommen fehl am Platz. Aber wenn diejenigen, die das Land regieren, Verbrecher sind, Unbewaffnete bewusstlos und zu Tode prügeln, dann müsse man sich verteidigen.

Eine Studentin, die sich mir als Alina vorstellt, ist mit einigen bewaffneten Demonstranten befreundet. Sie setzen sich zu einem großen Teil aus den Ultras verschiedener Fußballclubs zusammen, sagt sie. Erst als diese nach den Attacken der Berkut zugesagt hätten, die Demonstranten zu beschützen, hätten sich auch Demonstranten auf die Straßen getraut, wo sie eine Minderheit darstellen – im Osten der Ukraine und in kleineren Städten. Sie seien zur Verteidigung Unbewaffneter da.

Matthieu und ich haben Glück und schaffen es, ein Interview mit einem Star des Protestes zu führen. Er sieht eigentümlich aus mit seinem langen Pelzumhang und der mittelalterlichen Waffe, die er unter seinem Metallschild trägt. Bei dem letzten Sturm der Berkut wurde Mykhaylo Havridyuk von ihnen auf offener Straße verprügelt und schließlich bei Eiseskälte gezwungen, sich auszuziehen. Sie drückten ihm eine Axt in die Hand und machten Fotos. Wenige Stunden danach stand er wieder auf dem Maidan. Er wolle bis zum Ende kämpfen – solange er kann. Er sei hier, so sagte er, um die hier stehenden Ukrainer zu beschützen.



Es macht den Eindruck, als wären die Friedensschritte der Regierung eine Falle gewesen und der Sturm des Maidan geplant. Fotos von Munitionsverpackungen deuten darauf hin, dass die Munition, die am Dienstag die Berkut benutzt hat, erst in diesem Monat hergestellt wurde. Der Kompromiss zwischen der Regierung und der Opposition enthielt den teilweisen Abbau der Barrikaden. Vor allem eine Schneise für Fahrzeuge wird von Seiten der Regierung gefordert. Bis Dienstag macht dies keinen Sinn, denn der Verkehr in der Innenstadt blieb selbstverständlich trotzdem gesperrt. Doch fahren bei dem Sturm des Maidan am Dienstag eben gut in die Schneise passende Polizeifahrzeuge durch diese hindurch.

Zwei Szenen prägen sich mir besonders ein: Die Versorgung eines verwundeten Polizisten durch Sanitäter der Demonstranten, während zeitgleich andere Polizisten verhindern, dass Sanitäter einem am Boden liegenden schwer blutenden Demonstranten helfen. Und während ein Truck der Spezialeinheiten in Richtung Demonstranten vordringt, jubeln ihm freudige Berkut zu. Ein Meter neben ihnen liegen die Leichen von zwei Demonstranten.

Ohne Zweifel gibt es gewaltbereite Demonstranten, ohne Zweifel werden Molotow-Cocktails und Pflastersteine auf die Berkut geworfen. Ein junger Mann, der sich mir als Aleksej vorstellt, macht einen martialischen, verrückten Eindruck mit seiner großen Sonnenbrille und der Axt in seiner Hand. Er habe 48 Titushki in den letzten Wochen getötet, behauptet er und lächelt mir zu.

Titushki sind von der Regierung bezahlte Kleinkriminelle, die zu gewalttätigen Gegendemonstrationen geschickt werden. Er wolle noch auf 100 kommen. Ob er stolz sei? Wieder: ein breites Lächeln. Ob er Töten gut findet? Er wisse schon, sagt er, aber wenn er sie nicht tötet, kommen sie und töten ihn. Die von ihm genannten Zahlen sind unrealistisch, da es keine Meldungen von getöteten Titushki gab. Aleksej will sich mit seinen Erzählungen Respekt verschaffen: Gewalt scheint ein Ehrengut geworden zu sein.

Dmytro, ein Unternehmer aus Kiew und Maidan-Unterstützer der ersten Stunde lächelt müde, wenn er über den Anfang des Protestes spricht: „Revolution was like a discothèque.“ Der Aufstand sei ernster geworden. Dennoch: Wir waren erstaunt, wie friedlich die Maidan-‚Soldaten’ auftraten. Nein, sie waren nicht dort, um zu töten, aber sie würden ihr Leben geben für die Menschen, die sie beschützen.

Sind die Demonstranten Faschisten?

Ist das ein Bürgerkrieg zwischen ukrainisch- und russischsprechenden Ukrainern? Nein. Deutsche Medien sollten die Propaganda Yanukovichs nicht übernehmen. Während Matthieu und ich fünf Tage in der Maidan-Zone unterwegs sind, begegnen uns regelmäßig soldatenähnliche Gruppen im Marschschritt, die mit ihren Knüppeln und Masken erschreckend aussehen. Hanna lacht über meine Frage, ob der Protest faschistisch sei. Keiner nehme Thjanibok ernst, und sie habe jüdische Freunde, die mitprotestieren.

Eine der drei Oppositionsparteien, die den Protest mitorganisieren, ist die Swoboda, tatsächlich eine nationalistische Partei. Ihr Vorsitzender Oleh Thjanibok, der 2004 behauptete, die Ukraine werde von einer ukrainisch-jüdischen Mafia beherrscht, ist ein Antisemit. Die Swoboda hat ohne Zweifel rassistische Tendenzen, doch hat sie auf dem Maidan kaum etwas zu sagen. Selbst für jemanden ohne Russischkenntnisse ist es durch die Unterscheidung wichtiger Wörter ohne Schwierigkeiten möglich, Russischsprechende von Ukrainischsprechenden zu unterscheiden. Obwohl die Demonstrationen zentral gegen Russlands Einfluss gerichtet sind, ist ein großer Anteil russischsprechender Demonstranten auffällig.

Vitali Klitschko, Vorsitzender der den Protest mitorganisierenden UDAR-Partei und nach meinem Eindruck der derzeit aussichtsreichste Kandidat für die nächste Präsidentenwahl, spricht russisch. Die Behauptung russischer Medien, der Protest sei rassistisch und gegen russischsprechende Ukrainer gerichtet, ist absurd.



Wo ist die Grenze zwischen Gut und Böse?

Nach fünf Tagen in Kiew und einem endlosen Gesprächs- und Beobachtungsmarathon sind Matthieu und ich einer Meinung: Die Demonstranten sind keine Faschisten. Sie kämpfen für grundlegende Menschenrechte wie die Demonstrationsfreiheit, Gleichberechtigung vor dem Gesetz, körperliche Unversehrtheit und nicht zuletzt auch das Recht auf Leben. Gewalt ist nicht ihr Anliegen. In den vielen Stunden auf dem Maidan ist uns keine einzige Schusswaffe begegnet. Wir wurden in besetzte Häuser gelassen, in ihre Zelte eingeladen, und fast jeder freute sich, mit uns zu reden. So verhält sich niemand, der etwas zu verstecken hat.

Die Militia, der wir begegnen, schaut dagegen böse drein und spricht kein Wort mit uns. Sie geben uns keinen Grund an, wofür sie kämpfen. Das Protestcamp der Regierungsunterstützer ist für uns geschlossen. Selbst das offizielle Presseteam eines ukrainischen Fernsehsenders wird abgewiesen.

Mir wird ein schockierendes Video vorgeführt, das zeigt, wie eine Greisin mit Kopftuch erschossen wird, als sie sich zu den Demonstranten gesellt. Ein Mann wird in einen Hinterhof gezogen und minutenlang durch uniformierte Polizisten verprügelt, bis er bewusstlos ist. Zwei sich unterhaltene Maidan-Unterstützer mit dem symbolischen gelb-blauen Bändchen werden auf offener Straße erschossen – ohne vorigen Kampf oder überhaupt Protest. In den deutschen Medien sieht es oft so aus, als wären ein paar Randalierer mit Steinen und Molotow-Cocktails auf das ukrainische Parlament gestürmt und die Polizei beschützte das Parlament. Nein. Berkut und Militia verübten ein Massaker an schutzlosen Demonstranten.

Vieles, das ich gesehen habe, ist mit Selbstverteidigung und „Ordnung-Schaffen“ nicht erklärbar. Und auch die Polizei- und Spezialkräfte sind Opfer dieses Konflikts, auch unter ihnen gibt es Todesopfer. Sie führen Befehle aus. In manchen Teilen des Landes legen sie bereits die Waffen nieder. In Ternopil beispielsweise hat sich am Mittwoch eine gesamte Einheit der Berkut den örtlichen Demonstranten angeschlossen. Auch sie sind Opfer eines Machtkampfes geworden.

Ein Präsident hat seinem Volk den Krieg erklärt.



Was ist passiert? Eine Chronologie


Am 21. November 2013
legt der ukrainische Präsident Yanukovich ein bereits ausgehandeltes Assoziierungsabkommen zur engeren Zusammenarbeit mit der EU auf Eis. In den folgenden Tagen erhebt sich vielerorts in der Ukraine friedlicher, unbewaffneter Protest gegen eine Hinwendung zu Russland und für eine Zusammenarbeit mit der EU.

Am 30. November 2013 gehen Spezialkräfte der Regierung (Berkut) und eine Art Polizei (Militia) gewaltsam gegen die Demonstranten vor.

Am 1. Dezember 2013 gehen hunderttausende Ukrainer auf die Straße. Der Maidan in Kyiv wird zum zentralen Ort und Symbol des Protestes, der sich nun nicht mehr nur für eine Annäherung an die EU einsetzt, sondern gegen die Brutalität der Regierung Yanukovich. Sein Rücktritt und Neuwahlen werden gefordert.

Am 11. Dezember 2013 stürmen die Regierungstruppen den Maidan. Tausende Ukrainer eilen hinzu, um den Sturm aufzuhalten. Die Berkut und Militia ziehen sich zurück. In den folgenden Tagen steigt die Gewalt gegen Journalisten und Oppositionspolitiker. Die Demonstranten beginnen, sich zu bewaffnen.

Am 17. Januar 2014 wird das Recht auf Demonstration massiv beschnitten. Maskierungen werden verboten, währenddessen Fotos von unmaskierten Demonstranten dazu genutzt werden, sie durch die neuen Gesetze zu langen Haftstrafen zu verurteilen.

Am 19. Januar 2014 versammeln sich wieder Massen auf dem Maidan. Gewaltsame Auseinandersetzungen führen beiderseitig zu Verletzten. Innerhalb von vier Tagen sterben fünf Demonstranten.

Am 14. Februar 2014 werden nach einer eher friedlichen Phase sowie Verhandlungen zwischen der Opposition und der Regierung über 200 Demonstranten frei gelassen. Die Verfahren gegen sie würden laut der Regierung allerdings erst ausgesetzt, wenn die Demonstranten besetzte Regierungsgebäude und Barrikaden räumen.

Am 16. Februar 2014 kommen die Demonstranten den Forderungen der Regierung nach. Die Zeichen stehen auf Deeskalation auf beiden Seiten.

Am 18. Februar 2014 wird den Politikern der Opposition die Debatte über eine Verfassungsänderung vom Parlamentspräsidenten verweigert. Die Demonstranten marschieren zum Parlamentsgebäude, das nur wenige hundert Meter vom Maidan liegt. Massive Gewalt bricht aus. Demonstranten werfen Molotov-Cocktails und Pflastersteine. Berkut schießen von Dächern mit Plastikgeschossen auf Demonstranten und werfen Granaten. Die Militia ist am Nachmittag mit Kalshnikovs bewaffnet. Dutzende Tote.

Am 19. Februar 2014 rücken die Regierungseinheiten weiter auf den Maidan zu. Viele weitere Tote. Militia und Berkut schießen scharf. Eine „Anti-Terror-Aktion“ des Geheimdienstes unter Einbeziehung der Armee wird angekündigt, doch am Abend wird ein Waffenstillstand verkündet.

Am 20. Februar 2014 ziehen sich die Regierungseinheiten von dem Maidan zurück. Als die Demonstranten in den dadurch freigewordenen Raum vorrücken, eskaliert die Gewalt. Schusswaffengebrauch auf beiden Seiten. Berkuti und andere unbekannte Sondereinheiten schießen gezielt auf Nacken und Köpfe – auch von Journalisten und Sanitätern. Gleichzeitig wechseln immer mehr Regierungs-Einheiten und -Politiker die Seiten. Der Westen des Landes ist in der Hand der Demonstranten. Regierungsvertreter verlassen teilweise fluchtartig das Land. Am Abend wird eine Todesopferzahl von mindestens 75 bestätigt.

Der Autor


Gregor Bauer
, 25, studiert in Freiburg Theologie, Philosophie und Wirtschaft. Er organisiert die Veranstaltung „scheisstextescheiss muckekommstetrotzdem“ und war Autor und Regisseur des Theaterprojekts „Endzeitromantik“.

Gregor hat vom 13. bis zum 18. Februar fünf Tage im Protestlager auf dem Maidan verbracht, um einen Bericht für die neue Studi-Zeitung "Freistuz" zu schreiben. Gregor und sein Schweizer Freund Matthieu Vétois, der für eine Genfer Studierendenzeitung schreibt, haben Interviews geführt und Beobachtungen gesammelt, um die Umstände des Protestes zu verstehen.

Ihre erste Krisengebietserfahrung haben sie bereits hinter sich: Vor drei Jahren sind Sie gemeinsam in den Irak gefahren; in Syrien haben sie sich kennengelernt.

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Foto-Galerie: Gregor Bauer

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