Der gute Ton

Fünf Kuriositäten beim Rolling-Stone-Park-Festival im Europa-Park

Annika Vogelbacher

Ein Indoor-Komfortfestival im Europa-Park. Hört sich erstmal nach Adrenalin und Party an. Vor Ort fehlen aber doch die feierwütigen Menschen, der Matsch an den Schuhen und der unkomfortable Festival-Flair.



1. Die Anfahrt

Festivalbesuchende wissen, man sollte viel Zeit für die Anfahrt einplanen. Die Straßen sind meistens in allen Himmelsrichtungen verstopft und beim Festivaleingang muss man nochmal eine gefühlte Ewigkeit warten, weil einfach zu viele Menschen durch die Tore wollen. Das ist beim Rolling-Stone-Park anders. Kein Stau bei der Anfahrt und so leer hat man den Parkplatz am Europa-Park noch nie gesehen. Man fragt sich beinahe, ob man sich im Tag geirrt hat, bis ein älteres Paar fragt: "Wisst ihr wo’s zum Festival geht? Wir dappeln euch mal hinterher".

2. Das Festival-Gelände

Von den Security-Leuten wird man auf Badisch begrüßt und gelangt in das Confertainment-Center des Europa-Parks. Ein Festivalgelände stellt man sich irgendwie anders vor. Die Stimmung erinnert an eine Mischung aus Hotellobby und Messehalle. In der Mitte des Raums steht eine Sofalounge und durch den Raum verteilt Stehtische. An einer Kaffee-Bar kann man Macarons, Eclairs und Kaffee kaufen. Nur ein Merchandise-Stand und eine Plattenbörse erinnern daran, dass es hier um Musik geht.

3. Der Newcomer und das Publikum

Aus dem romantischen Spiegelzelt klingt Malik Harris weiche Stimme. Im Publikum sind etwa 70 Leute, durchschnittliches Alter 40. In der Hand halten sie Rotwein- oder Rothausbiergläser. Moment mal, Rotweingläser auf einem Festival?! Schnell wird klar: Das ist kein normales Festival. An den Seiten des Spiegelzelts sind Sitzbänke angebracht, auf denen die Gäste schon um 19 Uhr dankend Platz nehmen. Sie sehen ausgebrannt aus, obwohl das Festival erst vor zwei Stunden angefangen hat.

Malik Harris, 21 Jahre, ist mit seiner an Bruno Mars erinnernden Stimme und seinem unbestreitbaren Charme wirklich süß. Aber noch süßer ist das Publikum. Gekleidet sind die Millennials mit Karohemden oder schlicht und immer-passend in schwarz mit umgebundener Jacke und ganz ohne Festival-typischen Glitzer im Gesicht. Erklärt Malik Harris, wie er mit der Loop-Technik seine eigene Band darstellt, hören sie konzentriert und bewundernd zu. "Das mache ich, weil keiner mit mir zusammen spielen will" witzelt Harris und gleich teilen ihm alle mit, dass das ja wohl nicht stimmen kann. Nach jedem Song sind "Bravo!"-Rufe zu hören, wie bei einem Konzert, das Klein-Harris für seine Tanten und Onkel zu Weihnachten spielt. Alle klatschen, supporten und bewundern. Im Gegenzug vergewissert sich Harris immer wieder ob es "noch allen gut geht". Nach und nach kommen zum Wackeln der Zuhörerinnen und Zuhörer auch Kopfnicken und vereinzelte Hüftschwünge dazu. Aus diesem Zelt geht man voller Liebe für ältere Menschen und der Gewissheit, dass man Malik Harris nie wieder so nah erleben wird, weil er mit Sicherheit bald auf Bühnen spielen wird, die größer sind als das ganze Spiegelzelt.

4. Der Rockstar

Seit 30 Jahren treten The Charlatans schon auf. Respekt. Aber Respekt auch dafür, dass der Sänger Tim Burgess noch lebt. Ab der ersten Minute beim Aufritt in der Arena fragt man sich, auf was Burgess wohl drauf ist. Seine lasziven Tanzbewegungen sprechen nicht für Tee. Er fasst sich auffallend oft an die Nase. Es fällt schwer, der Musik zu folgen, mehr ist man damit beschäftigt sich zu fragen, ob er seinen Popel bald aus der Nase befördert bekommt, oder ob er sonstige Probleme mit der Nasenschleimhaut hat. Zwischendurch nimmt Burgess sein Handy raus und tippt ein bisschen rum. Der absolute Höhepunkt ist, als er mitten im Song ein Haar in seinem Mund entdeckt, es aber nicht erwischt und dabei fast seinen Einsatz verpasst.

5. Schlafende Gäste

20 Uhr, der erste schlafende Gast wird entdeckt: In einen Liegestuhl eingemummelt, genießt er die Ruhe an der frischen Luft. Er wird nicht der einzige Schlafende des Abends sein. Es folgen Weitere auf den Bänken vor und im Spiegelzelt, auf dem kuscheligen Teppichboden im Berliner Saal und auf der Sofaecke beim Maximo-Park-Konzert.

Das Fazit

Wer eine Auszeit vom stressigen Alltag sucht und nicht geschmäht werden will, wenn man um 20 Uhr doch schon platt ist, der kann beim Rolling Stone Park Festival eine gute und komfortable Zeit haben. Mit preiswertem Essen, mehr als genug Toiletten und kurzen, überdachten Wegen zu den Stages. Zur Musik kann man dank gutem Line-Up und hervorragenden Soundanlagen auch abfeiern, wenn man sich nicht von den müden Gästen mitreißen lässt. Adrenalingeladenes Europa-Park Feeling oder ein junges, wildes Festival sollte man aber nicht erwarten.