Fünf Fragen an Harry Waibel über Antisemitismus in der DDR

Bernhard Amelung

Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit in der DDR? Offiziell gab es das nicht. Harry Waibel dokumentiert in seinem Buch "Die braune Saat" zahlreiche gewaltsame Übergriffe gegen Minderheiten. Am Sonntag liest der Historiker daraus in der Passage46.

Herr Waibel, wie antisemitisch war die DDR?

Harry Waibel: Es gab einen gesellschaftlichen Antisemitismus. Es gab aber auch einen staatlichen Antisemitismus. Dieser tarnte sich als Anti-Zionismus. Sein Nährboden war der antiimperialistische Kampf, den die Kommunisten an der Seite der arabischen Staaten und der Palästinensischen Freiheitsbewegung PLO führten. Deren Ziel war, den Staat Israel zu zerstören und seine Bevölkerung zu vernichten. Durch diese ideologische Tarnung waren sich viele Menschen bestimmt nicht bewusst, dass ihre Haltung antisemitisch ist.

Horst Sindermann, Volkskammer-Präsident von 1976 bis 1989, sagte: "Der Antisemitismus ist der Weltanschauung der Arbeiterschaft fremd." Woher kam dieses Selbstbild?

Waibel: Die SED hat schon sehr früh durch die Volkskammer und Parteibeschlüsse erklärt, dass die Grundlagen für Nationalsozialismus und Antisemitismus in der DDR ausgerottet wären. Die führenden Parteimitglieder hat nicht interessiert, dass es zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen ist. Meine Recherchen haben ergeben, dass rund 150 jüdische Friedhöfe und Gräber geschändet wurden. Zur Verantwortung gezogen wurde jedoch niemand. Erst Ende der Achtzigerjahre wurden Kinder, sogenannte Rowdys, dafür verantwortlich gemacht.

Eine öffentliche Auseinandersetzung zum Thema Antisemitismus fand nicht statt?

Waibel: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat auch die DDR die Stunde Null für sich in Beschlag genommen. Die Staatsgründung sollte ein totaler Neuanfang sein. Aber dafür brauchte man eine Funktionselite, die genauso naziverseucht war wie in der Bundesrepublik. Eine Entnazifizierung hat quasi nicht stattgefunden. Eine Art Schlussstrich-Mentalität.

Ist mit den Aufmärschen kürzlich in Chemnitz und in Berlin zum Tag der Deutschen Einheit die braune Saat aufgegangen?

Waibel: Die ist schon viel früher aufgegangen. Mitte der Siebzigerjahre kamen erstmals außereuropäische Gastarbeiter in die DDR. Die Bevölkerung reagierte hysterisch, geradezu panisch. In Erfurt wurden damals Algerier durch die Stadt gejagt, kaum, dass sie angekommen waren. Der erste Kontakt führte sofort zu ausländerfeindlichen Straftaten. Ich nenne sie Pogrome. Ich habe rund dreißig solcher Pogrome dokumentiert. 1987 wurde eine Nationale Partei Chemnitz gegründet. Ihre Mitglieder wollten sich analog zur Wehrsportgruppe Hoffmann bewaffnen. Ihr Ziel war die Vertreibung aller Ausländer aus der DDR. Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit in der DDR haben eine Kontinuität, die bis 2018 reicht.

Wie ist die Bevölkerung damit umgegangen?

Waibel: Die Menschen wussten von den Vorfällen, allerdings nur die Menschen vor Ort. Es gab kaum Berichterstattung. Eine politische Diskussion fand nicht statt. Meiner Ansicht nach ist die SED mitverantwortlich, da sie eine Aufklärung der Ursachen systematisch verhindert hat. Dass viele ehemalige DDR-Politiker und Intellektuelle nicht bereit sind, sich dem zu stellen, was bis 1990 passiert ist, ist meine Kritik.
  • Was: "Die braune Saat" – Autorenlesung mit Harry Waibel
  • Wann: Sonntag, 7. Oktober 2018, 20.15 Uhr

Zur Person

Harry Waibel, 1946 in Lörrach geboren, beschäftigt sich als Historiker mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenhass in der DDR. In seinem aktuellen Buch "Die braune Saat" dokumentiert er rund 8.000 rassistische und antisemitische Vorfälle in der Zeit bis zum Mauerfall.

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