Fünf Dinge, die man bei den TEDx-Talks Freiburg lernen konnte

Claudia Förster

Inspirierende Vorträge über Technologie, Entertainment oder Design, für die ganze Welt online verfügbar: Am Samstag fand die Ideenkonferenz TEDx-Talks zum zweiten Mal in Freiburg statt und begeisterte dreimal so viele Besucher wie im letzten Jahr. Was konnte man von den Speakern lernen?

Bei den TED-Talks präsentieren kreative und innovative Denker dieser Zeit inspirierende Ideen in 18-minütigen Kurzvorträgen. Weil diese kostenlos und uneingeschränkt verfügbar sein sollen, werden die Talks anschließend ins Netz gestellt. Den lokalen Ableger des Originals, erkennbar am "x", haben die Brüder Tobias und Gabriel Brüser zum zweiten Mal ehrenamtlich organisiert. Ihr Ziel: Inspiration von außerhalb nach Freiburg bringen und von Freiburg in die Welt. Dabei sprachen elf Speaker im Konzerthaus über Big Data und Frauen in Führungspositionen, über Flüsse, Start-ups und die Transportsysteme von morgen. Was man bei den TEDx-Talks Freiburg lernen konnte.


1. Ein Unternehmen führen ist wie eine Jazzimprovisation

Chaos oder hohe Kunst? Für den Saxofonisten und Komponisten Werner Englert ist Jazzmusik die Kunst des kreativen Teamplayings – genau wie Unternehmensführung. "Das Leben ist keine perfekt organisierte Sinfonie, sondern eine spontane, unvorhersehbare Jazzimprovisation", sagt der erste Speaker der TEDx-Talks. Das Prinzip einer Jazzimpro sei auf Unternehmensführung anwendbar: anderen zuhören, mit Herz, Kopf und Hand umsetzen und gemeinsam gestalten. Der Chef eines Unternehmens sei wie der Star einer Band, dessen Melodie ohne Rhythmusgruppe und harmonische Begleitung – sprich Mitarbeiter – keinerlei Bedeutung hat. Fortschritt und energiegeladene Performances ergäben sich nur, wenn alle Teammitglieder ihre Stärken in den kreativen Prozess einbringen. Zentral für das richtige Jazz-Gefühl im Unternehmen: "Eine gute Fehlerkultur", sagt Englert. "Wer eine Band oder ein Unternehmen leiten will, muss andere spielen lassen. Fehler sind eine große Chance".

2. Die wirklich guten Ideen sind die, die nach keiner guten Idee klingen

Eine Schnapsidee an einem langweiligen Sommertag am Passauer Badesee: Was wäre, wenn sich jeder sein Lieblingsmüsli online zusammenstellen könnte? Was zunächst unrealisierbar und lächerlich klang, machte Mymuesli, die Firma dreier Passauer Studenten, zu einem der erfolgreichsten Start-ups Europas. "Bei unserer Marktforschung gaben genau null Prozent der Personen an, dass sie Müsli im Internet kaufen würden", erinnert sich Max Wittrock, Mitbegründer von Mymuesli. Das ist eine der Lektionen seines Talks "How to start a Start-up": Die wirklich guten Ideen hören sich nicht nach einer guten Idee an. Eine weitere Erkenntnis: Es braucht Jahre, um einen "overnight success" zu erleben. Die Zeit davor sei geprägt von harter Arbeit, Fehlern und Kritik. "Was schiefgehen kann, wird schiefgehen", sagt Wittrock, der seine Geschichte amüsant und authentisch erzählt. Trotz allem steht er als bestes Beispiel dafür, sich nicht von einer guten Idee abbringen zu lassen: "Just do it", heißt seine letzte Lektion für die Gründung eines Start-ups.

3. Sitzen ist das neue Rauchen

Von der Theorie in die Praxis: Die 18 Minuten Redezeit von Jannis Denecke – Coach und Spezialist für Mobilitätstraining – verbringen die TEDx-Teilnehmer im Stehen. Warum ist Sitzen so schlecht für den Körper? Welche Rückenmuskeln leiden besonders? Und wie vermeide ich einen Bandscheibenvorfall? Im Schnelldurchlauf erläutert Denecke die Physiologie von Wirbelsäule und Rückenmuskulatur, lehrt heilsame Übungen für Schultern und Becken. Die Zuschauer drehen und strecken sich, machen Hohlkreuze und lassen die Arme kreisen. Kurz: Ein neues Format der gesundheitlichen Aufklärung und Prävention, das in der heutigen Bürogesellschaft noch viel relevanter werden wird.

4. Manchmal muss man für einen Gewinn etwas verlieren

Drei harmlose Äffchen-Emojis waren es, die drei Freunde zu einer außergewöhnlichen Reise bewegten. Ein Affe hält sich die Ohren, einer die Augen und der andere den Mund zu. Bart Bouman und David Stumpp erzählen im Talk, wie sie in drei Wochen vom Bodensee zum Atlantik reisten – und dabei abwechselnd aufs Sehen, Hören oder Sprechen verzichteten. Wie man sich das konkret vorstellen kann? "Der Blinde hat eine Frage, aber der eine hört sie nicht und der andere darf nicht antworten – das führt zu reihenweise Missverständnissen", sagt Bouman. Ständig auf die anderen angewiesen zu sein und Konflikte nicht klären zu können habe ihre Freundschaft auf die Probe gestellt. Doch der Perspektivwechsel beim wöchentlichen Rollentausch habe geholfen, sich in die anderen einzufühlen. "Für mich war der Sinnesverlust ein Gewinn", sagt David Stumpp. Denn mit dem Sprung ins kalte Wasser habe er ein Bewusstsein für die kleinen Details des alltäglichen Lebens entwickelt.

5. Gleich und gleich gesellt sich gern

Viele Menschen sind auf künstliche Implantate wie Herzschrittmacher angewiesen. Doch selbst die besten Versionen aus Metall und Keramik werden von vielen Patienten als Fremdkörper abgestoßen. Warum nicht lieber echtes Zellgewebe nutzen? Wie sich Muskelzellen und Neurone in einen winzigen Käfig einsperren und als biologisches Mikroimplantat mit einer Art eigenem Gehirn steuern lassen, erklärt der Physiker Maurizio Gullo. Hört sich nach Frankenstein an? Ist aber renommierte und prämierte Forschungsrealität an der Uni Freiburg und Tokyo und liefert weitreichende Implikationen in der Medizin. Denn Mikroimplantate aus körpereigenen Zellen versprächen eine Erfolgsquote von 100 Prozent – gleich und gleich gesellt sich eben gern.
Was die Veranstalter bei den zweiten TEDx-Talks gelernt haben

Eine lange Pause mit kostenfreiem Catering, gemütliche Sofaecken und Namensschilder für jeden: Die Veranstalter haben an vieles gedacht, um die Teilnehmer zu Gesprächen und Diskussionen anzuregen. "Ich glaube, es ist uns gelungen, eine wirkliche TED-Stimmung mit viel Austausch zu erzeugen", sagt Tobias Brüser. "Vor allem von den starken Emotionen im zweiten Teil war ich überrascht. Die Speaker haben das Publikum wirklich mitgerissen".

Dass die TEDx-Talks Freiburg alle ehrenamtliche Mühe wert sind, dürfte Gabriel und Tobias Brüser spätestens nach dem Ausverkauf der Tickets gelernt haben. Deshalb soll es die Ideenkonferenz im nächsten Jahr wiedergeben.
Ab Januar sollen die Videos der TEDx-Talks Freiburg 2017 auf der Website zur Verfügung stehen: http://www.tedxfreiburg.com

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