fudders Papst-Ticker: Der Papst und das Internet

Martin Jost

In 234 Tagen kommt der Papst nach Freiburg! Benedikt XVI. hat sich jetzt mit seiner Sicht auf soziale Netzwerke im Internet zu Wort gemeldet. fudder-Polemiker Martin, Atheist und Priester der Computergesellschaft, hat das Schreiben für uns gelesen. Da musste es ja knallen zwischen den beiden.

Lieber Herr Ratzinger,

„fürs Internet sollte das Baumhaus-Prinzip gelten: wer zu alt ist, um ohne Hilfe reinzukommen, soll uns darin auch keine Vorschriften machen.“ Die Ansage von @haekelschwein wurde auf Twitkrit vor wenigen Wochen zum Tweet des Jahres 2010 gekürt. Das lässt sich verstehen als Reflex auf die jüngsten Versuche von Erwachsenen, in etwas herum zu pfuschen, das sie überfordert.


Nun haben Sie sich aus Anlass des 45. päpstlichen Jahrestages der sozialen Kommunikationsmittel zu Wort gemeldet und wollen uns auch mal sagen, wie wir das Internet – insbesondere soziale Netzwerke – benutzen sollen. Die Quintessenz Ihres 10.000 Zeichen langen – ich nenne es mal in Ermangelung eines treffenderen Wortes: – Blogposts lautet in Twitterlänge: Versucht nicht, populär zu sein, sondern verbreitet’s Evangelium! Bleibt um Gottes Willen authentisch aka so, wie ihr vor dem Internet wart!

Wir Bürger des Web 2.0 wissen Ihr Interesse für unsere Welt zu schätzen. Wir leben mit einer Wahrheit, die Ihrer Verkündigung nicht unähnlich ist: Alle User sind gleich wertvoll und Facebook liebt bedingungslos jeden einzelnen. Wir hatten uns gerade erst daran gewöhnt, dass in der Computergesellschaft Informationen sekundenbruchteilschnell praktisch überall auf der Welt zur Verfügung stehen. Der letzte Schrei ist jetzt aber, dass Publiziertes veränderlich ist und um das Wissen der Welt ein Gedankenaustausch der User auf Augenhöhe ausbricht. Zum Beispiel trete ich gerade mit Ihnen in Diskurs. Er mag einseitig bleiben, aber dass Sie sich überhaupt von einem Fuddzi im Internet anpampen lassen müssen, ist Folge der Entwicklung des Web 2.0. Ihnen und mir stehen die gleichen Mittel zur Verfügung. Sie bringen das auf den Allgemeinplatz:

„Die klare Unterscheidung zwischen Produzent und Konsument von Information wird relativiert, und die Kommunikation möchte nicht nur Austausch von Daten sein, sondern immer mehr auch Teilhabe.“
 

Sie und Ihr Pessimismus!

Kulturwissenschaftler wie Dirk Baecker (und der beruft sich auf Marshall McLuhan) sehen im dämmernden Computerzeitalter erst die vierte umwälzend neue Gesellschaftsform in der Geschichte der Menschheit. Die unmittelbar letzte war die Moderne, die mit Erfindung des Buchdrucks begann. Der ermöglichte, nicht zuletzt Ihr Lieblingsbuch in großer Auflage unters Volk zu bringen. Auf einmal lohnte sich auch die Übersetzung ins Deutsche durch meinen Namenspatron, den Heiligen Martin Luther. (Ich habe das Gefühl, da was zu verwechseln. Bin mal kurz auf Wikipedia.) Wenn man bedenkt, dass die beiden übrig gebliebenen Epochen durch die Erfindung der Sprache bzw. der Schrift eingeleitet wurden, ist das eine ganz schön aufregende Vorstellung, dass wir am Anfang einer neuen Zeit leben, oder? Wir sollten uns darauf einstellen, bald schon andere Menschen zu sein als die letzten paar hundert Jahre.

„Es zeichnen sich Ziele ab, die bis vor kurzem undenkbar waren, die aufgrund der von den neuen Medien eröffneten Möglichkeiten Staunen hervorrufen.“

Sie schnuppern es also auch! Aber eine gehörige Portion Pessimismus können Sie sich nicht verkneifen. Sie sagen, in den sozialen Netzwerken lauerten auch Gefahren. Bei Facebook, studiVZ, in Chatrooms und Foren steht die Teilhabe noch über dem Wissensaustausch. Die Interaktion dort finden Sie „einseitig“. (Das verstehe ich nicht. Der Schwerpunkt liegt auf geschriebener Sprache, aber in Wahrheit lässt sich doch mit jedem immer und überall multimedial kommunizieren.) Man neige dazu, das eigene Innenleben nur zum Teil mitzuteilen. (Und das soll eine Gefahr sein? Das ist gesunder Menschenverstand. Wir nennen es Datenschutz. Für eine Preisgabe meines ganzen Innenlebens käme ich in die Hölle, wenn nicht gar in jemandes Facebook-Fotoalbum.)

Wir könnten uns in eine Parallelwelt flüchten und uns exzessiv der virtuellen Welt aussetzen. (Wir sprechen hier aber schon noch von sozialen Netzwerken, denen man sich exzessiv aussetzt? Mit anderen Worten: Mit Kommunikation und menschlichem Austausch kann man es auch übertreiben? Das ist ein interessanter Gedanke. Aber doch Geschmackssache.) Und schließlich: das eigene Image konstruieren zu wollen, könne zu Selbstgefälligkeit verleiten. (Dass Sie sich über Ihr Image keine Gedanken machen, nehme ich Ihnen sogar ab. Sie verurteilen Afrikaner zum Aidstod, befreunden die Piusbrüder und schützen ein verkorkstes Frauenbild. Außer bei den letzten unreformierten Christen kommen Sie damit nicht immer gut an.) Aber so stur an irrationalen Ansichten festzuhalten, sich keiner demokratischen Meinungsbildung zu stellen, und zu erwarten, dass Ihre Anhänger tun, was Sie sagen – das soll nicht selbstgefällig sein? Also da finde ich mein konstruiertes Image weitaus bescheidener.

Sie raten nachdrücklich dazu, im Netz authentisch aufzutreten. Wir sollen uns selbst treu sein und „aufrichtig und offen, verantwortungsvoll und dem anderen gegenüber respektvoll“ kommunizieren. – Bravo! Hier können Sie Zustimmung von mir ernten.

Wir sollten überhaupt viel öfter authentisch sein, gerade auch offline. In Ihrem Fall bedeutet authentisch sein aber auch, schlecht anzukommen und Sie wissen es: „Wir müssen [die Wahrheit des Evangeliums] in ihrer Vollständigkeit nahebringen, anstatt den Versuch zu unternehmen, sie akzeptabel zu machen.“ Tja, wir hier haben eben das Internet eigentlich für Pornografie gegründet und nicht für die katholische Kirche. Aber jeder ist willkommen, auch, wenn er das Netz gegen den Strich benutzt: Web 2.0 verleitet strukturell eher zu Gedankenaustausch und Annäherung als zur Ausstrahlung einer selbstgefälligen Wahrheit in nur eine Richtung. Wenn Sie authentisch bleiben und sich darauf einlassen, kann passieren, dass das Netz Sie genau so verändert wie Sie das Netz. Können Sie sich das vorstellen?

Willkommen zum Computerzeitalter

Ich fürchte, nicht. Und soll ich Ihnen sagen, warum? Weil Sie sich noch nicht darauf eingelassen haben. Sie versuchen zwar zu klingen, als wäre Web 2.0 das erste, was Sie morgens beim Frühstück aufschlagen, aber Sie kommen einfach nicht als Internet-Muttersprachler herüber. Zunächst bringen Sie das Klischee, dass sich Menschen jetzt „jenseits der Grenzen von Raum und Kultur begegnen“. Ja, das geht. Macht aber keiner. Jedenfalls noch nicht.

Wie sich heraus stellt, schließen wir in aller Regel keine Freundschaften mit völlig Fremden am anderen Ende der Welt, sondern wir halten höchstens Kontakt mit Bekannten, wenn sie auswandern. Nur ein Bruchteil der Online-Kommunikation geht über die Stadtgrenzen hinaus. (Ich habe gerade keine passende Studie zur Hand, aber Sie belegen ja auch nix.) Als ich mit sozialen Kommunikationsmitteln anfing – damals noch E-Mail, das werden Sie gar nicht so mitbekommen haben – schrieb ich meistens mit meinen Schulfreunden hin und her, wie wir die Schule heute fanden. Die Facebookfreunde, denen Sie täglich ein „Like“ verleihen, würden hundert Pro alle im Vatikan wohnen.

Ich konnte Sie nicht auf Twitter finden. Auch auf Facebook sind Sie nicht gut zu erreichen. Die Website Ihrer Pressestelle ist ein Monument für das Internet von 1996. Alle Anglizismen („Internet“, „Web“, „social networks“) schreiben Sie kursiv (bis auf „Image“); „dass“ schreiben Sie mit „ß“. Kann es sein, dass Sie konservativ sind? Mit Verlaub: Warum sollten wir Ihnen, der es noch nicht ins Baumhaus geschafft hat, zuhören, wenn er sich über die Entwicklung unseres Internets auslässt? Sie würden sich doch auch von keiner Jungfrau in Ihr Sexleben dreinreden lassen? Also.

Kommen Sie lieber erst mal rein. Werden Sie User! Lassen Sie sich auf das Web ein! Erfahren Sie, wie man empathisch jemanden auf Facebook aufmuntert, dem am anderen Ende der Stadt der Reis anbrennt! Staunen Sie, wie viel menschliches Wissen in einem Jahrzehnt auf Wikipedia zusammen getragen wurde. Bilden Sie sich mit anderen eine Meinung in Kommentarspalten! Starten Sie ein Open-Source-Projekt, das aus Tausenden Nicht-Egos als tolles Werkzeug hervor geht!

Sehen Sie soziale Netzwerke nicht nur als Weg, Ihre unverrückbare Wahrheit in die Welt diffundieren zu lassen, sondern lassen Sie sich von ihnen verformen! Halten Sie Ihre Augen beweglich und Ihren Geist auf 180! Wenn Sie das Netz nicht als als zu schnell und zu voll abtun, wird es Sie Bescheidenheit lehren. Sie werden fühlen, was es heißt, Teil einer Gemeinschaft anstatt Priester auf der Kanzel zu sein.

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  [Bild: dpa]