fudders Jahresrückblick 2013: fudder-Autorinnen und -Autoren beschreiben ihr ganz persönliches fudder-Highlight

fudder-Redaktion

In einem Jahr passiert viel. Doch manche Momente der fudder-Arbeit und manche Geschichten vergisst man nicht so schnell. Zehn fudder-Autorinnen und -Autoren haben aufgeschrieben, welche Geschichten und Momente aus dem Jahr 2013 sie nicht vergessen werden:

 

Manuel Lorenz: Durch die Nacht mit Frank-Walter - und #pinguel



"Er lächelte und schwieg - die ganzen 20 Minuten hindurch. Wenn nicht schon Honoré de Balzac sein Opus summum "Illusions perdues"  genannt hätte - ich würde den Titel für meine Begegnung mit Frank-Walter Steinmeier im September 2013 reklamieren. Nicht, dass ich zuvor komplett illusioniert gewesen wäre, was die Authentizität von Politik(ern) angeht. Ich hatte mir bis dahin aber den Glauben bewahrt, dass selbst in jenem hartgesottenen Profi-Business Augenblicke der Echtheit möglich sind. Stattdessen: eine Potjomkinsche Kneipentour, die Lokal- und Jungsozialisten dazu nutzten, sich beim jetzigen Außenminister anzubiedern.


Immerhin ließ Frank-Walter Vollprofi sich nachher noch mit #pinguel fotografieren - eine Geste, gegen die sich ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo wenige Monate zuvor noch verwahrt hatte. Und am darauffolgenden Freitag nahm SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück meine an seinen Fraktionsvorsitzenden gerichtete Anregung auf, der Merkel-Raute einen Stinkefinger entgegenzusetzen. Wie ich später erfuhr, hatte das Fotoshooting dafür leider schon Wochen vor meinem Artikel stattgefunden. Und so stellte sich für mich zum zweiten Mal in dieser Sache die Erkenntnis ein, dass man sich halt nicht allzu viel einbilden sollte..."      

Phil Hensel: Durch die Nacht mit dem Rollstuhl



"Hast Du Lust einen Artikel über „Partymachen im Rollstuhl“ zu schreiben?“ Als die Anfrage von fudder kam, musste ich nicht lange überlegen, schließlich kenn ich ich mich sowohl Partymachen als auch mit Rollstuhlfahren aus.  Als der Artikel – auch in der BZ – erschien, bemerkte die Bäckerin beim Brezelkauf voller Stolz. 'Ah, Herr Hensel von Ihnen hab ich heut schon in der Zeitung gelesen!'

Die folgenden Wochen hat mich gefühlt jeder auf der Straße, in der Bahn oder beim Weggehen auf den Artikel angesprochen. 'Hey, Du bist doch der vom fudder!'  Bleibt nur noch die Frage: Stehen auf der Behinertentoilette in Schmitz Katze eigentlich immer noch Getränkekisten? Ich sollte bald mal wieder vorbei gehen."

   

Martin Herceg: Im Taxi mit Jon Bon Jovi



"Bis ich im vergangenen Sommer in das Disco-Taxi von Ahmad Javanshir einstieg, ging ich davon aus, jede gute Taxi-Geschichte aus Freiburg schon gehört zu haben. Doch als mir Javanshir von seiner Begegnung mit dem US-Megastar Jon Bon Jovi erzählt, der in seinem Taxi Karaoke gesungen habe, ist mir sofort klar: Der Story muss ich nachgehen!

In der Folge schaue ich unzählige Bilder und Viedeos von Bon Jovi, lege mich mit einem ominösen Webmaster an und höre seinen Hit „It's my Life“ gefühlte tausend Mal. Dabei verpasste ich der ganzen Fudder-Redaktion einen unauslöschbaren Ohrwurm. Auch wenn seine Plattenfirma Tage später dementieren sollte, tief im Herzen glaube ich noch heute, dass es der echte Bon Jovi war!"


Marius Notter: Gonzo-Journalism beim Rieseneinlauf



"In den ersten Wochen nach meinem fudder-Praktikum hatte ich einen Termin mit den Jungs von Reiseneinlaufentertainment. Mir war Angst und bange, denn ich wusste: diesee Jungs sind verrückt!

Was also machen? Gonzo-Journalismus war die Antwort! Also beging ich Verrat an meiner Hipster-Spezies, und stand in uralten Baggypants, den dicksten Schuhen, die ich im Keller gefunden habe, meinem Amerikanischen College-Pulli (Gefühlt-XXXL), mit einem Sixer Wicküler-Pils und einer umgedrehten Basecap vor der Tür.

Während des Interview wurde Bier getrunken und gekifft dass es mir aus den Ohren rauchte. Nach vier Stunden fand ich mich vor dem Mikro wieder und war wie wild am Rappen. Den Track gibt es noch, das Interview werde ich nie vergessen."  

 

Bernhard Amelung: Der knallharte Arbeitsalltag eines Praktikanten



"24-Stunden-Schichten, Magic Roundabouts und Wettbewerbsdruck unter Kollegen auf der einen, sechsstellige Jahresgehälter, Bonuszahlungen und das Gefühl von Macht auf der anderen Seite: Kaum eine Branche ist umstrittener, aber gleichzeitig faszinierender als das Investmentbanking. Nach dem Tod eines 21 Jahre alten 'Summer Analyst' aus Staufen standen die Banken erneut in der Kritik.

Ich wollte mein Empfinden bestätigt oder entkräftet wissen und habe mit einem Brancheninsider gesprochen. Ursprünglich sollte das Gespräch während eines kurzen "Business Lunch" stattfinden. Doch aus einer Stunde wurde schnell ein ganzer Nachmittag. "Wir verzichten auf vieles, was das Leben lebenswert macht...auf Sport, Kultur und Gesellschaft", sagte mein Gesprächspartner - und schwieg sehr lang. Über sein Schweigen denke ich heute noch nach." 

 

     

Marina Korn: Party machen mit Vicky



"Heiß und bunt war es, als ich diesen Sommer mit Freiburgs Drag Queen Vicky B Violet feiern war. Vor der Party durfte ich für fudder exklusiv dabei sein, als der Student Roman sich in seinem Wohnzimmer innerhalb von rund drei Stunden in Vicky verwandelte.

Wie wurde er eigentlich zur Drag Queen und was geht in seinem Kopf vor sich, wenn er fertig geschminkt und in Kleid und High Heels geschlüpft ist? Roman hat mir seine Geschichte anvertraut und alles zum Thema Drag Queen verraten."  

 

Jule Markwald: Beim Roodharigendag in Breda



„Schreib da unbedingt was drüber! Und mach unbedingt Fotos!“ war die Anweisung gewesen, bevor ich zum internationalen Rothaarigenfestival nach Holland aufbrach. „KRASS!“ war letztendlich das einzige Wort, das meiner Schwester und mir zur absurdesten Veranstaltung unseres Lebens einfiel. Irgendwie wurde trotzdem ein Artikel draus.

Eine Woche später in der Straßenbahn überhöre ich dann das Gespräch zweier rothaariger Mädels. 'Hast du das gelesen auf fudder, mit dem Rothaarigenfestival? Da sollten wir nächstes Jahr hin. Mit der vom Artikel.' Es braucht all meine Willensstärke nicht hysterisch aufzuspringen, die Mädchen zu umarmen und 'Ich, ich, ich das hab ich geschrieben!' zu brüllen."

   

Matthias Cromm: Ein Abend mit Paul Kuhn



"Es war vielleicht das bewegendste Konzert meines Lebens - und ich kann ohne Übertreiburg behaupten schon viele gesehen zu haben. Liebe und Leidenschaft sind ein Weg Musik wertvoll zu machen, im Fall Paul Kuhn trifft heiße Glut auf nonchalanten Jazz, vorgetragen mit der swingenden Eleganz eines Entertainers, der diesen Begriff mit Würde erfüllt.

'Ich hoffe, wir sehen uns nochmal wieder", hat er zum Abschied gesagt. Ich habe es wirklich auch gehofft, ich hätte ihn gerne interviewt oder ihm einfach nur die Hand gegeben oder Danke gesagt. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig, dieses Konzert, dieses Gefühl und Paul Kuhn werde ich nie vergessen.

Am 7. Juli war das Konzert, am 23. September ist Paul Kuhn gestorben. Danke."

   

Carolin Buchheim: Die Sache mit den Mensa-Stühlen



"Es ist an einem Nachmittag im April, so um die Mittagszeit, als in meinem Browser ein Facebook-Chat-Fenster aufploppt. 'Ich habe ein merkwürdiges Eigentumsdelikt', schreibt mir jemand, auf dessen Urteil und Hinweise ich vertraue. 'Aus der Mensa Rempartstraße, so wurde mir berichtet, sind 200 (gleichfarbige!) Stühle verschwunden. Und das Beste: die Typen kamen mitten am Tag einfach mit nem LKW vorgefahren, luden die Dinger auf und fuhren wieder. So selbstverständlich, daß erstmal niemand der Anwesenden Verdacht schöpfte.' Oh?

Ein kurzer Anruf bei der Polizei belegt: bis auf die Anzahl der Stühle - es waren "nur" 84 - hat mein Anrufer recht. Ich rufe beim Studentenwerk an. Erste Reaktion "Oh nein! Woher wissen sie das?" Denn die unscheinbaren Stühle in der Mensa sind Designklassiker aus dem Hause Vitra, geschätzter Wiederverkaufswert der geklauten Stühle: bis zu 40.000 Euro. Das Studentenwerk fürchtet verständlicherweise, Studierende könnten im Wissen um den Wert der Stühle anfangen, sie aus der Mensa zu tragen.

Zum Glück hat die Story fast so etwas wie ein Happy-End: wenige Tage stellt die Polizei 50 Sitzschalen bei einem Freiburger Möbelrestaurator sicher. Es waren höchstwahrscheinlich die Mensastühle. Seit dem dreisten Diebstahl hat das Studentenwerk die schönen Stühle übrigens gesichert - und ich erkenne mittlerweile überall um mich rum Eames Molded Plastic Chairs. Irgendwann kaufe ich mir sicher einen."  


Christina Fortwängler: Flugblätter verteilen mit Gernot Erler



"Es ist Hochsommer. Bei gefühlten 38 Grad bin ich mit Philip Kroner von der SPD Freiburg unterwegs, den ich für fudder im Rahmen der Wahlkämpfer-Serie porträtieren möchte. Er und die Jusos verteilen Flyer, denn die Bundestagswahl naht und sie möchten zur Briefwahl ermutigen. Von Decke zu Decke führt ihre Wahlkampfaktion uns durch den Seepark, als Philip plötzlich eine SMS kriegt. „Gernot Erler kommt“, flüstert er mir zu. „Aber psst, soll ne Überraschung sein."

Und tatsächlich: der Bundestagsabgeordnete Gernot Erler steht da. Im Anzug. Ich bin etwas baff, als er mir freundlich die Hand schüttelt, um im nächsten Moment selbst ein paar Flyer zu verteilen. Ob knallhartes Wahlkalkül dahinter steckte oder ehrliches Engagement, weiß ich nicht. Meiner Geschichte hat es jedenfalls einen netten Höhepunkt beschert.


Mehr dazu:

  [Bildnachweis: Frank Walter Steinmeier: Manuel Lorenz; Phil Hensel: Florian Forsbach; Rieseneinlauf Entertainment: Marius Notter, Summer Analyst: © alphaspirit - Fotolia.com, Victoria Bellatrice Violet: Florian Forsbach; Red Head Days: Jule Markwald; Paul Kuhn: Matthias Cromm; Mensa-Stühle: Jule Markwald; Gernot Erler: PR]