fudders Fußballphilosoph auf der Suche nach dem Glück

Veit-Lorenz Cornelis

Der Himmel hat geweint, am Samstag, und kein anderes Wetter hätte zum Ausgang des Spiels gegen Augsburg gepasst. Drei Gegentore in der letzten Viertelstunde. fudders Fußball-Philosoph Veit Cornelis sinniert über das Glück.



„Ja renn´ nur nach dem Glück, Doch renne nicht zu sehr, denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.“ (Bertolt Brecht) Es regnete, als ich letzten Samstag auf der Nordtribüne nach Antworten suchte. Und natürlich Keine fand. Es regnete, als ich versuchte in den Gesichtern meiner Freunde nach Hoffnung zu suchen; nach Blicken, die sagen: Wir schaffen das noch!


Es regnete auch, als ich den kurzen Weg vom Ausgang der Tribüne zu meinem Fahrrad ging. Und leider hörte es auch auf dem Weg nach hause nicht auf zu regnen.

Dead man walking – toter Mann kommt. Krasser Gedanke, wenn man bedenkt, unter welchen lebensfeindlichen Umständen dieser Satz für gewöhnlich ausgesprochen wird. Doch ich habe genau in diesem regnerischen Moment genau diesen Gedanken in meinem Kopf. Dazu gesellen sich weitere Blitzgedanken: der „herrliche“ Pfostenschuss von Mehmedi gegen Hoffenheim. Es wäre der Heimsieg gewesen – statt dessen, praktisch im Gegenzug der Ausgleich durch Modeste auf Seiten des Gegners. Und gegen Augsburg: der Elfmeter, der nicht gegeben wurde, den es nicht gab, oder doch, wir wissen es nicht, keiner weiß es, die meisten wollen es gar nicht wissen, ich schon ... Vergleichsstudien in der abendlichen Sportschau machen mir klar: Es werden ganz andere „Taten“ mit einem Strafstoß reglementiert - doch nicht im Dreisamstadion. Nicht für dieses Team. Nicht für Freiburg. Christian Streich schweigt zu diesem Thema. Immer.

Vielleicht sollte ich morgen bei Christian Streich am Trainingsgelände vorbeigehen, ihn einfach auf seiner Schulter antippen, ein Blick würde genügen und wir gehen los. Mit unseren Versicherungskarten und der ärztlichen Überweisung ausgestattet, checken wir ein: Hauptstraße Freiburg – Psychiatrie. Willkommen in der Therapie!



Wir könnten in einer tiefenpsychologischen Sitzung unter Zuhilfenahme anerkannter psychoanalytischer Maßnahmen, nach den Ursachen forschen. Auf des Psychiaters Couch mit Christian Streich. Vielleicht würde ich abends stumm vor dem Fernseher mit Streich sitzen. Vollgepumpt mit antidepressiven Medikamenten würden wir eine dumpfe Sat.1 – Geschichte über übergewichtige Steuereintreiber oder Teilzeitprominente in Dschungeln ansehen. Und vermutlich würden wir uns im Laufe der Zeit darüber freuen können ... vielleicht. Aber auf jeden Fall wäre der Fußball Geschichte für uns. Wir würden uns ein Leben lang in ärztlich verordnete Abstinenz zum Sportteil der Tageszeitung begeben. Hallo, Feuilleton! Oh, ein neues Buch von Daniel Kehlmann. Mal lesen am Samstagmittag, so ab 15:30 Uhr. Sicher gut. Wie?
Stattdessen mache ich mir Gedanken über das Glück. Was macht das Glück des Tüchtigen aus? Wer ist per Definition tüchtig? Wer nicht? Ich habe das Tor von Thiago Alcántara (FC Bayern München) vor mir. Dieser Fallrückzieher. Erhaben liegt er, gefühlt schon ein Stunde vor Eintreffen des Balles nach einer unglaublichen Flanke in der Luft, bevor er den Ball perfekt ins Netz bringen kann. Dadurch gewinnt der FC Bayern das Spiel gegen Stuttgart. Unglaublich! Glücklich? Denn gleichzeitig sehe ich einen sehr talentierten Mathias Ginter, der es derzeit nicht schafft (leider), gefährliche Bälle ins Zentrum unseres Spiels zu passen, ohne jegliche künstlerische Zauberkunst à la Thiago.

Und bitte: Erzählt mir nicht, dass Thiago jeden Ball, den er von der Seite bekommt IMMER mit einem FALLRÜCKZIEHER direkt PLATZIERT ins TOR macht. Da ist eine ordentliche Portion Glück dabei, und die alte Sau scheint Fan Spaniens zu sein.

@Glück: die Costa Brava hatte dich jetzt lange genug. Du machst jetzt mal im Schwarzwald Urlaub. Da ist es auch ganz schön. Kirschtorte, Bollenhut, Rothaus-Bier. Lass' dich mal hier verwöhnen und bezahle uns mit deinem Beisein in unserem Spiel! Danach Gratis-Stadtrundfahrt und Münsterbesteigung! Wie sieht's aus? Kommst du? Doch es bringt nichts. In der Summe, sagen die Kommentatoren des Spieles, ist es Unvermögen. Ein Kritik am Schiedsrichter, ja gar am Glück, sei ungerechtfertigt. Fuck, will man das hören, wenn man völlig durchnässt nachhause kommt und in das lachende Gesicht einer erneuten Erkältung starrt? Ich beende meinen Fußball-Samstag. Das war's – ich bin raus! Schaue einen Film. Emmas Glück. Mist. Im Übrigen gibt es noch eine Sache mit dem Glück zu erwähnen: Als ich nach dem besagten Spiel gegen Augsburg – in Gedanken das Glück verfluchend – die Eschholzstraße entlang fahre, tropft mir der Regen in die Augen. Im nächsten Moment spüre ich mein Herz in einer Geschwindigkeit klopfen, die jedem Kardiologen schlaflose Nächte bereitet. Gerade noch konnte ich bremsen. Falsch zwar, da sich mein Hinterrad hebt während das Vordere blockiert, doch ich stehe! Ein Auto hat mich beim Rechtsabbiegen übersehen. Was für ein Glück! Ich entschuldige mich sofort beim Glück! Verspreche Besserung ihm gegenüber und gelobe es nicht mehr herauszufordern. Fußball und Glück passt vielleicht nicht zusammen.

Manchmal brauchen wir das Glück doch mehr an anderer Stelle.  

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[Bilder: dpa]