fudders Fußball-Philosoph über Ideale - wie Guédé und Baumann

Veit-Lorenz Cornelis

Vor dem Spiel gegen Hoffenheim verhöhnten Fans des SC Freiburg ihren eigenen Stürmer Karim Guédé, Ex-SC-Torwart Oliver Baumann pfiffen sie aus. fudders Fußball-Philosoph erklärt, warum das nicht sein darf:



In den vergangenen Tagen wurden Weltbilder angegriffen. Vielleicht bei manchem ein solches fast zerstört. Im Umfeld des SC Freiburg und der treuen Anhängerinnen und Anhängern des Vereins kam es zu einer neuen Situation: der ehemalige Torwart Oliver Baumann, immerhin über 14 Jahre im Verein, wurde durch anhaltendes Pfeifen bei jeder Ballberührung für seinen Wechsel im letzten Jahr zu einem konkurrierenden Verein beschimpft. Ein im Profigeschäft Fußball durchaus unter Fans gängiger, nicht jedoch zu adelnder Umgang mit dem Frust des Verlusts. Gleichsam wurde ein Spieler des eigenen Teams, Karim Guédé, von hämischen Tönen begleitet.


So die Situation, die ich und viele andere erlebt haben und in den Medien lesen mussten.
Ein kommentierter Versuch die Situation zu verstehen:

Wir alle haben Idealvorstellungen. In der Auseinandersetzung mit diesen lehnen wir uns an Vorbilder und Ersatzpersonen, die uns in unserer Vorstellung bestätigen und gesellschaftliche Einflüsse prägen (Sigmund Freud). Eben solche Personen sucht sich der Mensch als Vorbilder aus, um dem eigenen Tun eine Bestätigung zu verleihen. Wird dieses Ideal von Außen gestört, z. B. durch den Wechsel zu einem von mir ungeliebten Verein, zerbricht das Band zwischen meinem Vorbild (Ideal) und mir. Ich werde sauer!

Tore, Siege, Empathie

Wir wünschen doch nichts mehr als dem Ideal stets nahe zu sein – heute posieren wir gerne zu einem Selfie neben Cristiano Ronaldo oder Mario Götze und teilen diesen Moment mit unseren Mitmenschen. Einmal dem Ideal nahe sein, ist zu einem erstrebenswerten Glücksmoment geworden. Da stört es uns, wenn es nicht so läuft wie wir uns das wüschen, und wir brechen mit unserem Ideal. So erlebte es beispielsweise Oliver Baumann letzten Samstag.

Daneben wollen wir, dass unsere idealen Vorbilder uns das größtmögliche Glück bereiten. Durch Tore und Siege wird die Beziehung zu unseren Idealen empathisch. Wir teilen uns einen Glücksmoment mit unseren Vorbildern – einen "Emotions-Selfie" sozusagen!

Sind uns diese Momente zu selten, brechen wir mit unserem Vorbild. So wird von Karim Guédé aufgrund seiner Rolle als Stürmer verlangt, Tore zu schießen. Am besten entscheidende und schöne Tore – so verlangt es der moderne Mensch. Diesen öffentlich-modernen Menschen interessiert es wenig, dass seine Arbeit länger als 90 Minuten pro Woche andauert. Denn in dieser restlichen Zeit ist er uns zu ähnlich.

Arbeit tagein und tagaus. Der Alltag eines Fußballers ist nur selten geprägt von dem Glücksmoment ein Tor erzielt zu haben. Leider. Um das eigene Glück zu erreichen, stellt sich manchmal für den Fußballer die Frage den Arbeitsplatz zu wechseln. Ist das nicht jedem von uns schon einmal so ergangen? Wir urteilen über andere und denken zugleich sehr ähnlich.

Der Instinkttrieb des Fußballfans

Und so müssen wir uns eine moralische Frage stellen: Wann darf ein Mensch (Spieler) für sein Handeln kritisiert oder sogar beleidigt werden?

Diese (jungen) Menschen haben eine Rolle, die sie in der öffentlichen Auseinandersetzung mit ihrem Beruf zu spielen haben. Diese öffentliche Rolle wird um den Charakter des Vorbilds erweitert. Wir vergleichen uns und andere Spieler ständig mit unseren (lokalen) Vorbildern. Aus meiner Sicht sollte ein Spieler zu keiner Zeit eine derartige Situation erleben müssen, wie es beispielsweise die Spieler Baumann und Guédé erfahren mussten.

Ein kollektiver Ausdruck der Emotion aus einer prekären Situation heraus (wie die Fehlentscheidung eines Schiedsrichters oder das grobe Foul eines Gegenspielers) lässt sich aufgrund des Instinkttriebes eines Fußballfans aus meiner Sicht nicht vermeiden. Da schließe ich mich an dieser Stelle (teilweise entschuldigend) mit ein. Doch die geplante Diffamierung eines Menschen halte ich für moralisch angreifbar und somit zu unterlassen.

An dieser Stelle gehe ich entschuldigend voran und danke den Spielern Oliver Baumann und Karim Guédé für ihren Fußball, den wir lange Zeit genießen durften und auch noch genießen dürfen!

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[Fotos: dpa Picture Alliance / Montage]