fudders Fußball-Philosoph über den größten anzunehmenden Unfall

Veit-Lorenz Cornelis

Fans des SC Freiburg haben es mal wieder schwer. Da hilft es nur, statt an Fußball, an andere Dinge zu denken. Zum Beispiel an Sonja Zietlow - so wie unser Fußball-Philosoph:



Es ist der ICE 201, der mich pünktlich zurück nach Freiburg befördert. Mir gegenüber sitzt die Montagausgabe des Kicker Sportmagazins. Nicht hinschauen, befehle ich mir selbst, bloß nicht hinschauen. Kein Gespräch über Fußball provozieren. Also der schnelle Griff zum Bahnmagazin. Sonja Zietlow grinst mich vom Cover aus an. Zum vierten Mal diese Woche. Bahnfahren quer durch Deutschland ist kein Spaß, wenn dein Verein von unten auf dieses Fußballland blickt.


Eineinhalb Wochen vorher besteige ich den ICE 78 Richtung Berlin. Es muss in geistiger Umnachtung gewesen sein, als ich entgegen dem Spielkalender zuerst eine Kongressteilnahme in Berlin und später noch dem Kurztrip nach Norddeutschland zugestimmt habe. Oder war es organisatorisches Kalkül eben diese Zeit einfach einmal zu verpassen? Bürgerentscheid und Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt verfolge ich in der Hauptstadt.

Zwischen Industriemesse und gähnenden Vorträgen entscheidet sich Nils Petersen für den perfekten Einstand im Breisgau. Ich nippe an einem 1,20 Euro Filterkaffee, während die Nordtribüne gerade den Bierstand plündert. Der Berichterstattung des Bürgerentscheids findet für mich im Wagen 21 Sitz 13 statt. Auf der Jagd nach Handynetz, verfluche ich die Kassler Berge und die Deutsche Bahn für fehlendes WLAN. Perfektes Wochenende für den Verein. Mein Glückwunsch und Respekt an die politische Macht der Bürgerinnen und Bürger. Und jetzt mal sehen, was Sonja Zietlow zu erzählen hat. Einfach so zur Entspannung.

Einöde Bundesliga

Zwei Tage später wird der ICE 78 wieder einmal mein mobiles Zuhause. Es ist Dienstag. Ich grüße freundlich den Mann mit Sportbild mir gegenüber. Jetzt wäre ein Gespräch über Fußball toll. Doch der Mitfahrer hat offensichtlich keine entsprechende Lust. Vermutlich wundert er sich über das Grinsen von Gegenüber und versinkt tiefer und tiefer in seinem Magazin. Sicher HSV-Fan. Läuft halt nicht gut für den Klub. Des Abends läuft das Spiel Freiburg gegen Mönchengladbach. Das Unverständnis über die Abwesenheit meines ebenfalls fußballaffinen Freundeskreises wird mir schlagartig bewusst, als es 20 Uhr ist und ich in norddeutscher Einöde für WLAN und eine funktionierende Kicker App bete.

Ich werde erhört. Leider. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich auf den sich zu einem Kreis windenden Pfeil gedrückt habe, der bei Berührung des Touchscreen "Aktualisieren" auslöst. Bis zum nächsten Morgen – dann stelle ich fest: Auf der polierten Fläche meines Smartphones gibt es lediglich einen Fettfleck. Dieser fingerkuppengroße Ort war also meine Datenverbindung zum Spiel. Hier befanden sich Hoffnung, Freude, Trauer und Ernüchterung. Die glatte Oberfläche dieses multifunktionalen Gerätes ließ mich teilhaben. Danke Smartphone. Du hast alles gegeben. Genau wie die Mannschaft. Samstag wird alles besser.

Aber das wird es leider nicht. Stattdessen: Heimfahrt durch ganz Deutschland. Auf dieser Strecke ist man den Fans der Topklubs ausgeliefert wie ein junges Reh auf freiem Felde. So zum Beispiel im IC 2311, der den Namen Nordfriesland trägt und seine Passagiere bis Stuttgart bringt. Ich fahre lediglich bis Hamburg. Länger ertrage ich diesen Zug nicht. Im Wagon teilen sich Mutter-Kind-Kurgäste und Hamburg-Pendler den Fahrgastraum.

Ein Kind liest lauthals die Ergebnisse der Bundesliga vom Wochenende vor. Während die Mutter, stolz über die Lesefähigkeiten ihres Kindes, diesen rüpelhaften Störenfried nicht am Verlesen der Schande des vergangenen Spieltags hindert, zeigt sich das Kind ebenfalls nicht abgeneigt, jedem seine kindliche Treue zu seinem Lieblingsklub unter die Nase zu reiben. Der Junge ist HSV-Fan, was er mit wenig Textsicherheit in Stadionklassikern wiedergibt: So wird Lotto King Karls "Hamburg meine Perle" einfach mal schnell zu "Hamburg wilde Kerle" umgedichtet. Wo ist die GEMA, wenn man sie mal braucht? Und so überlege ich doch den Elternführerschein in mein politisches Repertoire aufzunehmen. Das ist doch unverantwortlich!

Das Kind soll schweigen!

In Hamburg stehe ich traurig am Bahnsteig. Aus dem Fenster winkt mir das Kind zu. Um seinen Hals baumelt der blau-weiße Schal des HSV. Die Welt könnte untergehen. Es wäre mir gerade scheißegal. Der größte anzunehmende Unfall wäre eine Erleichterung für mich. Komm, GAU! Schlimmer geht nicht!

Und dann der ICE 201. Die Abendpendler und ihr Arsenal von Zeitschriften. Ob die Zeitschriftenindustrie überhaupt ohne die Deutsche Bahn existieren würde? Der Kicker-Mann zwingt mich zum x-ten Mal dazu, das Interview mit Sonja Zietlow zu lesen. Ich will eigentlich nichts mehr wissen über das Dschungelcamp und ihre Pilotenkarriere und so. Also weiterblättern.

Der Bahnhof von Uelzen ist einer der meistbesuchten in Deutschland. Wegen Hundertwasser und seinem Bahnhofsgebäude. Schlaue Leute in Uelzen. Uelzen – da sollte man mal hin. Ob es wohl wegen des Bahnhofs damals einen Bürgerentscheid gab? Eine Seite weiter wirbt die Bahn für Angebote für Fußballfans. Auf dem Bild sitzen vier erwachsene Männer um die 30 Jahre brav in einem Regionalexpress der Deutschen Bahn und lachen. Kein Schaffner, der rau "Füße runter" befiehlt und keine Mitfahrer, die sich über das ploppende Geräusch einer sich öffnenden Flasche Bier beschweren.

Glückliche Menschen, die zu Fußballspielen fahren und allem Anschein nach auch wieder glücklich heim. Vielleicht sollte man das mal wieder machen. Der Kater nach der englischen Woche ist ja fast schon wieder weg. Vielleicht wäre das der Neuanfang nach dem GAU der letzten Tage! Berlin, ich komme: Samstag 7.49 Uhr, Gleis 1. Der ICE 78 und Hertha BSC warten schon. Und vielleicht ist Sonja Zietlow bis dahin schon ausgewechselt worden.

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[Foto: dpa Picture Alliance / Montage]