fudders Fußball-Philosoph: Leipzig ist ein Wendepunkt

Veit-Lorenz Cornelis

Freiburg hat gegen Leipzig mit 1:0 gewonnen, fudders Fußball-Philosoph war live im Stadion. Aber das ist 22 Jahre her. Am Freitag hat RB seinen geliebten SC regelrecht auseinandergenommen. Was ist passiert – und was bedeutet es?

Es war eines meiner ersten SC-Spiele, die ich gesehen habe. Der Gegner war der VfB Leipzig. Ich war mit meiner Mutter im Stadion, klebte am Zaun, als Rodolfo Cardoso in der 83. Minute das 1:0 für uns machte. Das Dreisamstadion – es explodierte, denn es war klar: Mit nur einem weiteren Sieg am letzten Spieltag in Duisburg wäre der erste Klassenerhalt in der Bundesligageschichte perfekt gewesen.


Und so kam es dann auch. Doch was zwischen der 80. und der 90. Minute an jenem Samstag im Mai 1994 geschah, war mehr als Fußball. Es war ein Wendepunkt in meinem Leben. Erst netzte Cardoso ein, dann hatte Leipzig (soweit ich mich erinnere) eine Riesenchance zum Ausgleich. Dann lief Cardoso in der 88. Minute zum Elfmeter an – und verschoss. Es waren diese zehn Minuten, die mich auf den Rest meines SC-Lebens vorbereiten sollten. In jenem Jahr mit einem glücklichen Ende…

Es war der Beginn meines Fan-Daseins. Ein Leben hinter dem Zaun. Danke, Mama, dass Du mich damals mitgenommen hast. Ich war infiziert, ein Zombie auf der ewigen Jagd nach dem Ball. Viele Momente der Freude, einige der Trauer und so manchen Schultag musste man sich den Schmährufen der damals schon existenten Bayern-, Dortmund-, oder (damals noch) Werder-Fans aussetzen. Ich muss sagen, dass es zuletzt sehr gut für mich lief. Erst der Aufstieg, jetzt gute Spiele. Der "kleine" SC ärgert wieder ein bisschen? Von wegen. Ein zweiter Wendepunkt in meinem Leben ereignete sich am letzten Freitag: Der Gegner war wieder Leipzig. Nur ein anderes Leipzig.

Ich starre in die Leere

Es ist 22.15 Uhr als der Schiedsrichter abpfeift und ich konsterniert auf der Nordtribüne stehe. Und mit mir viele andere Fans. Ich starre in die Leere. Es ist etwas geschehen in diesen Minuten, soviel ist klar. Dieses Leipzig ist nicht nur "anders", es ist brutal stark! Es spielt einen Fußball, der ansehnlich ist. Es spielt uns an die Wand. Zwei Typen am Bierstand: "Also wenn die bald gegen die Bayern spielen, dann bin ich auf jeden Fall für Leipzig!" Kawummm! Das war die Ohrfeige, die man braucht, um wieder in die Realität überzusiedeln.

Was ist da passiert? Was ist aus den Fragen geworden, die wir an den Fußball und seine Kommerzialisierung gestellt haben, als ein Marketing-Unternehmen zum Fußball-Produzenten wurde? Können wir uns ewig mit diesem Konzept des "kleinen" Vereins im Geschäft halten? Gibt es noch "Good" und "Evil" oder wollen wir einfach Qualitätsfußball mit endlosen Ballstafetten und herrlichen Toren? Was würdest Du tun, wenn plötzlich ein Unternehmen den SC Freiburg übernehmen möchte? Schaust Du dann noch Fußball? Oder gehen wir dann alle nach Bahlingen, Offenburg oder Villingen und gucken einen "ehrlichen" Kick? Da kommt was auf uns zu! Soviel ist sicher: Letzte Woche war ein Wendepunkt in unseren Fan-Leben. Jetzt müssen wir erst einmal damit klar kommen…