fudders App-Check: Idagio ist das Spotify für klassische Musik

Manuel Fritsch

Filme und Popmusik sind nicht alles, was sich streamen lässt; Auch die Freunde Mozarts und Beethovens sind inzwischen online unterwegs. Idagio heißt der größte Streamingdienst für klassische Musik. Wir haben ihn getestet.

Die App

Auf dem Smartphone macht sich der schwarze Button mit kleinem weißen Playzeichen ganz gut. Er wirkt nicht so dynamisch wie sein weißer Konkurrent von Apple Music, aber er strahlt doch unmittelbar Seriosität aus und scheint zu sagen: hinter mir steht was Solides – aber auch etwas Spannendes, der Playbutton ist leicht nach oben-links verschoben, abgefahren!

Das erste Erscheinungsbild der App ist recht aufgeräumt. Oben steht ein großes Album, dann folgen Kategorien: Neuerscheinungen, Beliebtes, Musik für den Tag und weitere. Auf der Desktopversion hat das Ganze nochmals etwas mehr Platz. Klickt man auf "Stöbern", kann man Musik nach Kriterien suchen: Komponisten, Künstler, Instrumente, Epochen.

Hier gibt es einige Unterschiede zwischen mobiler und Desktopversion.

Mobil bekomme ich zehn Solisten – wohl die beliebtesten – angezeigt, schön mit Bild, aber nicht mehr. Auf dem Rechner gibt es nur sechs, dafür kann man sich alle als Liste anzeigen lassen, als schier unendliche Liste. Ich bin beim Scrollen nicht einmal über das "A" herausgekommen. Wer hätte gedacht, dass es so viele Musiker gibt! Will man etwas Spezielles hören, sucht man also lieber über die Suchfunktion. In ihr liegt auch die Stärke der App.

Vorteile

Klassische Musik gibt es auf anderen Streamingdiensten auch. Idagio schlägt seine Konkurrenten aber eindeutig bei der Suche. Die App hat ihre Metadaten klug geordnet und so lässt sich in alle Richtungen suchen und ordnen. Man kann einzelne Stücke oder Komponisten suchen, nach Interpreten, nach Instrumenten oder nach Datum ordnen. So werden die Ergebnisse übersichtlicher und handhabbarer als beispielsweise bei Spotify. Und das ist bei inzwischen über 700 000 Titeln auch notig.

Für Beethovens 9. Symphonie gibt es gut 150 Treffer – Aufnahmen von 1928 bis 2018. Die lassen sich nun nach Orchester oder nach Dirigent durchsuchen und Connaisseure können verschiedene Filter auch kombinieren. So kann man zum Beispiel eine Aufnahme von Claudio Abbado mit den Berliner Philharmonikern finden.

Nicht-Connaisseure nehmen die Idagio-Macher an die Hand und führen sie durch die Welt der Klassik. Musiker, Kritiker oder Blogger haben Playlisten zusammengestellt, mit denen man Musik zu verschiedenen Themen entdecken kann. Das ist durchaus unterhaltend – die Playlist für Kinder ist mein Favorit, aber auch "Farben hören" ist nicht übel – manchmal aber auch etwas simpel: "Musik zum Essen" besteht zur Hälfte aus Musik, die in Werbespots zum Einsatz kam – nunja, das muss man dann eben als Konsumkritik lesen – beziehungsweise hören. Auf alle Fälle helfen die Listen, mal etwas anzuhören, auf das man sonst nie gekommen wäre.

Idagio bietet neben MP3 auch verlustfreie CD-Qualität an

Für Menschen mit höherem Anspruch bietet Idagio die Musik in verschiedenen Qualitätsstufen. Normale MP3-Qualität für unterwegs, wenn es auf das Datenvolumen ankommt, und verlustfreie CD-Qualität für Zuhause. Und glaubt es oder glaubt es nicht: der Unterschied ist hörbar. Vor allem, wenn man etwas bessere Kopfhörer benutzt oder gute Boxen macht das einfach etwas aus.

Das Highlight ist in der mobilen Version versteckt. Bei Spotify gibt es thematische Playlisten. Idagio hat das moderner und intuitiv gestaltet. Dort lässt sich zu seiner aktuellen Gefühlslage swipen (optimistisch, wütend oder entspannt) für die die App dann passende Stücke heraussucht. Zugegeben: Der ernsthafte Klassikfan wird wahrscheinlich die Nase rümpfen ob einer so primitiven Form der Musikauswahl. Aber egal, es macht Spaß und als Zugabe bekommt man passende Gemälde als Hintergrund.

Nachteile

Beim Testhören funktionierte Idagio in der Browserversion nicht überall gleich gut. CD-Qualität gibt es über Firefox nicht, über den Internet-Explorer gibt es gar keine Musik – zumindest über Chrome scheint alles zu funktionieren. Alternativ installiert man die Desktopversion, die läuft reibungslos.

Leider unterscheidet Idagio bislang nicht zwischen Aufnahme- und Veröffentlichungsdatum. Das führt zu Doppelungen von Aufnahmen, die wiederveröffentlicht wurden. Man findet Aufnahmen von Karajan aus diesem Jahr, obwohl er schon 1989 gestorben ist. Bei Idagio heißt es, dass man daran arbeite und versuche, Doppelgänger kenntlich zu machen.

Der wahrscheinlich größte Nachteil ist der Preis. Mit 9,99 Euro pro Monat liegt Idagio zwar im Schnitt aller anderen Streamingdienste.

Es gibt aber bisher keinen Studentenrabatt und keinen Familienaccount, so dass man um die zehn Euro nicht herumkommt. Und dafür gibt es ausschließlich klassische Musik. Die muss man für den Preis schon wirklich mögen. Allerdings soll das Preismodell in Zukunft differenzierter gestaltet werden, wie der Idagio- Pressesprecher sagt. Dann soll es auch einen Studentenpreis geben.

Fazit

Wer nicht eh schon ein Klassiknarr ist, wird etwas Zeit brauchen, um das Potential von Idagio zu entdecken. Je mehr Zeit man damit verbringt, umso besser wird es aber. Man beginnt, Aufnahmen zu vergleichen, Musik zu hören, auf die man sonst nie gekommen wäre und muss sich am Ende zugestehen, dass Klassik wirklich Spaß macht – selbst wenn man nicht viel davon versteht. Klar, auch Spotify oder Apple Music haben Klassik im Angebot. Aber so differenziert und so gut präsentiert bekommt man die Musik dort nicht – und so macht sie dort auch weniger Spaß. Das Ausprobieren lohnt sich auf alle Fälle.

Der Untergang der CD

Die CD verliert an Bedeutung. Ihren Höhepunkt hatte sie laut Zahlen des Bundesverbands der Musikindustrie im Jahr 1997, mit einem Umsatz von 2,3 Milliarden Euro. 20 Jahre später waren es nur noch 722 Millionen Euro. Die stärkste Konkurrenz der silbernen Scheibe: das Streaming. Spotify, Apple Music und Co. machen der CD das Leben schwer. Der Umsatz der Streamingdienste erreichte 2017 gut 500 Millionen Euro, ein Plus von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Musikbranche rechnet damit, dass der Anteil des Streamings an ihrem Gesamtumsatz bis 2022 rund 75 Prozent ausmachen wird – ein riesiges Potential, das vor allem junge Menschen anspricht, die meisten Streamer sind unter 30. Das ist für die Klassikbranche pikant, denn zwei Drittel der Käufer Klassischer Musik sind über 50.

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