fudder-Typologie: Diese Leute triffst Du beim Public Viewing

Alle zwei Jahre passiert es. In Kneipen und Biergärten werden riesengroße Leinwände aufgebaut, Parkplätze und Brachflächen werden zu Fanmeilen deklariert. Es ist der Deutschen liebste Jahreszeit: Public-Viewing-Saison! Wenn Fußball-Deutschland sich zusammenrottet, sind einige Arten von Besucherinnen und Besuchern immer dabei. fudder stellt sie vor.



Der Patriot

Die wichtigsten Jahre deutscher Geschichte, so meint der Patriot, waren 1954, 1990 und 2014. Wenn es um Fußball geht, spricht er ausschließlich von „WIR“ und „DIE“. Vom Hut bis zu den Socken in Schwarz-Rot-Gold gekleidet, kommt er mit der größten Flagge; nach Sonnenuntergang wird sie sein Kuschelumhang.

Seine Ausrüstung hat er schon vor einem halben Jahr im Internet bestellt, leider gab’s das Zeug nur „Made in China“. Bei der Nationalhymne grölt er aus voller Kehle mit – mit der Hand auf dem Herzen, logisch.

Der Platzhirsch

„Entschuldigung, ist hier noch frei?“ – „Nein, natürlich nicht!“, antwortet der Platzhirsch. „Meine Jungs und die Girls sind pünktlich zum Anpfiff da.“ Er sitzt alleine, zehn Plätze um ihn herum sind frei, dabei ist die Location überfüllt. Der Platzhirsch tut so, als würde er das nicht bemerken.

Sein Revier hat er mit Shirts, Schals und Mützen sorgfältig abgesteckt. Wehe, du nimmst Platz! Doch es ist wie auf Mallorca: Wenn einer sein Handtuch morgens auf die Liege legt: Einfach weglegen und hinsitzen.

Die Fußball-Fachfrau

Sie macht das eigentlich nicht: Public Viewing (allein das Wort schon!). Da hört sie die Halbzeitanalyse nicht und wie der Gegner sein Pressing staffelt, kann sie auch schlecht erkennen. Denn sie ist Fußball-Fachfrau, spielt seit sie drei ist selbst im Verein und kann die Ersatzspieler Islands auswendig aufsagen. Zum Public Viewing geht sie nur ihren Freunden zuliebe. Immer wieder legt sie den Zeigefinger an die Lippen und zischt die Gröler an.

Als sie sagt: „Das Zurückfallen der Außenstürmer gefällt mir in der deutschen Defensive recht gut“, hängen ihre Freundinnen längst an den Lippen eines Kerls mit Götze-Trikot. „Nie wieder!“, schwört sie. „Nie wieder!“

Der Typ-im-Portugal-Trikot

Es ist alberner Aufmerksamkeits- und Abgrenzungs-Drang, der diesen Typen, grundsätzlich Anfang 20, dazu bringt, in einem Trikot einer Mannschaft zu kommen, die an diesem Tag noch nicht mal spielt: Portugal. „Was ist mit Dir los, Alter?“, moppern ihn seine Kumpels an, die sich ein bisschen für ihn schämen. Eine bessere Antwort als „Aber Ronaldo!“ fällt ihm nicht ein. Insgeheim gefällt ihm aber vor allem das eng geschnittene rote Trikot.

Es gibt diesen Typen übrigens auch häufig in der England-Variante („Mutterland des Fußballs!“); In diesem Jahr ist übrigens mit einem gehäuften Auftreten der Nordirland-Spezies zu rechnen.

Die Woohoo-Girls

Sie treten im Rudel auf und haben das gleiche schwarz-rot-goldene Bikini-Modell für 6,99 aus dem Klamotten-Discounter an. Welche Mannschaft spielt, ist den Woohoo-Girls beinahe egal, wäre da nicht die Pflicht, Make-up, Bikini und Maniküre in Landesfarben zu tragen. In der Halbzeit werden auf dem Klo die Push-Ups zurechtgerückt, die Flaggen auf den Wangen nachgezogen und debattiert, wer der süßeste Spieler ist.

Anschließend stehen sie gemeinsam auf einer Bierbank und woohooen – leider manchmal aus Versehen bei einer Chance für die gegnerische Mannschaft. Merkt aber keiner, die Bikinis stehen ihnen nämlich bestens.

Der Tippspieler

Sein Blick ist nicht auf den Megabildschirm gerichtet, nein: Der Tippspieler stiert auf sein Smartphone. In der Wett-App verfolgt er, ob seine Einsätze richtig waren – und wo spontan noch Geld zu holen ist. Dabei hat er die Tipps für Achtel-, Viertel-, Halbfinale und Meisterschaft schon längst gemacht – genau so wie die riskanten Spezialtipps, wer das erste Tor schießt und die erste rote Karte bekommt. Fußball als Sport ist ihm dabei eigentlich egal: Er fiebert nur mit, weil es ums Geld geht.

Verliert sein Team, ist er nicht traurig, sondern wütend auf sich selbst. Hoffentlich wendet er sich nach der EM mal an eine Beratungsstelle.

Der Schwätzer

Als Thomas Müller zum Elfmeter antritt, hat der Schwätzer die Statistik parat. Belehrend sagt er zu den Mädchen ringsum: „Achtung! Müller hat vier der letzten acht Elfer verschossen! Jemand anderes sollte schießen!“ Was der alles weiß, die Mädels himmeln ihn an! Doch sein Expertentum ist vorgetäuscht, hinter auswendig gelernten Fakten klafft Ahnungslosigkeit.

Jetzt nur hoffen, dass er Recht behäl… Müller trifft. Und prompt ist der Schwätzer in der Menge verschwunden.

Der Fan der Gegenseite

Mitten im schwarz-rot-goldenen Gewusel steht er allein im Trikot seiner Mannschaft: der Fan der Gegenseite. Bei jedem Tor Deutschlands schlägt er wütend mit der Faust gegen sein Bein. Gern würde er irgendwen hauen, aber ihm ist klar, dass das ein Himmelfahrtskommando wäre. Wenn die Siegesfeier beginnt, schleicht er unter Vermeidung lokaler Korso-Strecken nach Hause.

Der Ersatztrainer

Er trinkt mehr Bier, als Tore geschossen werden und ist lauter als alle Vuvuzelas im Stadion zusammen: der Ersatztrainer. „Was machst du da, verdammt?“, brüllt er die Leinwand an – eine Antwort bekommt er jedoch nur vom Zuschauer hinter sich: „Setz dich endlich hin, Du Depp!“ Denn der Ersatztrainer springt bei jedem Ballwechsel auf und keift cholerische Kommandos: „Beweg dich endlich, Schürrle!“ Dabei ist ihm selbst der Weg zum Frittenstand schon zu anstrengend.

Der Ersatztrainer hält sich für einen Fußball-Spezialisten – dabei stand er selbst zuletzt auf dem Platz, als Franz Beckenbauer seine erste Saison bei den „New York Cosmos“ gespielt hat.

Die Korso-Spezialistin

In ihrem Becher ist immer nur Mineralwasser, denn nach dem Sieg soll es schnell gehen: Die Korso-Spezialistin ist bereit. Mamas Mini-Cabrio ist geputzt und halblegal in Laufweite des Public Viewing-Geländes geparkt. Papa hat vorher noch brandneue Außenspiegel-Überzieher in Deutschland-Farben angebracht, auf der Motorhaube klebt eine Fahnen-Folie, am Rückspiegel baumelt eine schwarz-rot-goldene Hawaii-Kette und im Kofferraum liegen drei große Fahnen parat.

Die Korso-Spezialistin liebt das Cruisen nach dem Sieg, immer schön Stakkato hupend – hinten auf der Rückbank des Cabrios ist Platz für ihre drei besten Freundinnen, die Woohoo-Girls.

 

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[Bild: Bilderstoeckchen, Fotolia.com]