fudder-Kommentar: Warum Fleischesser und Vegetarier gleichermaßen nerven

Manuel Lorenz

Kaum hat der Tofu-Stand auf dem Münsterplatz eröffnet, geht das Hauen und Stechen los. Fleischesser machen Vegetariern ihren Tofu madig, Vegetarier gönnen Fleischessern ihre Wurst nicht. Leben und Leben lassen? Fehlanzeige. Auf dem Münsterplatz überlagern sich Fressen und Moral untrennbar. Und das nervt fudder-Redakteur Manuel – und zwar von beiden Seiten gleichermaßen.



Vielleicht fallen die beiden Parteien ja deshalb so animalisch übereinander her, weil es in Freiburg so eng ist. In wohl kaum einer anderen deutschen Stadt hocken traditionelle und alternative Lebensvorstellungen so dicht aufeinander wie hier. Man reibt sich aneinander. Und kriegt Platzangst. Und Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung. Angriff heißt in diesem Falle einerseits Polemik, andererseits Heuchelei.


Fleischesser torpedieren Vegetarier zuerst mit unwahren, unlustigen Sprüchen („Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg“). Dann diffamiert den Tofu als farb- und geschmacklosen Gummi. Dabei ist doch ein Krake von ähnlicher Beschaffenheit. Und dennoch essen wir ihn furchtbar gerne, sobald wir ihn gekocht und mariniert haben. Übrigens ist Tofu ja nichts Neues: In Asien kennt man ihn von alters her. Und wenn keinen Tofu, dann bitte auch keinen Reis und keine Kartoffeln. Und keinen Döner.

Die letzte Attacke des Fleischessers gilt einer der vielen Darreichungsformen des Tofus: der Tofu-Wurst. Dabei bedeutet „Wurst“ doch nur, dass etwas „wie eine Wurst aussieht, die Form einer länglichen Rolle hat“ (Duden). Es gibt allerhand Würste, die nicht aus Fleisch sind: die Teigwurst, die Gartenwurst und die – pardon – Kackwurst. Woraus jenes wurstige Etwas dann ist, ist wurst.

Leider sind Vegetarier kein Deut besser als Fleischesser – nur bedienen sie sich statt der Polemik der Heuchelei. Sie empfinden es als unmoralisch, Tiere zu töten. Daher gelten ihnen Fleischesser als schlechte Menschen – oder gar als Mörder. Wären Vegetarier konsequent, würden sie sich ausschließlich von Licht ernähren. Denn: Wer sagt, dass Pflanzen keine Seele haben? Alles eine Frage des Glaubens. Und so wird Ernährung zur Religion. 

Vegetarier behaupten auch, gesünder zu leben als Fleischesser. Dafür Rauchen sie dann wie ein Schlot und/oder treiben keinen Sport – noch nicht mal Yoga. Außerdem nennen sie Fleischesser „Fleischfresser“ und setzen sie so mit wilden, instinktgesteuerten Tieren gleich, die sich unreflektiert ernähren und also eigentlich dumm sind. Vegetarier ignorieren also, dass Fleischkonsum hierzulande zum Kulturgut gehört und Tradition hat. Und: Wir schaffen ja auch nicht die Kirchen ab, nur weil wir herausgefunden haben, dass es keinen Gott gibt.

Die Gemüter sollten sich beruhigen: Wer ohne Sünde isst, der werfe den ersten Stein. Ein Tofu-Stand zwischen einer Handvoll traditionellen Bratwurstständen. Wenn nicht in Freiburg, wo dann?

Tofu-Snacks auf dem Freiburger Münstermarkt im Test



Der Tofu-Stand auf dem Münsterplatz: Interview mit den Betreibern



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