Selbstversuch

fudder hat einem Fremden fünf Minuten in die Augen gestarrt – und wollte ihn umarmen

Fabian Thomas

Auf dem Platz der Alten Synagoge probieren vier Freunde gerade ein Experiment aus, das in die Tiefe geht. Jeder kann so lange er will einem völlig Fremden in die Augen blicken. fudder-Autor Fabian Thomas hat den Selbstversuch gewagt.

Nachdem fudder mich gefragt hat, ob ich über ein Kunstprojekt am Platz der Alten Synagoge schreiben will, bei dem man jemandem gegenübersitzt und in die Augen schaut, sage ich ab. Das klingt zu anstrengend, einem Fremden so lange in die Augen zu schauen. Dann sage ich doch zu. Irgendwas reizt mich an diesem Projekt, das sich an eine Idee der Künstlerin Marina Abramović anlehnt, doch. Marina Abramović stellte im März 2010 zwei Stühle ins Atrium des Museum of Modern Art (Moma) in New York, setzte sich auf den einen und wartete, bis sich ein Besucher ihr gegenüber setzte. Jeder konnte sich setzten, so lange er wollte. 1545 Menschen saßen Abramović gegenüber. Manche lachten, manche weinten, manche sagten die Begegnung mit der Künstlerin hätte ihr Leben verändert.




Abramović nannte das Projekt "The Artist is Present", weil sie, die Künstlerin, "präsent", also gegenwärtig, war. Jeden Tag, fast 90 Tage am Stück . "The Citizen is Present" heißt ein ähnliches Projekt der vier Freunde Gary Joplin, Clara und Axel Perinchery und Martin Bruders. Auf einem roten Teppich neben dem Brunnen auf dem Platz der Alten Synagoge haben sie einen roten Teppich ausgebreitet, darauf zwei Stühle. Auf einem der Stühle sitzt einer der vier Organisatoren, auf dem anderen darf jeder Platz nehmen, der will. Als ich ankomme sitzt Gary auf einem Stuhl, ihm gegenüber ein junger Mann. Der Mann lächelt und schaut Gary an. Vor ihm steht eine Wasserflasche, aus der er ab und zu trinkt. Es scheint als ob er sich auf einen längeren Augenkontakt eingestellt hat. Beide sitzen aufrecht. Wie es sich für beide wohl anfühlt?

Die Initiatoren wollen mehr Achtsamkeit im öffentlichen Raum

"Wir wollen mit diesem Projekt soziale Prozesse im öffentlichen Raum sichtbar machen", sagt Psychotherapeut Axel Perinchery. Vieles im öffentlichen Raum passiere nur, weil Menschen unbewusst blieben. Wer immer auf sein Handy schaut, übersieht vielleicht eine Straftat oder eine Möglichkeit zum Engagement. Andererseits passierten viele Dinge auch deshalb nicht, weil die Leute unbewusst blieben, beispielsweise ein gutes Gespräch mit einem Fremden. Es gehe ihnen um "Achtsamkeit, innen wie außen", meint Perinchery.

Was das für jeden konkret bedeutet, kann man noch bis morgen 17 Uhr selbst ausprobieren, denn bis dahin läuft "The Citizen is Present" in Freiburg noch. Weil Gary gehen muss, steht auch der lächelnde junge Mann auf. Er wäre wahrscheinlich noch länger sitzen gebliebe. Den Augenkontakt mit Gary hat er sichtlich genossen.

Wer bin ich?, fragt sich unser Autor

Kurz darauf nimmt Martin Bruders Platz. Er arbeitet sonst als Wirtschaftscoach. Ich rücke meinen Schal zu Recht und setze mich. Schon geht es los, wir schauen uns in die Augen und nirgendwo anders hin. Es ist so ungewohnt. Wem schaut man sonst so lange in die Augen? Wer ist dieser Martin? Und wer bin ich, dass es für mich so anstrengend ist, ihm in die Augen zu schauen?

Der Platz der Synagoge ist voll, es ist kurz vor 17 Uhr. Die goldrote Sonne scheint knapp über dem Dach der UB in unsere Gesichter. Leute schauen uns zu, ein älterer Herr macht mit seiner Spiegelreflexkamera ein paar Bilder, aber ich schaue nicht hin. Ich schaue nur in Martins Augen. Ich genieße kurz ganz bewusst, im Mittelpunkt dieses Platzes zu sitzen. Es ist abwechselnd schön und komisch, ein paar Mal muss ich fast lachen, dann versuche ich mich zu entspannen. Den Augenblick genießen, einem Fremden in die Augen zu schauen.

Ich merke, dass Martin dabei geübt ist, anderen in die Augen zu schauen. Ganz kurz will ich Martin umarmen, so als ob ich ihn ganz gut kenne. Vielleicht kennt man sich ganz gut, wenn man sich fünf Minuten lang in die Augen geschaut hat. Ich überlege, wann der richtige Zeitpunkt ist, das Experiment abzubrechen. Nach fünf Minuten stehe ich auf, schaue noch einmal in Martins Augen, der brav sitzen bleibt. Wir lächeln uns an. Ich gehe.
Was: "The Citizen is Present"

Wo: Platz der Alten Synagoge

Wann: Donnerstag, 11.10., 10 bis 17 Uhr