Talk in der Tram

fudder fährt Straßenbahn mit Stephan Wermter

Bernhard Amelung

fudder ist mit den OB-Kandidaten von Endhaltestelle zu Endhaltestelle gefahren. Heute: OB-Kandidat Stephan Wermter. Der parteilose 57-Jährige möchte das Gemeinschaftsgefühl über Generationen hinweg stärken.

Drei Sekunden braucht Stephan Wermter von Null auf 100. So schnell beschleunigt sein Auto. Ein Ferrari 488 Spider. Mit diesem würde er am 1. Juli dieses Jahres auch zum Amtsantritt als Freiburgs neuer Oberbürgermeister ins Rathaus fahren. Zehn Tage vor der Wahl räumt sich der gebürtige Freiburger, Jahrgang 1961, gute Chancen ein. Er tritt ohne Unterstützung einer Partei an.


"Freiburg will einen Wechsel, Freiburg will Wermter", sagt er zur Begrüßung. Er tritt selbstbewusst und locker auf. Sein Händedruck ist fest. "Kann los gehen", sagt er und lacht. Seit 40 Jahren sei er nicht mehr Straßenbahn gefahren. Sein Geld, ein Bündel großer Scheine, trägt er lose in der Hosentasche, nur von einer Geldklammer zusammen gehalten.

In der Straßenbahn kommt Wermter sogar noch schneller von Null auf 180. Digitalisierung, Breitbandausbau, sozialer Wohnungsbau, Mehrgenerationenprojekte, Ausbau von Kita-Plätzen, Sozialticket, Freiräume für Jugendliche, Sicherheit in der Stadt. Die Liste seiner politischen Agenda ist lang. Zählt er seine Kernthemen auf, die er als neuer Chef im Freiburger Rathaus vorantreiben würde, kann er sich schnell in Rage reden.

"Wer acht Jahre nichts bewegt, tut es auch im neunten Jahr nicht." OB-Kandidat Stephan Wermter

Wermter will sich um den Breitbandausbau kümmern

Beispiel Digitalisierung. Am Morgen vor dem Gespräch habe er einen Termin im Rathaus im Stühlinger. Bauvorhaben, Genehmigungen, Papierkram. Als selbständiger Unternehmer habe er stets mehrere Projekte am laufen. "Mache" ist sein Lieblingswort auf Badisch. "Ich brauchte ein paar Dokumente. Eine Sekretärin sollte sie mir zuschicken. Im Rathaus konnte ich sie nicht abrufen. Kein Empfang, kein Wlan", sagt Wermter. "In welchem Jahr leben wir eigentlich?" Seine Stimme wird lauter. Er spricht schneller. Ursache allen Übels ist für ihn die zurückliegende Amtszeit des amtierenden Oberbürgermeisters Dieter Salomon. "Wer acht Jahre nichts bewegt, tut es auch im neunten Jahr nicht", sagt er.



Unter Salomon gehe der Breitbandausbau in Freiburg nicht voran. Die Infrastruktur erinnere ihn an die Achtzigerjahre. Die Zeit, in der Unternehmer wie er noch mit einem klassischen Autotelefon unterwegs waren. "Im Schwarzwald ging überhaupt nichts. Bei jedem Funkloch habe ich mir geschworen, Freiburg zu verlassen." Es müssen einige Funklöcher gewesen sein. Sechs Jahre seines Lebens in Freiburg hat Wermter gegen Stationen in Frankfurt, Saarbrücken, Lissabon und Dresden eingetauscht. Die Tatsache, dass die Stadt Freiburg nahezu flächendeckend mit bis zu 100 Mbit pro Sekunde versorgt wird, übergeht er allerdings. Stillschweigend.

Wermter will der Gesellschaft etwas zurückgeben

Die Wut tue gut, findet Wermter, der seine starken Gefühle konstruktiv in der Politik umsetzen will. Politisiert hat ihn seine Frau Wilma. "Durch sie habe ich gelernt, dass ich von unserer Gesellschaft viel bekommen habe. Ich kandidiere, weil es mir gut geht und weil ich der Stadt Freiburg etwas zurückgeben möchte. Das Geld, das mir als Oberbürgermeister zusteht, brauche ich nicht. Ich habe genug", sagt er. Gleichzeitig betont er, dass er kein Leben auf der Überholspur führe. Seinen Wohlstand habe er sich hart erarbeitet.

Wermter wächst in einfachen Verhältnissen im Freiburger Stadtteil Haslach auf. In der Kampffmeyerstraße. "In den Sechziger- und Siebzigerjahren war Haslach verschrien. Die Kriminalität war hoch. Viele Dauerarbeitslose, die von der Sozialhilfe profitierten, lachten mich aus, weil ich als Teenager arbeiten ging", erinnert er sich. Vormittags Schule, nachmittags arbeiten "im Konsum". Das war die Jugend des jungen Wermter. "Meine Eltern konnten mir nichts mitgeben. Ich habe für mich und meinen Bruder gesorgt. Ich habe mein Leben selbst in die Hand genommen und mich schon früh selbst gemanagt."

Eigentlich möchte er Kampfschwimmer bei der Marine werden. Nach Abschluss der Schule, Wermter hat Mittlere Reife, fährt er nach Wilhelmshaven und meldet sich zur Aufnahmeprüfung an. Er besteht sie. "Damals war ich sehr sportlich", sagt er und lacht. Der Ausbilder der Marine rät ihm, einen technischen Beruf zu erlernen. Danach könne er bei der Marine als Unteroffiziersanwärter einsteigen.

Mit diesem Ziel fährt Wermter zurück nach Freiburg und macht eine Ausbildung zum Elektro-Installateur "bei Elektro Müller in der Bauhöferstraße". Nach Abschluss der Ausbildung befolgt er die Aufforderung, sich zur Musterung vorzustellen, nicht. "Aus familiären Gründen", wie er sagt.

Jahre später heuert er bei der DSK an, einem bundesweit tätigen Unternehmen für Stadtentwicklung. Dort arbeitet er sich hoch. Bald hat er rund 2000 Mitarbeiter unter sich, darunter Architekten und Rechtsanwälte. "Ich bin fleißig und durchzugsstark", sagt er, angesprochen auf seinen beruflichen Werdegang. Wie der Biturbo-Motor seines Spider 488? Wermter lacht.

Missstände in der Politik bringen ihn auf 180

Die Straßenbahn hält am Rathaus im Stühlinger. Ein schöner Bau, aber "null funktional und bürgerfreundlich", findet der 57-Jährige. Er veröffentlicht zwei Screenshots, mit denen er das Fehlen eines Wlan-Netzes dokumentiert hat, auf seiner Facebook-Seite. Facebook ist das einzige soziale Netzwerk, das er im Wahlkampf um das Amt des Oberbürgermeisters nutzt. Er betreut zwei Seiten und sein privates Profil selbst. Dort holt er oft zum Rundumschlag gegen empfundene Missstände in Politik und Gesellschaft aus. Von Null auf 180 in unter drei Sekunden. Manchmal versteuert er sich dabei.

In März 2017 teilte er einen Artikel über ein Containerdorf für Flüchtlinge in Ungarn, versehen mit einem lachenden Emoji und dem Satz "Ich find’s klasse. Danke Ungarn." Außerdem kommentierte er den Beitrag mit einem Foto des Eingangstores des KZ Auschwitz und dem Satz "Ich stifte das Tor dazu." Das brachte ihm zwei Strafanzeigen wegen Volksverhetzung ein.

Heute tue ihm das leid. "Ich habe mehrfach um Entschuldigung gebeten. Ich bereue zutiefst, dass ich diesen Beitrag gemacht habe", sagt er. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, rechtsradikal oder gar antisemitisch zu sein. "Ich bin weltoffen und menschenliebend und sehe mich politisch absolut in der Mitte der Gesellschaft."

"Ich kann schnell Strukturen erfassen und wenn nötig verändern." OB-Kandidat Stephan Wermter
Bertoldsbrunnen, Stadtmitte. Die Rathausgasse gibt für den Bruchteil einer Sekunden den Blick auf das Rathaus frei. Frage an Wermter. "Wir sitzen in acht Jahren wieder in der Straßenbahn und stoßen auf Ihre erste Amtszeit an. Was haben Sie als Oberbürgermeister von Freiburg erreicht?" Er antwortet schnell. "Es wird in Freiburg ein Sozialticket für den Öffentlichen Nahverkehr geben. Die Stadtbau GmbH wird Wohnungen mit einem Quadratmeter-Preis von fünf Euro bauen. Es wird mehr Kita-Plätze geben."

Als Rathaus-Chef will Wermter um die Ecke denken

Dass die Stadt Freiburg im Oktober 2016 ein Sozialticket eingeführt hat, mit dem mehr als 20.000 Empfängerinnen und Empfänger von Sozialleistungen die Fahrscheine der Freiburger Verkehrs-AG günstiger bekommen können, interessiert ihn nicht. Das seien viel zu wenig Begünstigte, sagt er. Geht es nach ihm, würden die Kosten eines Sozialtickets auf Tagesgäste und Touristen umgelegt. Er spricht auch von Quersubventionierungen, einem Teilhabepakt mit lokalen Unternehmen und Geschäftsleuten. Die Verwaltung müsse einfach mal um die Ecke denken. "Ich kann das anregen. Ich kann schnell Strukturen erfassen und wenn nötig verändern", sagt er.




Als Beispiel für gelungenen Wohnungsbau nennt er zwei eigene Projekte. In Freiburg-Opfingen lässt er gerade eine Gewerbehalle mit angegliederter Wohnung bauen; In Elzach, wo er selbst seit einem halben Jahr lebt, drei Mehrfamilienhäuser. In die Mehrfamilienhäuser in Elzach sollen auch drei Flüchtlingsfamilien einziehen, eine pro Haus. So wie im Haslach der Sechziger- und Siebzigerjahre, als Gastarbeiterfamilien auch in Freiburg sesshaft wurden.

So versteht Wermter erfolgreiche Integration

"Wir hatten türkische Nachbarn. Wir spielten mit den Kindern. Im Sommer grillten wir gemeinsam. Das war super", erinnert sich Wermter. Probleme habe es nie gegeben. Nur einmal wollte der türkische Nachbar ein Lamm auf offener Straße schlachten. "Wir haben ihm gesagt, dass man das in Deutschland nicht mache. Das hat er verstanden. Wenn aber sechs solche Familien in einem Haus leben, geht das nicht mehr", sagt er. Integration bedeutet für ihn vor allem auch, dass sich Fremde an deutsche Gepflogenheiten und Gebräuche hielten.

Diese Haltung bringt ihm Zustimmung und Ablehnung ein. Mit Kritik könne er aber umgehen. "Als Selbständiger werde ich täglich mit Kritik konfrontiert. Ich musste früh lernen, damit umzugehen und mich nicht zu überschätzen. Manchmal passiert es, dass ich persönlich angreife oder angegriffen werde, aber dann muss man miteinander sprechen und eine Lösung entwickeln, die für alle tragbar ist." Seiner Frau Wilma zufolge habe er beim Einstecken lernen Nachholbedarf. Er lacht.

"Kritik muss sachlich sein und nicht unterhalb der Gürtellinie auftreffen. Nur so kann ich dazu lernen und mich verbessern. Wenn ich in ein Restaurant gehe und es mir am Herzen liegt, sage ich auch, was gut oder schlecht war." Am liebsten isst Wermter badische Küche. Sein Lieblingsgericht: Sauerbraten mit Semmelknödel. Das gelinge ihm auch zu Hause am Herd, doch er gehe gerne aus. UC-Café, Tom’s, Colombi, wenn er Lust auf Austern hat.



So vielfältig sein kulinarisches Spektrum ist, so weit fasst er auch die Zielgruppe, die er als OB-Kandidat ansprechen möchte. "Ein Freiburger für Freiburg" lautet der Claim seiner Werbekampagne. Jugendliche, junge Erwachsene, junge Familien, Alleinerziehende, Berufstätige, Selbständige, Rentner. Sie alle will er erreichen, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessern.

Auch den Ausbau von Kita-Plätzen und die Abschaffung von Elternbeiträgen will er voranbringen. "Eine Kommune muss das stemmen können. Wer 20.000 Euro Haushaltseinkommen im Monat hat, kann locker eine Kita bezahlen. Bei 2.000 Euro Monat Haushaltseinkommen sieht das anders aus. Da bleibt bei 1000 Euro Mietkosten nix übrig."

Sich um Familien, Alleinverdienende und Rentner zu kümmern, bezeichnet er als Herzensangelegenheit. Weil er selbst in seinem Elternhaus kaum Rückhalt fand. Weil ihn seine Verwandtschaft nach dem plötzlichen Tod seiner ersten Frau auffing. Damals war er von einem Tag auf den anderen alleinerziehend. "Ich habe erfahren, wie schwer es ist, Familie und Beruf zu vereinbaren", sagt er. Mehrgenerationenmodelle könnten Abhilfe schaffen. "Die Jungen für die Alten, die Alten für die Jungen. Mir ist das Miteinander in unserer Gesellschaft verloren gegangen."

Endhaltestelle Gundelfinger Straße. Für Stephan Wermter geht’s jetzt zurück an die Technische Fakultät. Von dort nach Freiburg-Opfingen, dem Standort seines Unternehmens für Reisemobile. Dann nach Hause ins Elztal, mit dem Ferrari. Auf dieser Strecke könne er gut runterkommen, sagt er. Von 180 auf null.
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Am Samstag lest ihr auf fudder:

Straßenbahnfahren mit Martin Horn

Kandidaten-Talk mit Salomon, Stein und Horn am Samstag

Zu einer Talkrunde in der Wodan-Halle lädt die Badische Zeitung die drei OB-Kandidaten, die von Parteien oder Gruppierungen unterstützt werden am kommenden Samstag. Zwischen 10 und 16 Uhr a stellen sich Amtsinhaber Dieter Salomon, Monika Stein (linkes Bündnis) und Martin Horn (SPD und Freiburg Lebenswert) den Fragen der BZ-Redakteure.

Was: BZ-Kandidatentalk

Wann: Samstag, 14. April, 10 Uhr

Wo: Wodanhalle

Eintritt: frei

Facebook-Veranstaltung: OB Wahl in Freiburg: BZ-Kandidatentalk

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