fudder fährt Straßenbahn mit Martin Horn

Felix Klingel

fudder ist mit den OB-Kandidaten von Endhaltestelle zu Endhaltestelle gefahren. Heute: Der parteilose Martin Horn. Er ist der einzige Kandidat, der nicht aus Freiburg kommt, und hat große Ziele: Als OB will er vor allem für günstigen Wohnraum sorgen.

Altkanzler Helmut Schmidt soll einmal im Wahlkampf zu den hochtrabenden Plänen seines Rivalen Willy Brandt gesagt haben: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Martin Horn hat Visionen, Visionen für Freiburg, so steht es in seinem Programm. Mit denen gehe er auch gerne zum Arzt, antwortet Horn auf den Schmidt-Spruch, so lange es in Freiburg eine Veränderung gibt: "Ich erlebe einen Wahlkampf, in dem nur gesagt wird: Es ist alles gut, so kann es weitergehen."


Martin Horn, 33 Jahre alt, Europa- und Entwicklungskoordinator der Stadt Sindelfingen, zu Hause in Stuttgart, will in Freiburg Oberbürgermeister werden. Vielleicht muss man diesen Satz noch einmal lesen, um zu merken, wie angreifbar Martin Horn damit als Kandidat für diese Wahl ist. Als Zugezogener hat er keinen Heimvorteil, muss sich in alle Themen neu einarbeiten und die Freiburger von sich überzeugen. Kann er das?

Warum will Martin Horn in Freiburg Oberbürgermeister werden?

Wir treffen uns an der Endhaltestelle der Linie 1 in Littenweiler, um einmal durch die Stadt zu fahren. Wir wollen über ihn und sein Programm sprechen – und über die Stadt, in der er Oberbürgermeister werden will. Warum gerade Freiburg?

Die erste Erinnerung an Freiburg habe er, so Horn, als er sechs oder sieben Jahre alt war. Damals haben seine Eltern hier einen Stopp gemacht auf dem Urlaub Richtung Schweiz. Seitdem sei er der Stadt immer ein bisschen verbunden geblieben – durch Familie und Bekannte. Im Sommer 2017 bei einem Aufenthalt in Freiburg kam dann die Entscheidung, als Oberbürgermeister zu kandidieren: "Es ist eine junge, grüne und weltoffene Stadt", sagt Horn. "Das passt zu unserer Familie."




Wir fahren an der Wiehre vorbei, dort also, wo man über ein WG-Zimmer für 450 Euro nicht mehr aufstöhnt. Hier wohnt er mit Frau und Kind zum Wahlkampf, allerdings momentan nur zur Zwischenmiete. Sollte er die OB-Wahl gewinnen, muss auch Martin Horn sich auf Wohnungssuche begeben – wobei er es als OB sicher einfacher hätte als ein Student oder eine alleinerziehende Mutter. Für diese will er sich aber besonders einsetzen: Bezahlbares Wohnen ist eines seiner Kernthemen. Dennoch bleibt er realistisch: "Wenn ich OB werde, gibt es nicht über Nacht plötzlich 1.000 bezahlbare Wohnungen", sagt Horn.



Martin Horn hat vier Vorschläge um die Wohnungslage in Freiburg zu verbessern. Er fordert einen Leerstandskataster, um zu erfassen, wo es noch Wohnraum gibt, der leer steht. "Der Kataster bringt keinen Wohnraum, aber wir brauchen ihn, um eine Strategie zu entwickeln", sagt Horn. Ist er dann auch bereit, das Zweckentfremdungsgesetz durchzusetzen, bei dem Eigentümern von leerstehenden Wohnungen ein Bußgeld in Höhe von bis zu 50.000 Euro droht? Bisher hat die Stadt Freiburg von diesem Bußgeld noch keinen Gebrauch gemacht. "Eigentum verpflichtet", sagt Horn. "Ich will nicht herkommen und mit Bußgeldern drohen, aber natürlich ist das eine Option."

"Auch der Mittelstand kann sich kaum noch Wohnungen leisten" Martin Horn
Seine zweite Forderung: Für den neuen Stadtteil Dietenbach will er 50 Prozent geförderten Wohnraum – denn nicht nur sozial schwache Menschen hätten inzwischen Anspruch auf geförderte Wohnungen. "Auch der Mittelstand kann sich kaum noch Wohnungen leisten. Wenn sie 4.000 Euro brutto verdienen, haben sie schon Anspruch darauf", so Horn.

Doch wäre das Wohngeld nicht ein geeigneteres Instrument, um günstiges Wohnen zu ermöglichen? Schließlich ist einiges an gefördertem Wohnraum belegt durch Mieter, die einmal förderungsberechtigt waren und dann sozial aufgestiegen sind. Etwa Studierende, die nach dem Studium plötzlich einen großen Gehaltssprung haben – sie müssen aus geförderten Wohnungen nicht ausziehen.



"Wir müssen immer bedenken, was für eine Bürokratisierung hinter dem Wohngeld steckt",sagt Horn. "Da müssen wir laufend Einkommensgrenzen kontrollieren, das finde ich nicht gut". Er halte den geförderten Wohnraum für ein besseres Instrument – auch die Bedenken, dass der hohe Prozentsatz an geförderten Wohnungen Investoren vor Dietenbach abschrecken könnte, weist er von sich.

Seine beiden anderen Forderungen bleiben dagegen etwas vage: Als Oberbürgermeister will er eine "vorausschauende Wohnraumpolitik" betreiben – also selbst Gebäude und Flächen aufkaufen. Außerdem will er die Freiburger Stadtbau als Kernakteur für sozialen Wohnraum umbauen. Was das konkret heißt, bleibt unklar. Das ist der Vorwurf, der Martin Horn im Wahlkampf oft gemacht wird: Der Stuttgarter habe die Probleme in Freiburg doch gar nicht verstanden.

"Stellen Sie sich mal vor, ich kandidiere mit meinem Hintergrund mit einem komplett ausgearbeiteten Konzept: Das wäre total unauthentisch" Martin Horn
Martin Horn ist der einzige Kandidat, der nicht aus Freiburg kommt. Der Vorwurf liegt also nahe. Vielleicht liegt es aber auch ein wenig an der Art, wie Martin Horn seine sonst inhaltvollen Ausführungen beendet: "Da will ich neue Akzente setzen" oder "Hier können wir noch mehr machen". Es ist manchmal eine Floskel zu viel.

Martin Horn nimmt’s gelassen: "Stellen Sie sich mal vor, ich kandidiere mit meinem Hintergrund mit einem komplett ausgearbeiteten Konzept: Das wäre total unauthentisch". Viel mehr will er seine Ziele und Forderungen mit den Bürgern zusammen entwickeln – ein Demokratieverständnis, das ihn von Amtsinhaber Salomon unterscheidet, wie er betont. "Gemeinsam gestalten" ist das Stichwort, das sich irgendwie auch wieder gefährlich nahe am Phrasenschwein bewegt.

Martin Horn will in Freiburg eine Wechselstimmung ausgemacht haben

Doch Martin Horn ist sich sicher: "Viele Freiburger haben das Gefühl, nicht gehört zu werden." Er will eine Wechselstimmung in Freiburg ausgemacht haben – das Interesse an seiner Person gibt ihm Rückhalt: Bei einer Wahlkampfveranstaltung im Rieselfeld etwa standen statt den erwarteten 20 Besuchern plötzlich 200 auf der Matte.

Wir fahren am Stühlinger Park vorbei. Für einige Freiburger das Sinnbild für eine Stadt, die immer unsicher wird – oder sich zumindest so anfühlt. Darum fordert Horn ein besseres Sicherheitskonzept für die Stadt.

Wie könnte das konkret aussehen? "Wir müssen den Stühlinger Park wieder als das sehen, was er ist: Ein toller Platz mitten in der Stadt", sagt Horn. Mit einer Öffnung des Parks zum Beispiel durch Außenbewirtschaftung hofft er, den Platz wieder positiv besetzen zu können.

Kriminelles Handeln soll klar verfolgt werden

Ansonsten will Horn in Freiburg einen Mittelweg zwischen Law & Order und Prävention fahren. Das heißt: Kriminelles Handeln klar verfolgen und bestrafen, aber auch eine präventive Strategie haben. "Ich will eine Aufstockung von Straßensozialarbeit und eine Förderung von Social-Start-Ups, die Alternativen aufzeigt und die Leute von der Straße holt", so Horn.

Auf dem Rückweg der Fahrt kommt die Bahn nochmal durch die Innenstadt, vorbei an Clubs und Bars. Zeit über das Freiburger Nachtleben zu sprechen, über Gastronomen, die sich kaum halten können und Veranstalter, die sich über fehlende Räume und strenge Auflagen beschweren. "Wir sind die jüngste Stadt Deutschlands, darum müssen wir die Ausgehkultur und die Subkultur bewahren", sagt Horn zum Thema.

Offenes Ohr für Nachtmacher

Was heißt das konkret? Martin Horn will vor allem ein offenes Ohr haben für die Sorgen der Nachtmacher, sagt er. Gleichzeitig kann er aber auch die Interessen der Bewohner verstehen: "Ich hab total Verständnis, wenn Anwohner keine Lust haben, jeden Sonntag Erbrochenes vor der Haustür zu haben."

Martin Horn hat beim Thema Nachtleben viele liberale Forderungen, ist gegen die Sperrstunde und geht selber gerne feiern. Gleichzeitig hat er sich aber auch die Unterstützung der Wählervereinigung Freiburg Lebenswert zugesichert. Der Verein tritt für eine starke Reglementierung des Nachtlebens ein. Den Spagat schaffen zwischen Anwohnerinteressen und Feierwütigen – das ist nicht einfach.

"Als Bürgermeister kann man es nicht allen recht machen. Dennoch ist ein klares Empathieverständnis von großer Bedeutung" Martin Horn
Dass sich dieser Spagat nach einer möglichen Wahl als schwierig herausstellen könnte, weiß auch Horn: "Als Bürgermeister kann man es nicht allen recht machen. Dennoch ist ein klares Empathieverständnis von großer Bedeutung." Um den Kontakt zu den Bürgern nicht zu verlieren, will er als OB jeden Monat eine Bürgersprechstunde in einem anderen Stadtteil einrichten.

Die Bahn ist am Bertoldsbrunnen angekommen, eine letzte Frage noch: Man hört immer mal wieder, Sie seien sehr siegessicher, stimmt das? "Nein, das wäre ja auch total vermessen", sagt Horn. "Das Sistergate kostet mich, das hat mich aber auch sehr geärgert, dass das so groß gemacht wurde." Seine Schwester hatte ihm auf seiner Facebook-Seite ihre Stimme zugesichert, obwohl sie gar nicht in Freiburg wohnt und ihn dabei gesiezt. Der Wahlkampfmanager von Dieter Salomon bemerkte den unglücklichen Kommentar – die Badische Zeitung machte eine Geschichte darüber.

Um seine Social-Media Auftritte kümmert sich Horn selbst, während einer kleinen Pause postet er noch was auf Facebook. Kleine Fehler können da schnell passieren – und große Auswirkungen haben. Man merkt allerdings, dass Martin Horn weiter kämpft, auch wenn er von diesem Wahlkampf etwas müde aussieht. Zum Abschied verteilt er noch einen Flyer für seine Veranstaltung "Auf ein Bier mit Martin Horn". "Ich bin da nicht in Freiburg", sagt der fudder-Fotograf und gibt ihn zurück. Das lässt Horn nicht gelten: "Dann geben sie ihn doch in der Redaktion weiter."
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