Talk in der Tram

fudder fährt Straßenbahn mit Dieter Salomon

Gina Kutkat

fudder ist mit den OB-Kandidaten von Endhaltestelle zu Endhaltestelle gefahren. Heute: Oberbürgermeister Dieter Salomon. Der 57-Jährige macht sich Sorgen um Fake News im Wahlkampf und verrät, wo er im ersten Semester in Freiburg Bier getrunken hat.

Es ist ein Moment, den Dieter Salomon in diesem Wahlkampf schon öfter erlebt hat. Donnerstagmittag, 13.30 Uhr, Endhaltestelle Lassbergstraße der Linie 1 in Freiburg-Littenweiler. Es wuselt auf dem Bahnsteig, ein älteres Ehepaar kommt auf ihn zu: "Unsere Stimme haben Sie!", ruft der Mann. "Sie machen das schon mit der Wahl", sagt die Frau. Sie schütteln Salomons Hand, der bedankt sich, sichtlich gerührt, für die Worte. "Alles Gute", rufen die beiden und steigen in den Bus nach Ebnet.


Dieter Salomon, 57, ist Oberbürgermeister von Freiburg. Zwei Amtszeiten hat er hinter sich, macht 16 Jahre Bürgermeistersein. Jetzt will er es nochmal wissen und tritt zum dritten Mal zur OB-Wahl an. Solche Begegnungen wie auf dem Bahnsteig entzücken ihn, sie beunruhigen ihn aber auch. "Eine Wahl ist erst klar, wenn die Stimmen ausgezählt sind." Er kramt in seinem Geldbeutel und gibt seinem Wahlkampfmanager Geld, damit dieser sich eine Fahrkarte kaufen kann. Er selbst fährt schwarz. "Ich habe meine Jahreskarte vergessen", sagt er und lacht.

"Die Entscheidung, beim Kandidat-O-Mat nicht mitzumachen, hat mir politisch nicht genutzt." Dieter Salomon
Am 22. April wählt Freiburg einen neuen Oberbürgermeister oder eine neue Oberbürgermeisterin, und Dieter Salomon ist der klare Favorit. Vier Konkurrenten und eine Konkurrentin treten gegen ihn an, nur zwei von ihnen – Monika Stein und Martin Horn – werden von Parteien oder Organisationen unterstützt. Der Grüne Dieter Salomon kann mit der Unterstützung seiner Partei rechnen, auch bei der CDU hat er viele Sympathisanten. Doch in diesem Wahlkampf läuft nicht alles rund für ihn.

Auf einer Podiumsdiskussion der Arbeitsgemeinschaft Freiburger Bürgervereine im Bürgerhaus Zähringen ein paar Tage zuvor erntet er Buhrufe. Dass Salomon mit seiner Absage das Projekt des Kandidat-O-Maten gestoppt hat, wird auf Facebook negativ kommentiert. Dass er vor Jahren plante, die Freiburger Stadtbau zu verkaufen, hängt ihm immer noch nach. Die Taktik seiner Kontrahenten: Immer wieder von Wechselstimmung sprechen. Martin Horn zeigt in seinen Instagram-Videos, wie viele Interessierte zu seinen Veranstaltungen kommen. Monika Steins Wahlkampfteam entwickelte den Schnaps "Salomons Albtraum" und spricht davon, ihn zu stürzen. Neben Stein tritt noch ein dritter grüngefärbter Kandidat an: Manfred Kröber.


Gründonnerstag in der Straßenbahnlinie 1 Richtung Landwasser. In 24 Tagen wird gewählt. Dieter Salomon trägt ein hellblaues Hemd, einen schwarzen Mantel und die Brille mit schwarzem Rand. Er sieht ausgeschlafen aus: Seine Augen blicken konzentriert durch die Gläser, seine Hände sind ineinander verschränkt. Er lacht zwischendurch beim Sprechen, und wenn er das tut, dann vor allem mit den Augen. Man merkt: Er beantwortet gerne Fragen – auch unangenehme. "Reden kann ich."




"Die Entscheidung, beim Kandidat-O-Mat nicht mitzumachen, hat mir politisch nicht genutzt", sagt er. Er hält sie aber nach wie vor für richtig. "Ich glaube nicht, dass man mit der Art der Fragen etwas über die Person erfahren kann. Weil die Beantwortung der Fragen zu völlig falschen Schlüssen führt." Seine Antworten hat er inzwischen ins Internet gestellt, er hatte das von Anfang an so geplant. "Die meisten Fragen kann man eben nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten." Dass das Projekt gerade für junge Menschen eine Chance wäre, sich niederschwellig mit den Kandidaten auseinanderzusetzen? Für ihn zweitrangig. "Es müssen intelligent ausgearbeitete, auf die Freiburger Situation zugeschnittene Fragen sein."

In diesem Wahlkampf ist etwas anders

Salomon musste in den letzten Wochen viel rechtfertigen. So geht es Favoriten, wenn die Herausforderer versuchen, sie vom Thron zu schubsen. Er ist ein erfahrener Wahlkämpfer, seinen ersten OB-Wahlkampf hatte er 1995 in Lörrach, 2003 und 2010 folgte dann Freiburg. In diesem Wahlkampf ist etwas anders: "Ich stelle eine neue Qualität fest", sagt er, "und zwar, dass mit Fake News Politik gemacht wird. Das erinnert mich in der populistischen Manier an Trump."

Weil Kandidat Anton Behringer vorschlägt, den Freiburgerinnen und Freiburgern bei der Wohnungsvergabe Vortritt zu lassen, findet Salomon ihn "fast so bescheuert wie Donald". Salomon kontert, wenn Behringer so etwas auf einem Podium fordert. Erklärt, dass es wichtiger ist, für die jungen Familien zu bauen, weil es einen Geburtenüberschuss gibt. "Und genau das tun wir." Deshalb sei der neue Stadtteil Dietenbach so wichtig, deshalb habe er in den letzten Jahren im Schnitt 1000 neue Wohnungen für Freiburg genehmigt.

Salomon ist so etwas wie eine berühmte Persönlichkeit in Freiburg

"Ich rede gegen solche Vorschläge an, wo ich nur kann," sagt Salomon. Was bleibt ihm auch anderes übrig. "Aber wenn die Konkurrenten in der Stadt rumlaufen und Leuten, die keine Ahnung haben, so etwas erzählen, machen sie damit Eindruck."

Salomon findet: Außer Monika Stein weiß keiner von den Kandidaten, wovon er redet. "Dreimal habe ich nun Martin Horn schon öffentlich korrigieren müssen." Dieser spricht im Wahlkampf oft davon, dass die Stadt in Sachen Digitalisierung der Steinzeit gleiche, dabei zitiert er eine IHK-Studie, nach der Freiburg bei der Digitalisierung auf dem letzten Platz liege. "Die Studie bezieht sich aber auf die Region Südlicher Oberrhein, nicht explizit auf Freiburg", sagt Salomon. "In Freiburg haben wir jetzt eine flächendeckende Versorgung bis 100 Mbit pro Sekunde." Deshalb sei die Aussage von Horn "Bullshit". Salomon klingt nicht unfreundlich, wenn er das sagt.

"Dass Freiburg dieses Bullerbü ist, in dem nur grüne Idealisten rumlaufen und indem es keine Krankheiten, keine Armut und keine Drogen gibt – das kann man nur schreiben, wenn man von außen mit Klischees auf Freiburg blickt." Dieter Salomon
Er sitzt auf dem Fensterplatz in einem Vierer-Abteil der Straßenbahn, der Platz neben ihm ist frei. Salomon ist so etwas wie eine berühmte Persönlichkeit in Freiburg, kein Weltstar wie Jogi Löw, aber ebenso bekannt – auch außerhalb der Stadt: Er ist Präsident des Städtetags Baden-Württemberg und hat in der Zeit der Freiburger Mordfälle einige Talkshows besucht. Während die Tram am Landgericht Freiburg vorbeifährt, spricht er über das Urteil im Fall Hussein K. "Es war wichtig, dass man den Prozess so intensiv geführt hat. Wichtig, dass man dem Opfer gerecht wurde, indem man die Umstände des Todes und auch den Mörder klar identifiziert hat."

In den letzten Monaten hat er viel mit Journalisten gesprochen, die wegen der Mordfälle Artikel über Freiburg geschrieben haben. "Über einen davon habe ich mich sehr geärgert." Der Spiegel-Artikel "Maskenball" vom 24. März. "Ich hatte den Eindruck, dass der Autor in einer anderen Stadt lebt als ich", sagt Salomon. Alexander Smoltczyk schreibt, dass Freiburg sich verändert habe, dass ein Riss durch die Stadt ginge. "Ich finde nicht, dass Freiburg sich grundlegend verändert hat", sagt Salomon. "Dass Freiburg dieses Bullerbü ist, in dem nur grüne Idealisten rumlaufen und indem es keine Krankheiten, keine Armut und keine Drogen gibt – das kann man nur schreiben, wenn man von außen mit Klischees auf Freiburg blickt."

Größte Herausforderung: Die Balance zwischen Wachstum und Ökologie

Für Salomon ist Freiburg eine lebens- und liebenswerte Stadt, er schätzt ihren sozialen Zusammenhalt und die Offenheit. "Wenn sich Menschen gedankenlos am Synagogenbrunnen auf dem Platz der Alten Synagoge daneben benehmen, wünsche ich mir einen Prozess, indem sich Zivilgesellschaft selber erzieht. Und der findet auch statt. Entscheidend fürs Erinnern ist, dass man darüber redet."

Seine Erfahrungen aus den letzten 16 Jahren will Salomon in Projekte wie einen neuen Stadtteil, das neue Stadion und den Bau des Stadttunnels stecken. Die größte Herausforderung: Die Balance zwischen Wachstum und Ökologie zu halten. Er ist ein engagierter Redner, der keine Diskussion und keinen Streit scheut, "das ist für mich politische Auseinandersetzung."

Von 1990 bis 2000 ist Salomon Stadtrat

Dieter Salomon kennt Freiburg gut, denn er lebt jetzt seit fast 40 Jahren in der Stadt. Kam als junger Student aus Missen im Allgäu an die Universität, um Politik- und Finanzwissenschaften und Romanische Philologie zu studieren. Mitten im Studium wird er Vater, 22 Jahre ist er da alt. Während seine Kommilitonen das Studentenleben genießen, kümmert er sich um seine kleine Familie. "Für Studium und Promotion habe ich zehn Jahre gebraucht", sagt er. 1991 promoviert er, das Thema seiner Dissertation: "Grüne Theorie und graue Wirklichkeit: die Grünen und die Basisdemokratie".



Seit 1980, dem Gründungsjahr der Grünen, ist Dieter Salomon Mitglied; politisiert hat ihn unter anderem die große Umweltbewegung in den 70er Jahren und – ganz konkret – eine Bürgerinitiative gegen den Straßenbau im Allgäu. Von 1990 bis 2000 ist er Stadtrat und zehn Jahre lang grüner Landtagsabgeordneter für Freiburg. 2002 wird er zum ersten grünen OB einer deutschen Großstadt gewählt, er erhält im zweiten Wahlgang 64,4 Prozent der Stimmen.

Sechs Jahre im Feierling-Biergarten gejobbt

Die Tram lässt jetzt den Platz der Alten Synagoge und die UB hinter sich. Wenn Salomon diese Wahl gewinnen möchte, ist es wichtig, auch die jungen Leute der Studentenstadt Freiburg zu erreichen. "Studentische Themen sind mir nicht fremd", sagt er. Er habe hier schließlich studiert und auch zehn Jahre in der Mensa gegessen. "Aber nicht den Milchreis am Freitag."

Sechs Jahre lang hat er außerdem im Feierling-Biergarten gejobbt , "Party nebenher ging auch." Als Salomon Student war, machte gerade die Diskothek Agar auf, damals noch unter dem Namen Bhagwan. "Das Agar kennt heute jeder, Bhagwan nicht mehr", sagt er – und meint die Sekte, die den indischen Guru Bhagwan verehrte. In den 80er Jahren lebten mehr als hundert Anhänger in Freiburg und bauten eine Disko - das heutige Agar.

Nachts um drei Schweinshaxe im Löwen

Der Student Salomon trank im ersten Semester Bier im EL.PI, Wein in Webers Weinstube in der Hildastraße und aß nachts um drei Schweinshaxe im Löwen in der Herrenstraße. "Alle drei Lokale gibt es auch heute noch." Sie haben – trotz Sperrstunde – länger auf als früher. "Damals wurde in Freiburg um 12 der Gehsteig hochgeklappt." Jeder könne seine Kneipe heute so lange auflassen, wie er will, sagt Salomon. "Klar: Offiziell ist um 3 Sperrstunde, man kann jedoch auch Verlängerung beantragen." Aber das mache fast niemand. Und warum? "Aufgrund des Bachelor-Master-Studiums müssen die jungen Leute unter der Woche strenger studieren."

Dass junge Leute in Freiburg das Gefühl haben, die Stadt sehe das Nachtleben als Störfaktor, weil immer mehr Clubs schließen? "Wie man aus der Tatsache, dass manche Wirte schlecht wirtschaften und Anwohner klagen, weil auch die Lärmschutzgesetze bundesweit verschärft wurden, daraus schließen kann, dass die Stadt etwas gegen Clubs hat, verstehe ich nicht." Ihm sei es recht, wenn die Jugend feiert. "Soviel sie wollen und wo sie wollen."

Man kann das alles auch anders sehen und fragen, warum sich die Stadt nicht einfach mehr für junge Musiker, DJs, Clubbesitzer und Veranstalter einsetzt. Warum erst die Interessengemeinschaft Subkultur gegründet werden muss, die sich für das Nachtleben engagiert und durchsetzt, dass Freiburg einen Popbeauftragten bekommt. Warum sich die Organisatoren des erfolgreichen CSD über schlechte Kommunikation mit den Behörden beschweren.

Mit den CSD-Organisatoren hat er bereits gesprochen und zugesagt, mit der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung zu reden, damit diese mit einem Kehrwagen hinter dem Umzug herfährt. Er würde sogar Schirmherr des CSD werden, wenn er denn gefragt würde. "Aber die letzten zwei Jahre habe ich einfach keine Einladung bekommen."
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Am Donnerstag lest ihr auf fudder:

Straßenbahnfahren mit Monika Stein

Event mit Salomon, Stein und Horn am Samstag

Zu einer Talkrunde in der Wodan-Halle lädt die Badische Zeitung die drei OB-Kandidaten, die von Parteien oder Gruppierungen unterstützt werden am kommenden Samstag. Zwischen 10 und 16 Uhr a stellen sich Amtsinhaber Dieter Salomon, Monika Stein (linkes Bündnis) und Martin Horn (SPD und Freiburg Lebenswert) den Fragen der BZ-Redakteure.

Was: BZ-Kandidatentalk

Wann: Samstag, 14. April, 10 Uhr

Wo: Wodanhalle

Eintritt: frei

Facebook-Veranstaltung: OB Wahl in Freiburg: BZ-Kandidatentalk

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