fudder-Diskussion: Was denken Erstwähler über die Bundestagswahl – und wen wählen sie

Gina Kutkat

Eine Wahl, vier Standpunkte: fudder hat vier Erstwähler aus Freiburg und Lörrach eingeladen, die am Sonntag zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl wählen werden. Wo setzen sie ihr Kreuz und was bewegt sie? Gina Kutkat hat mit ihnen gesprochen.

Die Diskutanten

Anna Lob, 21, kommt ursprünglich aus Bad Krozingen und studiert im 5. Semester Psychologie an der Universität Freiburg.

Tim Keller, 18, kommt aus Wittlingen bei Lörrach und hat gerade sein Studium in Computer Science an der Uni Basel begonnen.

Annika Baumann, 18, kommt aus Brombach bei Lörrach und befindet sich im dritten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Schreinerin.

Kai Koebel, 20, hat im letzten Jahr sein FSJ im Bereich Schwerstbehindertenassistenz in Freiburg gemacht und für ein halbes Jahr verlängert. Seit anderthalb Jahren ist er Mitglied bei "Die Partei".

fudder: Ihr dürft Sonntag zum ersten Mal wählen. Wie ist das für euch?

Tim: Spannend. Sonst guckt man sich die Wahlen und Ergebnisse im Fernsehen an und jetzt kann man sehen, was die eigene Stimme bewirkt.
Kai: Ich habe schon bei den Kommunalwahlen gewählt.
Anna: Ich auch. Aber die Bundestagswahlen sind was Besonderes. Ich finde es cool, da mitmachen zu können und habe mich intensiv damit auseinandergesetzt. Die Landeszentrale für Politische Bildung hatte eine Vortragsreihe, da war ich dabei.
Kai: Ich habe mich sogar schon entschieden, wen ich wähle.

"Julien Bender ist bei den jungen Menschen in Freiburg der favorisierte Kandidat"Kai Koebel

fudder: Wen denn?

Kai: Ich wähle mit meiner Erststimme Tim Jochmann, den Freiburger Kandidaten von Die Partei.

fudder: Was wählt ihr anderen?

Tim: Mit der Zweitstimme wähle ich die FDP. Bei der Erststimme bin ich mir noch nicht sicher. Ich muss mich noch informieren und schauen, welcher Kandidat mir am sympathischsten Ist. Es wird wahrscheinlich die FDP oder die CDU.
Annika: Ich tendiere zur CDU. Die Erststimme bekommt Jonas Hoffmann, SPD. Er tritt im Wahlkreis Lörrach-Müllheim an.
Anna: Mit meiner Zweitstimme wähle ich die Grünen, aus inhaltlichen Gründen. Mit der Erststimme Julien Bender – er hat mich bei einer Kandidaten-Vorstellung in Freiburg überzeugt.
Kai: Was hat dich an ihm überzeugt?
Anna: Er wirkte sehr souverän und inhaltlich gefestigt.
Kai: Das habe ich erwartet. Julien Bender ist bei den jungen Menschen in Freiburg der favorisierte Kandidat. Weil er ein junger sympathischer Politiker ist. Außerdem ist er in seiner Thematik drin.
Anna: Er ist auch online super präsent und spricht die jungen Leute an, durch die Art, wie er Wahlkampf macht.
Tim: Die Kandidaten in Freiburg hören sich interessanter an als bei uns in Lörrach. Ich habe den Eindruck, bei uns sind alle um die 60. Armin Schuster von der CDU kennt man noch, sonst ist die Auswahl lasch. Der FDP-Kandidat ist auch älter, ein großer Unterschied zu Christian Lindner.



fudder: Mit welchen Themen können denn die Parteien bei euch punkten?

Tim: Mir ist das Thema Digitalisierung wichtig und wie Deutschland in dieser Hinsicht aufgestellt ist.
Annika: Mich hat das Thema Flüchtlinge sehr beschäftigt, das ist jetzt in den Hintergrund gerückt. Weil eh immer das Gleiche rauskommt. Ich finde, wir haben genug Flüchtlinge aufgenommen. In Lörrach gibt es immer wieder Diskussionen über die Unterbringung. Das ist schon heftig. Deswegen bin ich für eine Obergrenze.
Anna: Mir ist Bildung wichtig, weil ich mich in einer Bildungssituation befinde. Die Debatte um geflohene Menschen spielt eine Rolle, weil ich mich für sie einsetze. Da ist meine Priorität gegenteilig zu dir, Annika. Ich möchte eine Partei wählen, die weit weg von der Obergrenze steht. Familienpolitik und soziale Gerechtigkeit sind auch wichtig.
Kai: Bildungspolitik. Unser Schulsystem ist nicht zukunftsfähig, auch nicht im internationalen Vergleich. Die Debatte um eine Obergrenze finde ich menschenverachtend. Die Partei sagt zum Beispiel: Deutschland darf nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen als das Mittelmeer. Die Menschen sterben zu lassen ist keine Lösung.
Tim: Nee.
Anna: Auf keinen Fall.
Annika: Nein.
Kai: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens finde ich noch spannend. Das interessiert nur fast niemanden, weil es zu wenig junge Wähler gibt.

"Ich denke auch, dass 16-Jährige durchaus in der Lage sind, reflektierte Entscheidungen zu treffen"Anna Lob

fudder: Ist die Wahl mit 16 eine Lösung?

Kai: Absolut. Ich finde das sinnvoll, gerade, wenn man sich den demographischen Wandel anschaut. Jeder zweite Wähler ist mittlerweile über 52, da stehen die Interessen der Jüngeren nicht im Vordergrund.
Tim: Wenn man mit 16 nicht interessiert ist, nimmt man das Wahlrecht eben nicht wahr. Und diejenigen, die wählen gehen wollen, können es in Anspruch nehmen.
Annika: Man lernt auch in der Schule viel über Politik und spricht über Wahlprogramme zur Bundestagswahl.
Anna: Ich denke auch, dass 16-Jährige durchaus in der Lage sind, reflektierte Entscheidungen zu treffen.

fudder: Gibt es Nichtwähler in eurem Freundeskreis?

Tim: Bei mir geht nur die Hälfte wählen. Viele haben daran einfach kein Interesse.
Anna: Ich kenne niemanden, der nicht wählen geht.
Kai: Es gibt in Deutschland etwa 18 Millionen Nichtwähler. Wenn die alle eine Partei wählen würden, würde diese die absolute Mehrheit holen, da gibt es Statistiken zu.
Tim: Das Problem: Viele Parteien sprechen die Menschen nicht an, was zu Desinteresse und Frustration führt.
Kai: Die Lösung könnten kleine Parteien sein, wie die Piraten, die eine Thematik aufnehmen, die von den Großen nicht behandelt wird.

fudder: Welche Partei geht gar nicht?

Anna: Die AfD. Für mich kommen Parteien vom rechten Spektrum nicht in Frage, weil das menschenverachtende Politik ist, die nichts mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte oder dem Grundgesetz zu tun hat.
Tim: Die Linke und AfD. AfD und NPD sind mir zu rechtsradikal. Die Linke ist mir zu weit links und auch zu radikal.
Kai: Zustimmen kann ich dir bei der AfD und der NPD, das ist plumper Populismus. Die Linke würde ich auch nicht wählen, die ist mir auch zu populistisch.
Anna: Das würde ich so nicht sagen. Die Linke ist durchaus wählbar, weil sie Positionen vertritt, die ich teile, wie zum Beispiel den Stopp von Rüstungsexporten.
Kai: Warum wählst du dann Die Grünen?
Anna: Weil sie sich für den Klimaschutz einsetzt. Ein Thema, das im Wahlkampf fast gar nicht vorkam.
Kai: Ich finde es sehr schwer, überhaupt eine Partei zu finden, mit der man übereinstimmt.

fudder: Was sind denn deine Übereinstimmungen mit Die Partei?

Kai: Die Idee dahinter ist, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten und den Leuten beizubringen, um die Ecke zu denken. Auch jüngere Leute sollen erreicht werden, was zum Beispiel gut über die Plakate funktioniert.
Anna: Wenn man ein Problem mit etablierten Parteien hat und frustriert von der Politik ist, ist es eine Möglichkeit, seinen Unmut durch Die Partei zu äußern. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Shahak Shapira, der dabei war, als 31 AfD-Gruppen bei Facebook übernommen wurden.

"Seti dem 8. November 2016, als Trump gewählt wurde, traue ich keiner Statistik mehr."Tim Keller

fudder: Habt ihr schon mal demonstriert?

Tim: Noch nie.
Kai: Ich war neulich bei der Anti-AfD-Demo in Freiburg dabei und demonstriere oft.
Anna: Ich war auch schon auf einer Anti-Rassismus-Demo in Freiburg. Ich bin Mitglied einer NGO und habe dort auch bei mehreren Demos mitgemacht.

fudder: Wie beurteilt ihr den Wahlkampf ?

Kai: Ich zitiere Gregor Gysi und sage "saft- und kraftlos".
Anna: Solange Merkel Kanzlerin ist, muss man sich von dem Zweikampf zwischen CDU und SPD verabschieden, weil sie momentan unantastbar ist. Spannend wird es, wenn sie aufhört.
Kai: Ich finde die Frage spannender, welche Kandidaten bei der CDU überhaupt noch in Frage kommen.
Anna: Der Kampf der kleineren Parteien um den dritten Platz ist auf jeden Fall immer noch spannend.
Kai: Es ist für eine Demokratie trotzdem erschreckend, wenn wir davon ausgehen, dass Platz eins und zwei immer gleich bleiben werden.

fudder: Bleibt Angela Merkel Kanzlerin?

Annika: Ich glaube ja.
Kai: Schulz ist auch keine Alternative. Als ehemaliger Präsident des EU-Parlaments hat er eine gewisse Routine, Professionalität und verkörpert nicht das Neue.
Tim: Es gibt auch nur wenige Optionen zur Großen Koalition. Schwarz-Gelb, Jamaika, Schwarz-Grün wird auch knapp. Ich hab irgendwie keine Lust auf nochmal vier Jahre Große Koalition.
Anna: Ja, es wäre schon cool, wenn man mal was anderes hätte.
Kai: Rot-Rot-Grün ist noch eine Option, die seit gefühlten Ewigkeiten im Gespräch ist.
Anna: Auch das wird knapp. Die SPD steht um die 20 Prozent und Die Linke und Grüne sind auch ungefähr bei acht.
Kai: Wobei Die Grünen je nach Umfrage aktuell tiefer liegen, weil ihnen das Wahlkampfthema fehlt. Die Homoehe wurde durchgewunken…
Anna: Klimaschutz war kein Thema, was fatal ist, aber…
Kai: … das interessiert keinen. Wir haben eine Klimakonferenz gehabt, da wurde was beschlossen, fertig.
Tim: Zu den Prognosen sage ich: Seit dem 8. November 2016, als Trump gewählt wurde, traue ich keiner Statistik mehr.

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