fudder-Debatte: Wieviel Gewalt dürfen Computerspiele enthalten?

David Weigend

Heute um 17 Uhr beginnt im Haus der Jugend die "Com-Fusion", ein Turnier, in dem neben Fußball und Autorennen auch Counter Strike gespielt wird. Dieser Online-Taktik-Shooter ist seit dem Amoklauf von Winnenden wieder für viele zum Aufreger geworden. Wir haben um zwei Positionen gebeten: Was spricht für, was gegen Counter Strike und Co?



PRO: Mathias Lemke

...ist 22, kommt aus Freiburg und ist Manager des Counter-Strike: Source-Teams von Hardware4u. Das Team nimmt an der ESL Pro Series (EPS) der Electronic Sports League (ESL) teil. Die EPS ist vergleichbar mit der 1. Bundesliga beim Fußball. Außerdem ist Mathias Redakteur bei der E-Sport-Szeneseite fragster im Bereich Counter-Strike: Source.

"Bisher konnten Psychologen keinen direkten Zusammenhang zwischen Ego-Shootern und Gewalt feststellen. Zudem steht fest, dass nur ein Teil der Amokläufer den Online-Taktik-Shooter Counter-Strike gespielt haben. Allgemein wurde in Studien angeführt, dass Amokläufer Einzelgänger und „Sonderlinge“ sind und ihr Verhalten nicht durch Ego-Shooter wie Counter-Strike hervorgerufen wird.

Das Verhalten der Amokläufer ist meiner Meinung nach das Ergebnis eines verkorksten Elternhauses und/oder einer vollkommen falschen Erziehung. Des Weiteren konnte man bei den Amokläufern ein großes Interesse an Waffen feststellen, zu welchen die Amokläufer, meist durch die Eltern oder den Schützenverein, Zugang hatten.


Bild © Flickr CC by Danny Sotzny

Weltweit gibt es Millionen andere Jugendliche und junge Erwachsene, die Ego-Shooter spielen, ohne dadurch zu Amokläufern oder anderweitig aggressiven Personen zu werden. Den Ego-Shootern werden Probleme in die Schuhe geschoben, die andere Personen zu verantworten haben.

Bereits die Berliner Charité hat in einer Studie festgehalten, dass sich täglich hunderttausende Menschen aller Altersklassen in Deutschland mit Ego-Shootern beschäftigen. Stellt man die Anzahl aller Spieler in Relation zu den Amokläufern, wird ersichtlich, wie klein der Anteil der Amokläufer ist. Es stellt sich die Frage, aus welchem Grund der restliche Teil der Spieler nicht zu Amokläufern wird.


Bild © Flickr CC by Danny Sotzny

Ein kategorisches Verbot der betreffenden Spiele, unter anderem auch von Counter-Strike, ist meiner Meinung nach blinder Aktionismus und somit der falsche Weg.

Folgende Argumente will ich für das Spiel Counter-Strike anführen:

1. Teamarbeit, keine Einzelgänge  
Der Online-Taktik-Shooter Counter-Strike ist ein Spiel, das man nur im Team lösen und gewinnen kann. Selbstverständlich gibt es den Einzelspielermodus, doch wird das Spiel in sämtlichen Ligen und Turnieren im Team gespielt. Wenn einer oder mehrere Spieler nicht zusammen trainieren, werden sie niemals Erfolge im E-Sport feiern können. Der oberste Grundsatz im Team lautet: „Nur gemeinsam ist man stark“.

Das Spiel Counter-Strike zwingt jeden Spieler dazu, sein eigenes Verhalten dem Team anzupassen und sich allgemeinverträglich zu verhalten. Wenn ein Spieler nicht mit den anderen arbeiten möchte, wird er im Sinne des Teams dazu aufgefordert oder als letzte Lösung gegen einen anderen, willigen, Spieler ausgetauscht.



2. Disziplin ist wichtig

Wer sich beweisen und auch sogenannte Clanwars gewinnen möchte, muss hart arbeiten, um sich von der Masse der Gegner abheben zu können. Dazu gehören unter anderem regelmäßiges Training mit dem Team sowie das Lernen der eintrainierten Taktiken. Wenn das Team oder ein Teil dessen nicht diszipliniert genug vorgeht, wird es niemals den gewünschten Erfolg erzielen können.

3. Soziale Gemeinschaften

In vielen Fällen übernimmt das Team für den Spieler eine ähnliche Position wie eine Familie. Mit dieser Familie verbringt er auch außerhalb des eigentlichen Spiels sehr viel Zeit und tauscht Sorgen, Ängste und Freuden sowie Erfahrungen aus. Ein Team, speziell im Spiel Counter-Strike, kann nur funktionieren, wenn die Spieler einander vertrauen.



4. Förderung verschiedener Fähigkeiten

Viele nationale wie internationale Studien beweisen, dass Ego-Shooter die Auffassungsgabe, das Sehvermögen sowie die Reaktionsgeschwindigkeit eines Spielers verbessern können. Selbstverständlich begrenzen sich diese Fähigkeiten nicht nur auf das Spiel, sondern auch auf das Leben außerhalb des Spiels. Auch ich stelle die Zunahme der oben genannten Fähigkeiten seit vielen Jahren fest und führe sie zum größten Teil auf meinen Umgang mit Ego-Shootern zurück.

5. Strategisches Denken steht im Vordergrund

Wie die allgemeine Bezeichnung von Counter-Strike schon sagt, ist das Spiel ein Taktik-Shooter. Für die Teams und die einzelnen Spieler ist die Zusammenarbeit überaus wichtig. Ohne das nötige Teamplay und die richtigen Taktiken ist es, unmöglich, zu gewinnen. Das Töten gegnerischer Spieler ist oft unumgänglich, aber nicht, wie vielerseits behauptet wird, das primäre Ziel."



CONTRA: Verena Weigand

...ist Leiterin der KJM-Stabsstelle in München. KJM ist die Abkürzung von Kommission für Jugendmedienschutz. Die gibt es seit 2003 und zeichnet gemäß dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) verantwortlich für die Aufsicht über Rundfunk und Telemedien, insbesondere das Internet inklusive Online-Computerspiele. Mitglieder sind sechs Direktoren der Landesmedienanstalten, vier von den Ländern und zwei vom Bund benannte Sachverständige.

"Spiele sind allgegenwärtig, und deshalb muss sich die Gesellschaft mit ihrer Bedeutung auseinandersetzen und damit mit der Frage: Machen ausschließlich wir etwas mit Spielen oder machen Spiele auch etwas mit uns?

Bei Letzterem geht es sowohl um eine mögliche direkte Wirkung auf ein Individuum als auch um Wirkungen auf die Gesellschaft. Die Themen, mit denen sich die Kommission für Jugendmedienschutz bei der Prüfung von Computerspielen beschäftigt, sind Gewalt, Sucht und Eskapismus.

Gewalt in Computerspielen ist nicht wünschenswert, aber sie ist leider aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken und kann deshalb als Thema auch in Spielen vorkommen. Die Frage ist doch dabei, in welcher Ausprägung Gewalt dargestellt wird. Wenig hilfreich ist es, wenn Computerspiele ganz grundsätzlich als schädlich und gefährlich eingestuft werden. Eine Versachlichung der Diskussion und kritische Auseinandersetzung mit den Spielewelten von Kindern und Jugendlichen ist hier dringend nötig.



Als sicher gilt in der Wirkungsforschung, dass Mediengewalt negative Effekte haben kann und vorhandene Einstellungen und Handlungsbereitschaften verstärken kann. Unabhängig davon, ob schädigende und desorientierende Wirkungen von Computerspielen nachweisbar sind, ist brutale, menschenverachtende und -vernichtende Gewalt abzulehnen. Ist sie die einzig mögliche Spielhandlung, überschreitet sie eindeutig die Grenze dessen, was Kindern und Jugendlichen zugemutet werden darf.

Dient Gewalt als reiner Selbstzweck – wie dies in den so genannten Killerspielen der Fall ist – ist sie unter moralischen Gesichtspunkten strikt abzulehnen und zu verbieten. Die gesetzliche Grundlage für solch ein Verbot ist in Deutschland längst vorhanden: Ob der entsprechende § 131 des Strafgesetzbuchs präzisiert werden müsste, sei dahingestellt.

Was innerhalb unserer Gesellschaft immer wieder von Neuem diskutiert werden muss, ist die Frage nach dem richtigen Maßstab bei der Beurteilung von (Medien-)Gewalt.

In der Beziehung versteht sich die KJM nicht nur als Aufsichtsinstanz, sondern will auch gesellschaftspolitische Prozesse anstoßen. Für die gesellschaftliche Rechtfertigung von Regelungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen ist ein eindeutiger Nachweis von kausalen Gefährdungszusammenhängen nicht nötig, um Produktion und Verbreitung von Medieninhalten einzuschränken, die dem geltenden Menschenbild widersprechen oder überholte archaische Konfliktlösungen propagieren. Bei der Entscheidung, ob ein Spiel jugendgefährdend ist, wendet die KJM primär pädagogische und sozialethische Kriterien an.



Problematisch, was den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu bestimmten Spielen angeht: Die Festlegung bestimmter Altersfreigaben ist einerseits sinnvoll als Tipp für Eltern, andererseits birgt sie aber die Gefahr, dass Computerspiele besonders für die Kinder und Jugendliche reizvoll sind, die jünger sind. Dass Kinder und Jugendliche allzu leicht an Spiele herankommen, die für ihr Alter nicht geeignet sind, wissen wir nur zu gut.

Ein Stück weit liegt es in der Verantwortung der Eltern, darauf zu schauen, welche Medien ihre Kinder konsumieren. Jedenfalls erscheint es gewinnbringend, mit Hilfe eines Gesprächs über das Spiel in Erfahrung zu bringen, was Kinder und Jugendliche am jeweiligen Spiel fasziniert, wie sie es erleben und welche für den Spieler eventuell wichtigen Lebensthemen ein Spiel aufgreift. Nicht zuletzt fordert die KJM von der Spieleindustrie weit reichende Selbstbeschränkungen.

Mehr dazu:

Was: ComFusion LAN-Party
Wann: Freitag, 17. April 2009, ab 17 Uhr - Ende Sonntag, 19. April 2009, 13 Uhr
Wo: Haus der Jugend, Uhlandstraße 2, 79102 Freiburg Wiehre
Tickets: 15 € VVK; 17 € an der Abendkasse, Besucher €3, Frauen zahlen nichts, teilnahmeberechtigt sind alle ab 16 Jahren.

fudder.de: Sollen Killerspiele verboten werden?