fudder-Debatte: Nacktkalender - Befreite Körper oder blanker Wahnsinn?

Manuel Lorenz & Philip Hehn

Fotos von nackten oder leicht bekleideten Mitmenschen sind Mainstream geworden. Nach Hausfrauen, Müllmännern, Skiliftmitarbeitern und Studierenden aller Fakultäten wollten nun auch Spielerinnen der Freiburger Eisvögel einen "recht freizügigen" Kalender machen. Der Vereinschef legte ein Veto ein. Die fudder-Autoren Philip und Manuel diskutieren.

  

Pro:  Was ist schlimm an selbstbestimmter, unspektakulärer Nacktheit?

Die Eisvögel haben also ihre Federn gelassen, und ihr Chef findet das schlimm. Kati Witt, die deutschen Fußballfrauen und die Olympionikinnen von Peking haben’s getan. Schlimm. Einfach nur schlimm. Pirelli und die Sports Illustrated. Schlimmer. Ja, noch schlimmer. Erstens, so der Vorsitz, widerspräche das nämlich seinen ethischen Vorstellungen; zweitens wolle er nicht in Verdacht geraten, der Klub versuche, sein Loch im Etat über einen erotischen Kalender zu stopfen.

Der zweite Satz entlockt in diesem Zusammenhang zwar ein pubertäres Lächeln, ist aber natürlich gänzlich an den Haaren herbeigezogen. Wer jemals eine Druckerei betreten hat, weiß, dass eine Auflage von 120 Stück wohl kaum einen Gewinn abwirft. Man muss schon froh sein, bei Null rauszukommen; ich hätte den Damen empfohlen, die paar Kalender einfach selbst zu basteln.

Das erste Argument des USC-Primus, sein ethisches Bedenken, wiegt freilich schwerer. Worin gründet aber eine Ethik, welche selbstbestimmte, unspektakuläre Nacktheit aus der Öffentlichkeit bannen will? Feminismus?

Klar: Wäre ich Alice Schwarzer, würde ich auch dagegen wettern, als entkleidetes Emma-Pin-Up in irgendeiner Ü-40-WG zu hängen, in der auf Y-Chromosomen die Todesstrafe steht und tierische Eiweiße den Weltuntergang heraufbeschwören.

Abseits dessen gibt es aber auch einen Feminismus, der eine freie Körperlichkeit jenseits überkommener konstruktivistischer Theoreme und sexistischer Männerphantasien propagiert. Feuchtgebiete, Art-Core, Jungsheft. Da zieht die Kommune 1 den Schwanz ein und Woodstock steigt die Schamröte ins Gesicht.



Schon in der antiken Ästhetik spielte Nacktheit eine zentrale Rolle. Und so sehe ich die Herren Kritiker kunstverständig staunend – Ah, Oh – von Statue zu Statue schreiten und frage mich, warum über zwei Jahrtausende nötig sind, um jene Ethik zu vergessen. Schlimm. Einfach nur schlimm. Und die ach so prüden Christen? Nackt. Von Adam und Eva über den Namensgeber selbst bis hin zur Gesamtheit aller Heiligen. Nun gut, ein Feigenblatt hie, ein Lendenschurz da. Aber wenn das Kirchenvolk Jahrhunderte lang schon nicht verstand, was im Gottesdienst eigentlich abging, hatte es wenigstens was zu gucken.

Bigotterie scheint es gewesen zu sein, die den Eisvögeln die bare Haut verbot. Oder die Verwerfung der gesamten abendländischen Tradition samt ihrer gegenwärtigen Revision und die Fixierung auf wichtige aber kurze und längst überblätterte Kapitel der feministischen Geschichtsschreibung.

Das muss natürlich toleriert werden, vor allem, wenn’s vom Chef kommt. Man hätte aber auch den bescheidenen Wunsch der Spielerinnen tolerieren können, ihren ausgebildeten Körpern vermittels eines Kalenders ästhetischen Ausdruck zu verleihen.

Säßen mehr Frauen in Führungspositionen, wären die Eisvögel heute mehr als nur funktionale Sportlerinnen. [Manuel Lorenz]



Contra: Wer sich auf seine Nacktheit reduziert, schadet sich selbst

Die sexuelle Revolution hat, auch wenn der eine oder andere das immer noch anders sieht, das Leben vieler Menschen verbessert, indem sie die Tür zu einem angstarmen Umgang mit einem menschlichen Grundbedürfnis aufgestoßen hat. Und auch deshalb kann und soll jeder Erwachsene sich heute natürlich so fotografieren lassen, wie er will. Was stört mich also an der grassierenden Nacktfotoseuche?

Mich ärgert, dass das Ausziehen immer mehr als universelle Abkürzung zu Bestätigung oder Aufmerksamkeit betrachtet wird, ein nerviger, allgegenwärtiger Trend, der interessantere Inhalte zu oft verdrängt. Blanke Hintern verkaufen sich. Die Bilder sind ausnahmslos „total ästhetisch“, wie die Abgebildeten nie müde werden zu betonen, und feiern das Objekt in seiner optimal aufgetakelten aktuell-vergänglichen Physiognomiekonfiguration, nicht weniger und, langweiligerweise, kein bisschen mehr.

Nicht nur der Betrachter, auch der Abgebildete erregt sich an der Abbildung, jedenfalls bis die durch das Überangebot an nachgeschmissener Nacktheit zynisch gewordenen Betrachter den Abgebildeten quasi exekutieren – zu dick, zu dünn, zu muskulös, nicht muskulös genug. Auch das ist widerlich, verbessert den Umgangston in Medien und Öffentlichkeit nicht und trägt über den allgegenwärtigen Vergleich inzwischen nicht mehr positiv, sondern negativ zum Körpergefühl vieler bei. Kleider haben eben auch eine soziale Schutzfunktion.

Nicht nur das: Wer seine Kleider öffentlich ablegt, legt auch seine gesellschaftliche Rolle ab, ist nicht mehr Sportler, Schriftsteller, Arbeiter, ist eben nicht „ganz Mensch“, sondern nur noch teilweise Mensch, Fleisch, ein ästhetisches Objekt anstelle eines kompetenten und erwachsenen Subjekts. Sich den Prüfer nackt vorzustellen ist nicht umsonst ein verbreiteter Tipp für nervöse Prüflinge. Nackt kommen wir alle auf die Welt und wachsen mit unserer Kleidung in die Zivilisation hinein. Kleider machen Leute, denn Leute sind heute mehr als nur Fleisch, in wichtigen Bereichen mehr Geist als Körper.

Wer sich öffentlich nackt inszeniert, auf seine Nacktheit reduziert, der beschädigt sich in seinen anderen Rollen, jedenfalls bis die Fotos vergessen sind. Also, hier im Internet, nie. [Philip Hehn]