Frühlings Erwachen: Von wegen frisch verliebt!

Doreen

Vorlage: ein 100 Jahre alter Roman, geschrieben gegen die verklemmte Gesellschaft. Damals im Kaiserreich, als man mit Sexualthemen noch provozieren konnte. Heute jedoch ist alles offen, alles möglich. Was müssen Jugendliche also tun, um in einer so grenzenlosen Welt überhaupt noch Grenzen überschreiten können? Ganz klar: Selbstmord begehen. "Frühlings Erwachen" erzählt schmerzhaft von heute.



Eigentlich denkt man bei Frühling zunächst an hübsche Blumen, verführende Düfte, himmlische Stunden zu zweit. Und wenn diese ahnungsvolle, träumende Jahreszeit sogar erst erwachen soll, so erscheinen junge grüne Knospen vor dem geistigen Auge und es wehen einem die lauen Lüfte um die Ohren.


Nicht so im Kleinen Haus des Theaters Freiburg. Hierzulande und in der Jetztzeit ist mittlerweile Sommer – und die frische Verliebtheit ist schwerer Vernachlässigung gewichen, ungestüm ausschlagende Bäume machen Gewaltexzessen Platz, das verspielte Erfahren des eigenen Ich wird zu aggressivem Selbsthass und wo einst alles möglich war, wird heute ein permanenter Leistungsdruck  aufgebaut.

Die jungen Schauspieler treten anderthalb Stunden so beeindruckend und überzeugend auf, als steckten sie selbst noch mitten drin, in dieser Pubertät. Sie spielen, als ginge es um ihr Leben. Auf der Bühne jedenfalls sterben drei von  fünf – und das, nachdem der Zuschauer schon gebeutelt wurde von sexuellem Missbrauch der Jugendlichen untereinander, brutalen Elternschlägen vom Schlüsselbund bis zur Autotür oder vom perversen Traum in der Vagina der Lehrerin.

Felicitas Brucker, die Regisseurin, ist selbst erst 33 Jahre alt. Und in ihrer Version der Jugend erscheint alles in extremo: Geht es um Schamgefühl, muss ein Schauspieler nackt über die Bühne springen; geht es um sexuelle Orientierung, macht es der eine mal mit dieser und mal mit jener, über Generationen und über den Willen der anderen hinweg; geht es um Gewalt, reicht die Schulhofprügelei nicht mehr aus: „Dich möchte ich schießen sehen.“

Was dagegen hilft? Wo die Rettung liegt? Brucker arbeitet gegen Ende Collagen aus der Fraktion der Eltern mit der harten Hand ein: Den Jugendlichen „mangelt es an Kultur, Einsichtsfähigkeit und Disziplin. Wer gerecht erziehen will, muss bereit sein zu strafen“.

Ist das so, ja?

Eine Chance gib es diesen Sommer noch, es herauszufinden: Am kommenden Sonntag im Kleinen Haus. Und auch in der nächsten Spielzeit ab September wird "Frühlings Erwachen" wieder gespielt. Aber mal ehrlich: Wer will wissen, wie das Thema im Herbst behandelt wird?

Mehr dazu:

Web: Frühlings Erwachen

Was: „Frühlings Erwachen“ nach Frank Wedekind – Letzte Vorstellung
Wann: Sonntag, 13. Juli 2008, 20 Uhr
Wo: Theater Freiburg