Fruchtfliegenforschung: Wie es ist, an der Uni sein eigener Chef zu sein

Till Neumann

Die Biologin Britta Hartmann forscht an der Uni Freiburg in einem deutschlandweit einzigartigen Projekt: dem BIOSS-Incubator. Ihre Forschungsobjekte sind Fruchtfliegen. Wie sie arbeitet, kann sie allein entscheiden. Die Erfolgschancen sind groß, das Risiko zu scheitern aber auch.



Lautlos strömt Kohlenstoffdioxid aus einer schwarzen Pistole in ein Glasröhrchen. Binnen Sekunden zeigt das Gas Wirkung: Die unzähligen Fruchtfliegen in dem Glas - vor wenigen Augenblicken noch am Krabbeln und Fliegen - sind betäubt. Das Gas ist in ihr Nervensystem gedrungen, regungslos liegen sie da. Einige von ihnen legt Dr. Britta Hartmann auf eine Glasplatte unter die Linse eines Lichtmikroskops. Mit einem grünen Stab, der aussieht wie ein Kugelschreiber, sondiert sie zwei Fliegen. Während sie die Tierchen begutachtet erzählt sie: „Ich erforsche die Gene der Fruchtfliegen. Sie haben große Ähnlichkeit mit denen des Menschen. Meine Ergebnisse können langfristig die menschliche Krebsforschung voranbringen. Auch zum Verständnis menschlicher Erbkrankheiten können sie beitragen."


Die 35-jährige Biologin sitzt in ihrem Labor voller bunter Schläuche, Gefäße und Maschinen im zweiten Stock des Freiburger Zentrums für Biosystemanalyse (ZBSA). Die braunen Haare fallen ihr leicht in die Stirn, eine Brille sitzt vor ihren grünen Augen, ihr Lächeln ist freundlich. Der weiße Laborkittel und die Plastikhandschuhe, die sie trägt, sind Arbeitskleidung. „Das ist Pflicht“, sagt Britta.

Mit der Überzeugung einer Professorin erzählt sie von ihrer Forschung: von Fruchtfliegen, Chromosomen und Proteinreinigung. Man merkt, dass sie sich auskennt in ihrem Gebiet, auch am Fachvokabular, das sie verwendet. Doch Professorin ist Britta Hartmann noch lange nicht – der Weg bis dahin ist weit und vor allem riskant. Denn Britta forscht unabhängig von einem Lehrstuhl oder Labor im BIOSS Incubator der Uni Freiburg. Sie hat ein eigenes Projekt, ein eigenes Budget, eigene Angestellte. So zu forschen ist deutschlandweit einzigartig. „Die Erfolgschancen liegen bei 50 %“, schätzt Britta, während sie einen Eintrag in ihr Forschungstagebuch macht. „Das Risiko ist extrem hoch.“

Der Weg zum Professor folgt eigentlich einem festen Muster: Studium, Promotion, dann als Postdoc für drei bis fünf Jahre in einem Labor, schließlich Junior-Gruppenleiter oder Junior-Professor. Ist man soweit gekommen, ist es nur noch ein Schritt zum großen Ziel: Professor/in. Im Incubator ist Britta Postdoc, aber mit verschärften Spielregeln. Normalerweise ist man als Postdoc Teil eines Teams, unter Führung eines Professors - nicht so im Incubator. „Ich bin ich hier mein eigener Chef. Die Verantwortung ist daher groß, die Aufgaben sind vielfältig. Ich bestelle Laborutensilien, schreibe Anträge, lerne Angestellte ein. Die meiste Zeit bin ich im Büro. Zum Forschen bleibt aktuell nur 20 % der Zeit, wenn überhaupt. Das Tolle ist aber, dass ich so auf die spätere Arbeit als Professor vorbereitet werde. Denn auch da macht man viel Verwaltung.“ Drei Jahre dauert das Projekt im Incubator, seit einem Jahr ist die Nachwuchsforscherin jetzt dabei. Und darauf kann sie stolz sein.

Denn BIOSS ist ein Exzellenzcluster, also ein Spitzenforschungsprogramm der Uni Freiburg, die sich seit 2007 mit dem Titel Eliteuni schmücken darf. 21,6 Millionen Euro jährlich bekommt die Uni seitdem bis ins Jahr 2012. Davon geht ein Teil an BIOSS. „Ein Spitzengehalt habe ich deswegen nicht“, verrät Britta. „Aber in so einem Programm arbeiten zu können, das ist schon was Besonderes.“

Wenn Britta Zeit findet für ihre Forschung, widmet sie sich ihren Fruchtfliegen. Tausende davon hat sie in einem großen Kühlschrank gelagert. Bei konstanten 18 Grad leben die Tierchen dort in kleinen Glasröhrchen, sogenannten „tubes“, ungefähr so groß wie die Gewürzgläschen aus dem Supermarkt.

„Ich injiziere den Fliegen manipulierte DNA und untersuche deren Reaktion darauf. So kann man herausfinden, welche Aufgaben die verschiedenen Gene haben. Das Ziel ist, nach drei Jahren eine wissenschaftliche Arbeit zu veröffentlichen. Wenn das nicht klappt, ist die wissenschaftliche Karriere futsch. Das ist das Risiko.“



Als Britta vor einem Jahr bei BIOSS angefangen hat, war sie die erste Incubatorin. Mittlerweile haben drei weitere Jungforscher das Incubator-Team komplettiert. Alle vier haben ihr eigenes Projekt, üben sich im Chefsein. Sebastian, mit dem sich Britta ein Labor teilt, weiß die Teamarbeit zu schätzen. „Wir unterstützen uns nicht nur technisch, sondern auch moralisch, wenn es mal nicht so läuft.“ Britta ergänzt: „Wenn ich zum Beispiel eine Proteinreinigung machen muss, von der ich keine Ahnung habe, wende ich mich an Maria, die das kann. Und wenn sie wissen möchte wie ihr Gen zusammengestückelt wird, kommt sie einfach zu mir. Wir vier profitieren sehr voneinander. Das ist echt super.“

Doch die gegenseitige Unterstützung kennt Grenzen. Denn viel zu tun haben sie alle. Und Britta hat neben der Arbeit im BIOSS noch ein weiteres Großprojekt: Seit knapp zwei Jahren ist sie Mutter. „Ich arbeite hier 150 %, obwohl ich ein Kind habe. Zellen wissen nicht ob Samstag ist oder Mittwoch. Wenn sich was tut muss man da sein, auch am Wochenende. Solche Opfer muss man bringen.“ Ihr Lebenspartner, auch Fruchtfliegenforscher, ist genauso beschäftigt. Für das Kind gibt es aber glücklicherweise einen Platz in einer Krippe extra für Biologen der Uni. „Mittlerweile habe ich eine Haushaltshilfe, anders geht es gar nicht“, sagt Britta.

Ob Britta ihre Veröffentlichung in den verbleibenden zwei Jahren schaffen wird, weiß sie nicht genau. „Das Ziel ist sehr optimistisch“, gesteht sie. Aber sehr besorgt sieht sie nicht aus. „Entweder es klappt oder es klappt nicht. Große Sorgen mache ich mir keine. Es wird wie es wird.“ Und dass die Forschung ihr liegt, das sieht man wenn sie im Labor am Werkeln ist. „Ich bin noch nie morgens aufgewacht und wollte nicht arbeiten gehen. Mein Job macht mir Spaß. Auch die administrative Seite. Da fällt es natürlich leichter sich zu motivieren.“



Dann beugt sich Britta wieder über ihr Mikroskop und begutachtet ihre Insekten. „Die Fruchtfliegen haben normalerweise auf dem Rücken ein paar Haare. Wegen der DNA-Manipulation sind das bei denen nur Stoppeln. Sieht aus wie abrasiert, wie ein Dreitagebart.“

Plötzlich erwacht eine der Fliegen aus der CO2-Betäubung und versucht auszubüchsen. „Die kommt nicht weit,“ sagt Britta und zermanscht sie mit ihrem grünen Stab. Die tote Fliege wirft sie in ein großes Einmachglas mit Flüssigkeit. „Ethanol und Wasser, das ist der Fliegenfriedhof“, erklärt sie.

Das Forschen im Incubator ist riskant - auch für die Fliegen.

Mehr dazu:

BIOSS, das Centre for Biological Signalling Studies, ist ein Exzellenzcluster der Uni Freiburg. Exzellenzcluster sind - neben Graduiertenschulen und Zukunftskonzepten, einer der drei Teile der Exzellenzinitiative. In den Exzellenzclustern wird zu einem weitgefassten Thema geforscht; bei Bioss ist das, sehr vereinfacht ausgedrückt, die Art, wie Zellen miteinander kommunizieren.