Friederike Starkloff, 18, Geigerin

Joana Jäschke

Friederike Starkloff ist 18 Jahre alt. Sie zählt zu den talentiertesten Geigenspielerinnen in ganz Deutschland. Sie hat eine Geige aus dem 18. Jahrhundert. Was sie nicht hat, ist Zeit. Aber sie hat gelernt zu verzichten. Ein Porträt.



Friederikes handflächengroßer, schwarzer Terminkalender ist bis zum Rand vollgeschrieben. Um eine Notiz einzutragen muss sie zurückblättern bis in den Januar. Da ist noch ein kleines bisschen Platz, also freie Zeit. Friederike studiert Violine an der Musikhochschule in Freiburg. Da sind Seminare, Soloproben, Orchesterproben, Ensembleproben. Um da den Überblick zu behalten, braucht man ein gutes Zeitmanagement und viel Disziplin.


"Phasenweise ist das schon anstrengend, aber ich liebe die Musik. Deshalb nehme ich das gern in Kauf", sagt Friederike."Andere würden das Ehrgeiz nennen. Wir Musiker sprechen lieber von der grenzenlosen Leidenschaft für die Musik", sagt Friederikes guter Freund Marcelo Montes. Und fügt leise hinzu: "Aber Friederike ist schon extrem. Sie ist sehr professionell. Aber manchmal arbeitet sie einfach zu viel."

Vier bis fünf Stunden übt Friederike im Durchschnitt. Täglich. Die Finger müssen flink bleiben. Das Gefühl, dass dabei das "normale Leben" an ihr vorbeirauscht, hat sie nicht. Für Friederike ist es normal, häufig im Semester erst gegen 23 Uhr aus der Musikhochschule heimzukommen. Und ihre Freunde nur am Wochenende zu sehen, wenn neben Proben und Unterricht dafür noch Zeit bleibt. Sie kennt es aber auch nicht anders.

Seitdem sie vier ist, nimmt Friederike Geigenunterricht. Zuerst bei ihrer Mutter. Als sie aber mit vier Jahren ein drei Seiten langes Violinekonzert auswendig und fehlerfrei beherrschte, übergab Tatjana Starkloff die Förderung ihrer Tochter in professionelle Hände. Dafür zog die Familie sogar von Chemnitz nach Freiburg.

"Friederike war nicht nur musikalisch begabt, sondern brachte auch den richtigen Charakter mit. Sie hat nie rumgeschrien oder gestrampelt, sondern immer vernünftig gespielt", sagt sie.



"Für mich ist das kein Verzicht oder keine Einschränkung. Ich liebe die Musik", sagt Friederike. Das sei der beste Ausgleich, den man sich vorstellen könne, betont sie - immer bemüht, ihre Schilderungen so unspektakulär wie möglich klingen zu lassen.

Einen Verzicht gesteht sie aber doch: Im Sportunterricht konnte sie bei einigen Übungen nicht mitmachen. Volleyball hat sie immer nur mit einem Softball gespielt, um keine Verletzung zu riskieren. Dafür kassierte sie die eine oder andere schlechte Note. Aber das war es ihr "absolut wert" und das Geflüster der Mitschüler hat sie ignoriert. Geigen geht vor. Außerdem bekomme sie dabei so richtig den Kopf frei.

Mozart ist ihre "Wunderwaffe". Dabei tanke sie jedes Mal Energie sagt die 18-Jährige. Die kann sie gut gebrauchen. Denn neben Seminaren und Unterrichten quetscht Friederike auch Vorbereitungen zu Wettbewerben und Konzertreisen in ihren kleinen Kalender. Talent- und Castingshows gibt es in der klassischen Musikbranche nicht. Wer vorankommen will, muss seine Karriere selbst in die Hand nehmen.

"Man kann so lange in seinem Zimmer üben wie man will. Aber wenn man irgendwann auch mal Konzerte geben will, muss man auf sich aufmerksam machen", sagt Friederike. Im Juni war sie auf Konzertreise in Dresden - der Gewinn des Wettbewerbs "Violine in Dresden" im vergangenen Herbst. Doch so schnell, wie sie einlenkt, wenn es um Stress in ihrem Leben geht, tut sie es auch, wenn man sie auf ihre Erfolge anspricht.

"Wenn ich ihr gratuliere, sagt sie immer ganz bescheiden danke und wechselt schnell das Thema", sagt ihr Studienkollege Marcelo Montes. Friederike steht nicht gern im Mittelpunkt, nicht, wenn es nicht ausschließlich um die Musik geht. "Es ist mir wichtig, dass die Musik zu den Menschen kommt und sie berührt. Ich bin nur der Übermittler. Ich bin glücklich, wenn ich merke, dass meine Musik bei den Menschen Emotionen auslöst."

Diese Bescheidenheit hat sie von kleinauf gelernt. "Natürlich bin ich stolz auf Friederike. Aber ich habe aus ihr keinen Star gemacht. Mit drei kleinen Kindern zu Hause hatte ich keine Zeit, sie mit Starallüren zu behandeln", sagt Tatjana Starkloff, Friederikes Mutter. Und sie fügt hinzu: "Außerdem bin ich der Meinung, je ruhiger man fährt, desto weiter kommt man."

Dass Friederike noch weit kommen wird, daran zweifeln weder ihre Freunde noch sie selbst. Wohin genau ihr Werdegang sie führen soll, hat sie aber noch nicht entschieden. Unterrichten, Solo-Auftritte oder das Spiel im Orchester, noch ist alles drin, meint sie. "Ich bin ja erst im vierten Semester, für eine Entscheidung habe ich also noch alle Zeit der Welt."