fudder-Interview

Fridays for Future in Freiburg: Nach der nächsten großen Demo ist Kräftesammeln angesagt

Vincent Zeile

Am Freitag findet im Rahmen des 4. Global Day of Climate Action wieder eine Demonstration auf dem Platz der Alten Synagoge statt. fudder hat mit zwei Fridays-for-Future-Mitgliedern über den anstehenden Klimastreik gesprochen.

Bei der letzten Demonstration von Fridays for Future (FFF) auf dem Platz der Alten Synagoge sind mehr als 20.000 Menschen zusammengekommen. Ein Rekord, der am kommenden Freitag wiederholt werden soll?

Aaron Honisch: Davon können und wollen wir eigentlich nicht ausgehen. Die Demonstration am 20. September war etwas ganz Besonderes und mit ihren mehr als 30.000 Teilnehmern einmalig.
Moritz Schmidt: Es kann gut sein, dass es dieses Mal weniger sein werden, es wird ja auch kälter sein, aber man weiß ja nie.
Aaron: Im Vordergrund stehen die inhaltlichen Themen. Der Klimastreik am 29. November findet im Rahmen des Global Day of Climate Action statt, und es wird weltweit Demonstrationen und Aktionen geben. Ob am Ende mehr als 30.000 Leute dabei sein werden, ist nicht unsere Hauptintention; wir würden uns zwar riesig freuen, erwarten wollen wir es allerdings nicht.

Könnt ihr denn einen Rückgang der Bewegung beobachten, wie in anderen deutschen Städten?

Moritz: Nein. Im Gegenteil, eigentlich bekommen wir weiterhin Zulauf. Freiburg nimmt hierbei vielleicht auch eine Sonderstellung ein, weil wir nicht wöchentlich streiken, wie in vielen anderen Städten. Da kann ich mir schon vorstellen, dass das Interesse durch das wöchentliche Intervall sinkt. Unsere Strategie ist eine andere, bei uns gibt es zwar nur alle zwei bis drei Monate eine Demonstration, aber dann eine richtig große.

Aaron: Viele Leute sind motiviert sich einzubringen, ob man diese Leute allerdings alle mobilisiert bekommt, davon hängt es ab.

"Eigentlich steht die Politik unter Druck, die großen Klimaziele hat sie allerdings verfehlt."
Moritz

Ihr habt beim letzten Streik zwar viele Menschen erreicht, aber das Klimapaket der Bundesregierung war dann doch enttäuschend. Nimmt euch das die Motivation?

Aaron: Zugegeben, für uns war dieses Klimapaket absolut enttäuschend. Allerdings hatten wir leider mit so etwas gerechnet. Die Mehrwertsteuer beim Bahnverkehr zu senken oder auch eine CO2-Steuer einzuführen, sind zwar gute Ideen, aber im Grunde nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch die Forderungen, die wirklich etwas verändern könnten, wurden bei diesem Klimapaket so gut wie nicht berücksichtigt.
Moritz: Wir haben auf Bundesebene Forderungen gestellt, wie zum Beispiel den Kohleausstieg bis 2030, Netto-Null-Emissionen bis 2035, 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2035 – diese Ziele scheinen alle in weite Ferne gerückt. Jetzt soll sogar noch ein weiteres Kohlekraftwerk (Datteln) ans Stromnetz gehen und die Bundesregierung redet weiterhin von Klimaschutz. Eigentlich steht die Politik unter Druck, die großen Klimaziele hat sie allerdings verfehlt. Die Motivation haben wir dadurch nicht verloren, sondern wir kämpfen weiter.

Wie sieht es in Freiburg aus, ist es auf kommunaler Ebene denn besser?

Aaron: Wir wissen, dass die Ziele hochgesteckt sind, allerdings habe wir keine Zeit mehr und müssen handeln. In Freiburg haben wir schon erreicht, dass geprüft wurde, wie die Netto-Null-Emission in Freiburg möglich werden könnte. Auf kommunaler Ebene habe ich das Gefühl, dass unsere Meinung zumindest nicht ignoriert wird. Wir werden in den politischen Diskurs schon ein bisschen einbezogen, und hatten auch schon verschiedenste Treffen mit Lokalpolitikern. Allerdings ist es auf kommunaler Ebene auch nicht so, dass all unsere Forderungen übernommen werden.

Moritz: Zuletzt habe wir uns mit dem Oberbürgermeister, der Umweltbürgermeisterin und dem Leiter des Umweltschutzamtes getroffen. Bei diesem Treffen wurde ein Gutachten zur möglichen Netto-Null-Emission in Freiburg bis zum Jahre 2035 vorgestellt. Es wurde verhandelt, ob es überhaupt möglich sei und welche Schritte erforderlich seien, um das Ziel der Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Darüber hinaus wurde ein Maßnahmenplan vorgestellt, der im Gemeinderat noch zur Abstimmung aussteht. Ich bin zuversichtlich und in vielen Punkten kommt der Maßnahmenplan unseren Forderungen sehr nahe. Das ist für mich ein Zeichen, dass wir ernstgenommen werden.

Aaron: Es gilt zu bedenken, dass das Gutachten ohne unseren Druck wahrscheinlich gar nicht so stattgefunden hätten. Deshalb können wir auf die Frage, was wir erreicht haben, zumindest schon kleine Erfolge nennen. Auf Freiburger Ebene sind wir auf einem ganz guten Weg, was allerdings nicht heißen soll, dass sich die Freiburger Kommunalpolitik auf diesem Polster ausruhen sollte.

"Jetzt haben wir noch die Möglichkeit zu handeln und Schadensbegrenzung zu leisten, um zumindest das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen."

Aaron

Welche Ziele habt ihr euch für den 29. November gesetzt?

Moritz: Diesmal soll der Fokus noch stärker auf der inhaltlichen Ebene liegen. Deswegen wird auch der Umweltforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker eine Rede halten. Wir werden darüber hinaus wieder viele Musiker und Künstlergruppen dabeihaben. Unser Hauptpunkt wird allerdings wieder sein, ein großes Zeichen für den Klimaschutz zu setzen. Das große Ziel, für das wir alle kämpfen, ist, dass unsere Forderungen auf kommunaler als auch auf Bundesebene umgesetzt werden und wir auch auf globaler Ebene das im Pariser Klimaabkommen unterzeichnete 1,5 Grad Ziel erreichen können. Aaron: Uns geht es darum, dass keine Gefahr mehr vom menschengemachte Klimawandel ausgeht, so, dass wir ohne die massiven Folgen dessen leben können. Dass wir genauso gut auf der Erde leben können wie vorherige Generationen. Jetzt haben wir noch die Möglichkeit zu handeln und Schadensbegrenzung zu leisten, um zumindest das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Der Klimawandel ist schon so weit fortgeschritten, dass wir all seine Folgen gar nicht mehr abwenden können, allerdings müssen wir versuchen, den Schaden zu begrenzen. Dafür gehen wir am 29. November mal wieder auf die Straße.

Wie laufen die Vorbereitungen?

Moritz: Sie laufen ganz gut.

Aaron: Allerdings müssen wir offen zugeben, dass der Zeitdruck schon ein wenig an uns nagt. Die letzte Demonstration ist noch gar nicht so lange her und die Kraftreserven sind noch nicht komplett wieder aufgefüllt.
Aaron Honisch ist 15 Jahre alt und besucht das Rotteck-Gymnasium in Freiburg. Bei Fridays for Future engagiert er sich seit Februar 2019. Er ist Mitglied im Organisationsteam und hat mehrere Demonstrationen mitorganisiert. Darüber hinaus engagiert er sich auch bei kleinen Aktionen für FFF.

Moritz Schmidt ist 16 Jahre alt und geht auf die Friedrich-Weinbrenner-Gewerbeschule und besucht dort das Technische Gymnasium mit dem Schwerpunkt "Umwelttechnik". Er ist seit Mai 2019 Mitglied bei Fridays for Future und kümmert sich sowohl um die Plakatgestaltung, Banneranfertigung als auch um Teile der Pressearbeit und den Social-Media-Auftritt von FFF.

Was passiert nach der Demo, wie geht es weiter?

Aaron: Am 18. Januar jährt sich die erste Demo, die in Freiburg stattgefunden hat. Allerdings haben wir für den Dezember erstmals seit einem Jahr eine plenumsfreie Zeit geplant, da wir nach den letzten großem Demonstrationen am Jahresende erst einmal wieder Kräfte sammeln wollen, um uns im neuen Jahr in weitere Projekte zu stürzen. Deshalb könnte eine Veranstaltung zum einjährigen Geburtstag ein bisschen kurzfristig werden. Es werden aber sicher weitere Demonstrationen von uns zu erwarten sein.

"Es fällt mir schwer, das richtig zu beschreiben, aber ich habe gemerkt, dass die Zeit gekommen ist, um etwas zu ändern."
Moritz

Könnt ihr euch noch an die erste FFF-Demo in Freiburg erinnern?

Moritz: Ja! Es waren mehr als 5000 Menschen da, das war ein Riesenerfolg. Auch für mich persönlich war es ein besonderes Ereignis. Ich hatte zuvor kaum Demo-Erfahrung und war ab dem ersten Moment an begeistert. Es war etwas komplett Neues für mich. Es fällt mir schwer, das richtig zu beschreiben, aber ich habe gemerkt, dass die Zeit gekommen ist, um etwas zu ändern. Dass wir auch die Chance haben, gemeinschaftlich etwas zu bewegen. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt und ein tiefes Interesse an dieser Thematik geweckt. Als ich dann auch noch erfahren habe, dass die Demonstration in Freiburg die größte in ganz Deutschland war, war die Begeisterung noch größer.
Aaron: Bei mir war es ganz ähnlich. Davor war ich zwar schon ein wenig politisch interessiert, mir war auch klar, dass in der Klimapolitik etwas falsch läuft, aber die Details waren mir nicht geläufig. Ich wusste, dass es auf der Erde immer wärmer wird, aber mehr auch nicht. Die Details, wie und warum es wärmer wird und welche Rolle dabei CO2 spielt, waren mir allerdings nicht bewusst. Im Vorfeld der Demonstration habe ich mich ein wenig informiert und erst das Ausmaß und die Zusammenhänge des Klimawandels erfasst. Deshalb war die Demonstration ein wichtiger Schritt für mich – ich habe sofort für die Sache gebrannt. Die Demo am 18. Januar war eine sehr coole Veranstaltung, die bei vielen den Weg für ein Engagement geebnet hat.

Was hat sich seitdem verändert?

Aaron: Wenn man die erste Demonstration beispielsweise mit der letzten Demonstration vergleicht, lässt sich die Veränderung sehr gut erkennen. Das damalige Organisationsteam war schon sehr beeindruckt über die Tatsache, dass 5000 Menschen gekommen waren. Wenn man jetzt überlegt, dass es bei der letzten Demo 30.000 Menschen waren, dann kann man schon sagen, dass wir die Menschen mit unserem Anliegen erreicht haben. Und nicht nur die Teilnehmerzahlen haben sich verändert, sondern die ganze Bewegung ist im Laufe der Zeit gewachsen. Auch die Kritik, dass wir der Politik immer nur etwas vorwerfen und uns selbst nicht bemühen, kann ich nicht nachvollziehen. Wir gehen nicht nur gemeinsam auf die Straße, sondern bemühen uns auch im Alltag umweltfreundlich zu handeln. Ich denke sogar, dass die Klimabewegung auf individueller Ebene mehr erreicht hat als auf der politischen.

Was hat FFF für euch persönlich gebracht?

Moritz: Vor meinem Engagement bei Fridays for Future hätte ich mir niemals vorstellen können, dass ich ein Interview geben würde, und jetzt sitze ich hier und war auch am 20. September in der Landesschau zu sehen. Ich war vor FFF ein sehr schüchterner Mensch, mein Engagement hat mich sehr geprägt und ich habe sehr viel aus meiner Zeit im Organisationsteam gelernt.
Aaron: Auch für mich ist FFF auf persönlicher Ebene sehr bereichernd. Wenn mir jemand im Januar 2019 gesagt hätte: "Aaron du wirst am 20. September auf einer Bühne eine Rede vor 30.000 Menschen halten und die Leute werden alle applaudieren, du wirst dich nur ein wenig versprechen und alle werden dich trotzdem feiern, allein dafür dass du eine Rede hältst", hätte ich dies Person für verrückt erklärt. Bei FFF haben wir alle die Möglichkeit bekommen, uns auszuprobieren und zu wachsen, weil eben die Sache im Fokus steht und nicht die persönlichen Belange. Darüber hinaus bin ich durch den Freundeskreis der sich aus FFF entwickelt hat, sehr gewachsen und schätze diesen sehr.

Wie geht ihr mit Kritikern um, die sagen, die Schüler wollen doch freitags nur nicht in die Schule gehen?

Aaron: Das trifft einfach nicht zu. Uns geht es um das Klima und nicht um schulfreie Zeit. Konnte man zu Beginn der Bewegung vielleicht noch einzelnen Schülern vorwerfen, sie würden einfach nicht in die Schule gehen wollen, ist dieses Argument mittlerweile längst überholt. Unser Engagement beschränkt sich ja nicht nur auf den Freitag während der Schulzeit, sondern geht weit darüber hinaus. Wenn jemand wirklich schwänzen wollte, dann könnte dieser Schüler auch einfach zuhause bleiben anstatt zu einer Demonstration zu gehen. Konstruktive Kritik bekommen wir leider recht selten, und schnell werden wir nur noch auf der persönlichen Ebene attackiert.

"Wenn der Kampf gewonnen ist."
Aaron

Was sagen eure Eltern und Lehrer zu den Streiks?

Moritz: Meine Eltern finden es super und begleiten mich zu den meisten Streiks. Die Lehrer tolerieren im Großen und Ganzen unsere Abwesenheit und sagen Donnerstag vor einer Demo: Bis nächste Woche, Freitag sehen wir uns ja nicht. Ich würde sogar behaupten, dass uns die Lehrer vor einer anstehenden Demonstration unterstützen. Das mag allerdings auch daran liegen, dass ich ein umwelttechnisches Gymnasium besuche und die Lehrer dort vielleicht etwas sensibler für diese Thematik sind. Natürlich gibt es auch Lehrer, die der ganzen Sache kritischer gegenüberstehen, die sind allerdings nicht in der Überzahl.

Aaron: Meine Familie unterstützt mich auch und steht absolut hinter mir. Und auch auf meiner Schule sind die Lehrer tolerant und kommen uns diesbezüglich entgegen. Zum Beispiel hätte ich am 29. November eine Klassenarbeit gehabt, allerdings wurde die Arbeit aufgrund der Demonstration auf den nächsten Montag verschoben. Ich finde es gut, wie es momentan gehandhabt wird, es wird nicht ausdrücklich begrüßt, aber im gewissen Maße toleriert. Manche Lehrer habe ich sogar schon auf der ein oder anderen Demonstration von uns getroffen.

Wann hört ihr auf zu kämpfen?

Aaron: Wenn der Kampf gewonnen ist. Das klingt zwar jetzt plakativ, aber uns geht es eigentlich nicht darum zu gewinnen oder zu verlieren, sondern um die Sache selbst. Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen oder verlangsamen können, dann werden wir alle schon verloren haben. Wir werden erst dann aufhören, wenn sich die Dinge kommunal und bundesweit nachhaltig verändert haben.
  • Was: Demonstration: Internationaler Klimastreik
  • Wann: Freitag, 29. November, 10 Uhr
  • Wo: Platz der altern Synagoge