Frias-Lounge: Zu Tisch mit den Checkern

Meike Riebau

Einladung zum Mittagessen mit den Einsteins und Newtons Freiburgs: In der neuen FRIAS Lounge sollen hochkarätige Wissenschaftler über Suppe und Salat kreativ-synergetisch tätig werden. Versteht ihr nicht? Ich auch nicht. Deshalb habe ich mir das mal angeschaut.



Erste Enttäuschung: Das Essen kommt aus der Mensa des Institutsviertels. Die 10 Millionen Euro, die das Freiburg Institute of Advanced Studies (FRIAS) in seinem jährlichen Budget hat, gehen also nicht für Lebensmittel drauf. Mein Kartoffelgratin und der Salat schmecken hier irgendwie aber doch besser als in der lärmigen, überfüllten und überheizten Mensa. Das Ambiente wirkt offenbar.


In Creme- und Brauntönen ist der Raum gehalten; schlichter, dunkler Holzfußboden; Lampen mit breitem Schirm verbreiten ein angenehmes Licht. Vielleicht könnte ich auch besser lernen, wenn ich nicht immer unter diesem schrecklichen Halogenlampen-Licht der Uni essen müsste, das jeden wie eine Wasserleiche aussehen lässt?



Ansonsten: dekorative Sitzecken mit bequemen Ledersesseln. „Ein Raum, in dem man essen, lesen, einen Kaffee trinken, einen Vortrag halten oder sich einfach nur begegnen kann“, lautete der Auftrag für den Architekten. In der Pressemitteilung wird die Umsetzung gefeiert als Verwirklichung einer „eierlegenden Wollmilchsau“. Das ist vielleicht ein klein wenig hochgegriffen. Ich würde das ganze als nette, gelungene Bistro-Atmosphäre bezeichnen.

Das FRIAS gibt es seit mittlerweile etwas mehr als einem Jahr, als Folge und Teil der Exzellenz-Initiative der Uni Freiburg. Es ist, zu deutsch, ein Institut für fortgeschrittene Studien.

Hier sollen ein paar handverlesene Professoren aus aller Welt ungestört forschen und grübeln dürfen, für die Dauer eines Scholarships, welches von einigen Wochen bis hin zu einem Jahr dauern kann. „Das erste derartige Institute for advanced study wurde in der Universität Princeton gegründet, eines der ersten Mitglieder war Albert Einstein“, erklärt mir mein Tischgenosse und FRIAS-Geschäftsführer Carsten Dose.



„Home to some of the world's most noted thinkers“, preist sich das Ivy League-Vorbild auf seiner Website an. Das ist der kleine Freiburger Bruder wohl noch nicht – will aber dorthin kommen. Neben größtmöglicher akademischer Freiheit und Ungestörtheit ist es eine der Missionen des FRIAS, interdisziplinären Austausch zu fördern – der Bioenergetiker mit dem Historiker, der Informatiker mit dem Sprachwissenschaftler. Und gemeinsames Essen ist ja ein altbewährtes Mittel als Eisbrecher, weshalb die FRIAS Lounge zum „Herz des Instituts“ werden soll, so bezeichnet von Prof. Dr. Werner Frick, Sprecher des Direktoriums des Instituts.



In edlem Fünfziger-Jahre-Ambiente sollen die Wissenschaftler hier together-getten und sich über Spinat und Kartoffelpüree hinweg kennenlernen und austauschen. Neben Mittagessen und Kaffee finden Dinner-Speeches statt, in denen jeweils ein Wissenschaftler seine Arbeit vorstellt.

Unter solchen Vorzeichen fühlen sich normalsterbliche Studierende wie ich natürlich sehr geehrt, mein heutiges Mittagessen in der FRIAS Lounge einzunehmen, aber leider hat sich der Raum schon ziemlich geleert, so dass es kaum Gelegenheit gibt, mögliche Gespräche zwischen Informatiker und Historiker zu bespitzeln. Allerdings ist mein Eindruck eher, dass die Menschen an den umliegenden Tischen alles Kollegen sind, die sich schon länger kennen.



„Mit Interdisziplinarität ist in erster Linie ja auch der Austausch innerhalb der vier Schools gemeint“, dämpft Carsten Dose meine Erwartungen. Die vier Schools, das sind die School of History, School of Language and Literature, School of Life Sciences und die School of Soft Matter Research. Jede dieser Schulen beherbergt verschiedene Fachrichtungen, jeder Wissenschaftler, ob Professor oder Post-Doc arbeitet zwar an seinem Projekt, aber es gibt einen gemeinsamen Themenschwerpunkt. „Hier stellen wir schon fest, dass Wissenschaftler unterschiedlicher Bereiche Verknüpfungen herstellen und miteinander in Dialog treten.“



Das ist natürlich schön und lobenswert, aber beim Mittagessen ließ sich davon leider nicht soviel feststellen. Offenbar betreiben die Wissenschaftler hier das, was die meisten Menschen dieser Welt mittags tun: Nahrung aufnehmen. Was vielleicht nicht nobelpreisträchtig ist, aber angenehm normal.