Freitag in Basel: Swans auf ihrer vielleicht letzten Tour

Carolin Buchheim

Konzerte der legendären Experimental-Band Swans aus New York sind laut, anstrengend und erhebend. Am Freitag tritt die Band von Michael Gira in Basel auf – es ist vielleicht die letzte Chance, ihren unfassbaren Klang zu erfahren.

Swans ist eine Band, die man nicht hört, sondern eine, die man erfährt, die einem widerfährt. Für Michael Gira ist das Teil der Sache. "Es geht nicht darum, den Zuschauern weh zu tun, aber es ist laut", sagt der 62-jährige New Yorker über die Konzerte seiner Band.


Klang für den Körper

Aber was heißt das eigentlich – "laut"? Veranstalter hängen bei Konzerten Warnschilder auf und verteilen mit Nachdruck Gehörschutz am Eingang (Rückblick: Swans in der Kaserne – Das Konzert als Messe, 2013). Selbst wenn man diesen trägt, wird der Konzertbesuch eine Begegnung mit dem eigenen Körper, wenn der gewaltige Klang der Band in jedem einzelnen Organ spürbar wird. Zwangsläufig fragt man sich, wie viel Lautstärke ein Körper und seine Teile wohl aushalten können. Und doch ist die Lautstärke der Musik keinesfalls das Wichtigste an Swans. Man spricht nur als erstes über sie, weil sie leichter zu beschreiben ist als die Musik selbst.



Überhaupt, was ist Musik? Auch diese Frage stellt man sich in der Begegnung mit Swans zwangsläufig. Gira und seine fünf Bandkollegen kreieren mit Gitarren diverser Bauart, Drums, Bass, selbstgebauten Perkussionsinstrumenten, Zither und Glocken Musik, die 30 Minuten oder mehr dauern kann; in zwei Stunden Konzert spielt die Band üblicherweise fünf bis sechs Stücke; das Konzert in Berlin in der vergangenen Woche dauerte rund drei Stunden und sechs Songs. An hergebrachte Traditionen zu deren Aufbau halten sie sich meist nicht. Gitarren-Riffs und Rhythmen werden gerne beinahe monoton 20 Minuten und länger gespielt, während die Band die Intensität langsam steigert.

Michael Gira dirigiert seine Bandkollegen, einem Hohepriester gleich, schreit sie an, tanzt mit rudernden Armen in ihrem Halbrund. Die wenigen Texte der Lieder summt, raunt, flüstert oder schreit er. Irgendwann explodiert alles. Das Gesamterlebnis ist mitreißend, meditativ, überwältigend, furchteinflößend und begeisternd.

Früher sperrte Gira sein Publikum schon mal ein

Kein Wunder, dass sich um Swans und ihren Klang Mythen ranken. In ihrer ersten Inkarnation, Anfang der 1980er Jahre in New York, ähnelten Konzerte der Band einer organisierten Misshandlung des Publikums. Gira ließ die Heizung aufdrehen und die Türe abschließen, damit die Zuhörer vor den schweren Gitarren nicht fliehen konnten, oder stieg von der Bühne herab, um den Fußboden des Punk-Clubs CBGB zu lecken. Heute ist der Meister deutlich zahmer geworden. Allerhöchstens zieht er Headbangern in der ersten Reihe an den Haaren, damit sie brav stillstehen, oder kommt wild gestikulierend bedrohlich nahe, wenn ebenda jemand das Smartphone zum Fotografieren zückt. "Ein bisschen heller bitte", ordert Gira vor Konzertbeginn auf Deutsch, um das Saallicht heller drehen zu lassen. Er will gut sehen können, was in den ersten Reihen so getrieben wird. Aufmerksamkeit, bitte!



Die hat auch das im Juni veröffentlichte Album "The Glowing Man" verdient, mit dem jetzt eine produktive Phase der Band zu Ende geht. 2009 hatte Michael Gira Swans nach mehr als zehn Jahren Pause wiederbelebt – das führte zu begeisterten Rezensionen und bescheidenem kommerziellen Erfolg, der trotzdem alles übertraf, was die Band in ihrer ersten Phase von 1982 bis 1997 erreicht hatte. Das fulminante Album "The Seer" erschloss neue Zielgruppen. Swans tourte fast ununterbrochen, veröffentlichte vier Alben und diverse Live-Aufnahmen für Fans.

"The Glowing Man" ist nun ein immer noch gewaltiger, aber verhältnismäßig sanfter Schlusspunkt, der in acht Liedern und zwei Stunden Klang die gesamte Bandbreite des Swans-Sounds präsentiert.

Auf der Suche nach dem Göttlichen und nach Gemeinschaft

Das Intro "The Cloud of Forgetting" ist mit flirrenden Steel-Gitarre und Zither-Klängen, durchzogen, darüber dröhnen Gitarren. "Surrender! Surrender! Take us! Take us!" fleht Michael Gira von harten Klavieranschlägen untermalt zum Crescendo des Songs. Mit einem brachialen Gitarrengewitter über tonnenschweren Drums schwillt dann "The Cloud of Unknowing" 15 Minuten lang an und wieder ab, Gira tönt wortlose Klänge, die Gebet oder Mantra sein könnten, bis Perkussionist Thor Harris bezaubernde Glocken erklingen lässt, die Erlösung verkünden – Musik als Suche nach Transzendenz.

In seinen Notizen zum Album deklariert Gira beide Songs als Gebet und schreibt: "Ich bin nicht gottgläubig, aber in wenigen Momenten, besonders bei Konzerten, konnte ich durch unsere gemeinsamen Bemühungen einen Blick auf die Ewigkeit des Klangs erhaschen und eine Kraft spüren, die größer ist als unsere vereinten Kräfte." Dass Zuschauer ihm ähnliche Erfahrungen beschrieben hätten sei, so Gira, ein Privileg.

Das Album richtet den Blick zurück und nach vorn. In "The World Looks Red / The World Looks Black" verwendet Gira Lyrics, die er 1982 schrieb, und die die Noiserock-Band Sonic Youth, damals Proberaumkollegen, ausborgte. Der Titelsong "The Glowing Man" verwendet Versatzstücke aus einem Song des vorherigen Albums "To be kind". Giras Frau Jennifer singt in "When will I return" über erlebte sexuelle Gewalt – und auch eine Ode an das Leben; der Song könnte auch von "Angels of Light" sein, Giras Projekt während der Auszeit von Swans.

Zugleich schwebt über allem die Frage: Was jetzt? Klar scheint nur: Es wird weitergehen, aber nicht wie bisher. Aber das tat es bei Swans ohnehin nie.


  • Wann: Freitag, 28. Oktober 2016, 21 Uhr
  • Wo: Kaserne, Basel
  • Tickets: bei allen Geschäftsstellen der Badischen Zeitung

[Dieser Text ist in leicht veränderter Form zum Release von "The Glowing Man" im Kulturteil der Badischen Zeitung erschienen.]