fudder-Serie

Freiburgs schönste Stüble: Die "Heimliche Kneipe" im Stühlinger

Andreas Meinzer

Sie sind urig, gemütlich und meistens die letzte Heimstätte für Raucherinnen und Raucher: In der fudder-Serie "Freiburgs schönste Stüble" stellen wir Kneipen in Freiburg vor, die diesen Titel verdient haben. Heute: Die "Heimliche Kneipe" im Stühlinger.

"Hello Neighbor" steht auf dem T-Shirt von Manuel Peisker (39), geziert von der Comicfigur Totoro aus dem japanischen Anime-Film "Mein Nachbar Totoro" aus dem Jahr 1988. Dieser Slogan trifft den Zustand und den Spirit in der "Heimlichen Kneipe" haargenau. Viele der Gäste kommen aus der unmittelbaren Nachbarschaft oder sind dem Viertel und dem urigen Stüble im Herzen des Stühlinger selbst dann noch dauerhaft verbunden, wenn sie hier längst nicht mehr wohnen.


So auch im Falle von Japan-Fan Manuel und seiner Mutter Ingrid (69). Seit 1990 hatten sie hier in der Klarastraße zusammen gewohnt. Seit Manuel Frau und Kinder hat und die Mutter in die Wiehre umzog, treffen sie sich immer noch regelmäßig in der Eckkneipe "zum quatschen", wie sie sagen. Das Stüble ist für sie Möglichkeit, um alte Bekannte wiederzusehen, und ein wichtiger Informationspunkt über Neuigkeiten im Bezirk, bevor solche in der Zeitung stehen: Wie entwickeln sich die Mietpreise? Wo macht bald ein neues Geschäft auf? Welche Lokalitäten kämpfen ums Überleben?

Vielzahl an Stüble wich hohen Mieten und hoher Pacht

Ingrid und Manuel erinnern sich, welche Vielzahl an Stüble es vor einigen Jahren neben der "Heimlichen Kneipe" in der Umgebung noch gab, wie das Klarastüble, "Zum Hanselmann", heute "Burgermeister", oder das Badische Höfle in der Guntramstraße. Viele konnten nicht überleben, der hohen Pachtpreise wegen. Ein oder zwei Stüble seien vielleicht in der Lage, sich dauerhaft in einem Viertel zu halten, mutmaßt Manuel. Wegen der hohen Mieten und Pachten im Stühlinger und in Freiburg insgesamt begrüßen die beiden auch Hausbesetzungen als legitimen, sichtbaren Protest.
Freiburgs schönste Stüble: "Zum Fuhrmann" in der Oberau (Teil 1)

Erstaunlich angesichts ihrer auseinandergehenden politischen Ansichten und insbesondere Manuel Peiskers politischem Werdegang. War er in den 90er noch "riesiger Fan von Helmut Kohl", Mitglied der Jungen Union und der CDU bis 2002, wurde er, insbesondere seit er seine Frau aus Ostdeutschland kennenlernte, zunehmend zum Sympathisanten der Linken und später der "Piraten". Heute bezeichnet er sich selbst als "situativen Wähler", hat angesichts von Fukushima auch mal Grüne gewählt, und ist insbesondere ein Fan des Bedingungslosen Grundeinkommens. Ingrid hingegen geht selbst nach ihrer Pensionierung im öffentlichen Dienst noch regelmäßig in einer Bank putzen. Sie müsse einfach etwas arbeiten und könne nicht Nichts tun.

Auch die Stüble-Betreiberin ist im Ruhestand noch umtriebig

Auch schon im Ruhestandsalter, doch immer noch umtriebig – das gilt auch für Gitta Hunds, Jahrgang 1946, die Inhaberin und Betreiberin der "Heimlichen Kneipe". Seit ihrem 17. Lebensjahr in der Gastronomie tätig, übernahm sie im Januar 2017 das seit 1995 existente Stüble, in dem sie von Anfang an an der Theke stand. Zusammen mit ihrer Tochter Carmen (40) sowie den beiden anderen Thekenkräften Miri und Claudia hält sie die Kneipe nun schon im 24. Jahr am Laufen, sieben Tage die Woche, von 11 Uhr morgens bis nachts um 1 Uhr. Oft wird es auch später und es dauert, bis die letzten Gäste, mit ein wenig Zuspruch, sich von der Theke lösen wollen. So heimelig ist es dort. Oder so schwer der Kopf – und so scheinbar beschwerlich der Heimweg.

Immer anwesend, auch wenn es nur für einen Kaffee ist, und fast schon zum Inventar gehörend: Dieter, dem man seine 82 Jahre nicht ansieht. Er wohnt in der Nachbarschaft, sagt aber über die "Heimliche Kneipe": "Des isch mei Wohnzimmer." Allzu verständlich angesichts der Gemütlichkeit in diesen Räumlichkeiten: Rustikale Holzmöbel und -verkleidung, mächtige Leuchten, die an Ketten über den blumengeschmückten Tischen hängen, die Wände und die Theke geziert mit Bildern und Plaketten von Freiburg und diversen Narrenzünften aus der Region, die Decke behangen von vielen bunten Fußballschals. Letztere werden einmal im Jahr abgenommen und gewaschen, um Platz zu machen für die Dekoration der Fasnet, die hier ausgiebig gefeiert wird – wie Erfolge des SC Freiburg. Das Stüble ist auch eine Fußballkneipe: Hier werden alle Bundesligaspiele, Pokal-Partien und Champions League live gezeigt.

Nicht mal mehr Würschtle und Fleischküchle

Dieter, gelernter Koch und früher Küchenchef im Gasthaus "Kreuz" in Freiburg-Kappel, erinnert sich noch an die Zeiten, als es in der "Heimlichen" noch Frühstück und Kuchen gab, die Chefin gekocht hat und sonntags zusammen gebruncht wurde. Die strengen Vorgaben des sogenannten Nichtraucherschutzgesetz sorgten jedoch dafür, dass hier, wie in anderen Eckkneipen, in denen geraucht wird, kein Essen mehr zubereitet werden darf. Noch nicht einmal mehr Würschtle und Fleischküchle. Es gibt zwar einen Nebenraum, in dem man sich die Zeit mit Dartspielen vertreiben kann, doch auch dort frönen die Gäste dem Tabakgenuss. Doch wer trinkt, braucht auch eine Grundlage im Magen.

Daher bieten Gitta & Co. nicht nur Salzstangen mit Kümmel, die gratis auf den Tischen stehen, und saisonbedingt Ostereier (25 Cent) an, sondern schmieren auch belegte Brötchen mit Käse, Schinken und Essiggurken. Sehr beliebt bei den Stammgästen ist auch der Wurstsalat, den der Hausmetzger liefert. "Ein richtiger Berg", wie Stammgäste schwärmen. Und das für nur 5,60! Den gibt es aber leider nicht immer. Flüssige Nahrung steht hingegen stets reichlich und vergleichsweise günstig zur Verfügung. Frisch vom Fass gezapft gibt es Rothaus, Fürstenberg und Schneider Weiße (0,2 l: 1,80, 0,3 l: 2,60 und die Halbe für 3,50 Euro), ebenso Kölsch (1,90 Euro). Kaffee, Tee und Espresso kosten je 1,80 Euro. Bei diesen Preisen bleibt man "flüssig".

Spielautomaten, Kässle und die gute alte Zeit

Von Frank Jenne (Jahrgang 1970), von allen aber nur Gonzo genannt, kann man erfahren, was das Geheimnis der Spielautomaten ist, die hier wie in fast jedem Stüble zum klassischen Erscheinungsbild gehören. Er war dereinst selbst Automatenaufsteller und erzählt, dass die Gerätschaften heutzutage viel weniger Gewinnchancen bieten als früher und hier keineswegs der Zufall waltet. Vielmehr seien die ersten 100 Schritte, die der Automat macht, schon vorprogrammiert. Gesetzlich vorgeschrieben sei eine Auszahlungsquote von 60 Prozent des Geldes, das die Kundschaft in den Automaten steckt. "So hart es klingen mag: Die Automaten bedienen letztlich nur die Sucht, zu verlieren."

Wer sein Geld sinnvoller investieren möchte, läutet daher lieber die Glocke an der Theke. Das ist das Zeichen, auf das alle am gemütlichsten Platz in der Kneipe vom Läutenden einen Schnaps nach Wahl spendiert bekommen. Oder man schafft es, in das Sparsystem des "Kässle" einzusteigen. In dieses zahlen Stammgäste jede Woche mindestens 5 Euro ein und werden in eine Liste eingetragen. Werden sie säumig, berappen sie 1 Euro Strafgebühr. Wöchentlich wird das gesammelte Geld zur Sparkasse gebracht – und am Ende des Jahres für alle Beteiligten ein großes Essen organisiert. "Früher gab es sowas in jeder guten Kneipe", erzählt Gonzo. Hier, wo sich Alt und Jung, Rentner und SC-Ultras beim Bier treffen, ist zu konstatieren: Es gibt sie noch, die guten Dinge.

Adresse:
Heimliche Kneipe
Klarastraße 53
79106 Freiburg
0761/273981
Website: Heimliche Kneipe
info@heimliche-kneipe.de

Öffnungszeiten:
Mo-So 11 bis 1 Uhr (oder länger)

Anfahrt:
Vom Hauptbahnhof kommend die Wendeltreppe rechter Hand heruntergehen, schon ist man in der Klarastraße. Von der Haltestelle Eschholzstraße aus auf der linken Straßenseite ist sie die zweite Seitenstraße.