Freiburgs junge Gemeinderäte: So waren die ersten zwei Jahre von Sergio Schmidt (Junges Freiburg)

Marie Schächtele

Halbzeit im Freiburger Gemeinderat: Seit zwei Jahren sind die Mitglieder im Amt. Wir haben mit fünf jungen Räten über ihre Erfahrungen gesprochen. Heute im Interview: Sergio Schmidt, 21, Junges Freiburg.


Mein wichtigstes kommunalpolitisches Thema war...

… und ist das ArTik. Es war schon vor meiner Amtszeit Thema und ist immer noch topaktuell. Das ArTik hat mir bisher auch am meisten Arbeit bereitet, weil so viel darum herum anfällt: Gespräche mit dem ArTik selbst, dann mit der Stadtverwaltung, dann kommt das ArTik in die Zeitung und man muss Statements dazu abgeben. Und dann ist vielleicht noch eine Podiumsdiskussion – es gibt viele Veranstaltungen, die damit zu tun haben. Trotzdem ist mir das ArTik sehr wichtig. Ich bin selbst Mitglied im ArTik, mit den Leuten dort befreundet und ich gehe da gerne auf Veranstaltungen.

Gelernt habe ich in diesen zwei Jahren...

Ich habe viel Allgemeinwissen bekommen, ich habe gelernt, Reden zu schreiben und Interviews zu geben. Außerdem habe ich gelernt, sensibler für politische Themen zu werden. Viele Leute sind da sehr polemisch oder unsensibel.

Ich habe auch die schlechten Seiten der Politik kennengelernt. Damit einher geht, dass viel verblümt und getrickst wird. Nur, weil einer nett zu einem ist, heißt es nicht, dass er wirklich auf der eigenen Seite steht.

Ich habe auch gelernt, was die Aufgaben der Stadtverwaltung sind und was nicht. Vor kurzem war die Raumsuche für das ArTik auf der Tagesordnung. Wir hatten eine Mehrheit für das ADAC-Gebäude, das wussten alle. Doch dann hat OB Salomon einfach den Tagesordnungspunkt verschoben. Er wollte Zeit gewinnen, um die Mehrheit zu kippen – was auch geklappt hat. Ich finde, eine Stadtverwaltung sollte keine politische Arbeit machen. Das ist unsere Aufgabe.

Lehrgeld bezahlt habe ich, als...

… ich manchmal zu blind vertraut habe und im Nachhinein gemerkt habe: Da hätte ich vorsichtiger sein müssen. In der letzten Abstimmung haben wir darüber abgestimmt, ob das ArTik in die Schmitz Katze oder ins E-Werk kommt. Wir von Junges Freiburg wollen das ADAC-Gebäude aber immer noch als Alternative behalten. Der Frage, ob das ADAC-Gebäude denn weiterhin im Gespräch bleibt, wich der OB aus. Es kam zur Abstimmung.

Erst danach wurde uns gesagt, dass das ADAC-Gebäude jetzt raus ist, weil die Vorlage, über die wir abgestimmt haben, eine Zusatzvorlage zu ganz vielen anderen Vorlagen war, die wir vorher bekommen haben und sozusagen nur eine Ergänzungsdrucksache zu dem ursprünglichen Antrag, in dem es um das ADAC-Gebäude ging. Wir hätten aufmerksamer sein müssen und erkennen, dass man uns da in eine Falle locken wollte. Die Stadtverwaltung versucht auf Teufel komm raus, das ADAC-Gebäude aus dem Rennen zu kicken.

Ich hätte nicht gedacht, dass...

… die Arbeit im Gemeinderat doch so zu mir passt. Ich war mir am Anfang sehr unsicher, ob ich das überhaupt machen will. Ich habe auch den Umfang gar nicht richtig einschätzen können. Als ich in den Rat gewählt wurde, war ich erst 18. Wir hatten uns erst ein paar Monate vor der Wahl entschieden, die Partei neu zu gründen. Damals haben unsere Mitglieder mich bestärkt, dass ich so weit oben auf der Liste kandidieren soll. Jetzt bin ich froh, dass ich das gemacht und dass ich es geschafft habe.

In den nächsten zwölf Monaten werde ich mich besonders … widmen:

Subkultur und Freiräumen: Dem ArTik, dem Clubsterben, dem Nachtleben, aber auch sonstigen Kulturveranstaltungen. Wir müssen versuchen, Alternativen zu schaffen, wenn jetzt so viele Veranstaltungsorte wegfallen. Mir geht es vor allem um freie Veranstaltungsorte. Ich will nicht unbedingt gewinnorientierte Clubs fördern. Clubs wie das BalzBambii haben unabhängigen DJs Auftrittsmöglichkeiten mit ihren eigenen Veranstaltungen gegeben. Auf die Weise entsteht eine Alternative zum Mainstream. Junge Künstler können sich in ihrer eigenen Stadt ausleben und anfangen, selber Musik zu machen. Das ist in Clubs, die immer nur DJs, die das beruflich machen, engagieren, nicht möglich. Dann will ich Organisationen wie das Kunstatelier Hilda 5 in der Hildastraße, die immer am Strugglen sind, unterstützen, und ihnen Räume bieten. Mit Junges Freiburg machen wir wieder eine Kampagne zum Thema Freiräume.

Ich habe das Vertrauen meiner Wähler nicht enttäuscht, weil...

… ich authentisch in meinem Einsatz für Jugendpolitik bin. Ich kusche nicht, weil ich Gemeinderat bin. Ich bin deswegen nicht zurückhaltender. Ich ergreife Position für jugendpolitische Anliegen, auch wenn sie konträr zu anderen Gruppen stehen. Ich habe eine Zielgruppe, die ich vertreten will und das mache ich auch.

Dadurch, dass wir von Junges Freiburg uns autonom gestaltet haben, dadurch, dass wir jetzt unsere Fraktion haben, in der wir den Fraktionsvorsitzenden stellen, kann man sagen, dass wir wirklich unser eigenes Ding machen. Wir haben schon viele unserer Wahlversprechen eingelöst. Wir haben uns für die Sanierung des Haus der Jugend eingesetzt und waren damit erfolgreich. Wir haben den Kommunalen Ordnungsdienst wieder abgeschafft, der eingeführt wurde, was mit einer Stimme entschieden wurde – mit der Stimme, die Junges Freiburg dieses Mal mehr hatte. Und wir haben den Bau des ersten Bauabschnitts des Skateparks zustande gebracht.

Wo soll das neue ArTik hin?

Ich finde unmöglich, dass man versucht, das ArTik jetzt wieder aus dem ADAC-Gebäude zu vertreiben. Man sollte sich das als Option offenlassen. Das E-Werk kommt überhaupt nicht in Frage. Da würde man Nutzergruppen, die schon im E-Werk sind, verdrängen.

Das Schmitz Katze-Areal fände ich eine spannende Lösung. Dadurch, dass ja im Moment von politischer Seite versucht wird, die Innenstadt sauber zu halten und Jugend und Subkultur möglichst zu verdrängen – oder man sich zumindest nicht dafür einsetzt, dass sie dort bleibt – wäre es vielleicht eine Alternative, ein Kulturviertel ein bisschen außerhalb auszubauen. Da es schon den Slow Club, die Schmitz Katze vorher, den Kubus³ und die Jazz- und Rockschule in der Ecke gibt, könnte man dort etwas Schönes entwickeln. Ich finde es total scheiße, dass trotzdem ein Club wegfällt, wenn das ArTik jetzt in die Katze geht. Ich würde den Bestand gerne erhalten.
Sergio Schmidt, 21, studiert Germanistik und Philosophie im Bachelor und schreibt gerade eine Hausarbeit über Literatur in der NS-Zeit und eine zu Nietzsches "Zur Genealogie der Moral". Wo kann man sich seiner Meinung nach in Freiburg engagieren? Wenn man Kunst mag, bei Kubus³ oder der Hilda 5, wenn man sich für Frauenarbeit oder Gender interessiert, bei der Basler 8. Wenn man Politik machen will, bei Junges Freiburg oder einer anderen jugendpolitischen Organisationen.