Freiburgs jüngste Professoren

Fabienne Hurst & Till Neumann

Sie haben eine Blitzkarriere hingelegt und unterrichten an der Uni Freiburg Studenten, während Gleichaltrige noch für die Abschlussprüfung büffeln oder an ihrer Doktorarbeit basteln: Henrike Manuwald und Stephan Packard sind die jüngsten Professoren der Uni Freiburg.



Henrike Manuwald

Schaut man auf die lange Liste ihrer Publikationen, könnte man meinen, Henrike Manuwald sei Mitte 40. Steht man direkt vor ihr, schätzt man sie gute 20 Jahre jünger: mittelgroß, braunes, zum Zopf geflochtenes Haar, schlanke, fast zierliche Figur, freundliches Lächeln. Die gebürtige Saarbrückerin ist zwar erst 31 Jahre alt, doch auf der Karriereleiter schon weit oben: Sie ist die jüngste Professorin der Uni Freiburg. Um genau zu sein: Juniorprofessorin in Germanistik.

Ein Blick in ihren Lebenslauf verrät ihr Erfolgsrezept: schnell, schneller, Manuwald. Die elfte Klasse hat sie übersprungen, mit 18 Abi gemacht, fünf Jahre später den Magisterabschluss, mit 26 hatte sie ihre Promotion in der Tasche. Nach einem Engagement als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Köln bewarb sie sich 2008 für die Stelle in Freiburg – und wurde prompt genommen. Damals war sie die jüngste Professorin der Uni Freiburg. Heute, zweieinhalb Jahre später, ist sie es immer noch.

„Wenn wir auf Exkursion gehen, muss erstmal sortiert werden in Studenten und Dozentin,“ erklärt Manuwald mit einem Lachen. Verwechslungen seien die Regel. „Für mich ist das aber eher schön.“ Altersrekorde hätte sie nie brechen wollen,  sagt die 31-Jährige. Sie selbst sei von der Zusage der Uni Freiburg überrascht gewesen. Bevor sie ihre Stelle antrat, war sie noch für ein paar Monate in Los Angeles, um in einem Museum Handschriften zu erforschen. Im April 2009 bezog sie ihr Büro im KG III der Uni Freiburg.

Manuwald ist zwar die jüngste Professorin der Uni, ihr Forschungsgebiet ist jedoch richtig alt: Germanistische Mediävistik, also die Erforschung der deutschen Literatur und Sprache im Mittelalter. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das Erforschen mittelalterlicher Handschriften.
Dass sich Mediävistik jedoch nicht nur mit mittelalterlichen Themen beschäftigt, hat sie vergangenes Semester gezeigt. Mit ihren Studenten hat sie die Hip-Hop-Oper „Rap des Nibelungen“ untersucht, die am Theater Freiburg aufgeführt wurde. „Die Mischung aus Rap und Wagner war musikalisch gut gelungen“, sagt Manuwald, „aber die Vorstellung ist ohne Vorwissen schwer zu verstehen gewesen.“ Die Frage, mit welcher Figur der Nibelungen-Saga sie sich am ehesten identifizieren könne, möchte sie  nicht beantworten. „Genau das versuche ich den Studenten beizubringen. Man sollte die Texte nicht identifikatorisch lesen, das sind eher konstruierte Figuren, keine Charaktere“, erklärt die Professorin.

In ihrer Freizeit beschäftigt sich Henrike Manuwald zwar auch mit Musik, aber nicht mit Hip-Hop. „Nach einem harten Arbeitstag spiele ich Geige“, sagt sie. Das Instrument begeistert sie seit der Grundschule, in London hat sie sogar ein Diplom dafür erworben. Wie man das alles unter einen Hut bringt? „Neben dem Job bleibt schon Zeit für Hobbys, die muss man sich aber nehmen“, sagt sie. Doch die Begeisterung für ihr Fach lässt sie selten los. „Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit ist schwer zu ziehen. Wenn ich mich für ein Thema interessiere, mache ich auch Mal etwas länger“, sagt Manuwald.

Außer der Musik haben es der Juniorprofessorin vor allem Museen angetan. Ihr Lieblingsort in Freiburg ist das Augustinermuseum.  Im frisch renovierten Museum wird Kunst aus ihrem Forschungsgebiet ausgestellt: dem Mittelalter. Bevor sie die Stelle an der Uni Freiburg angenommen hat, hat sie sogar mit dem Gedanken gespielt, im Museum zu arbeiten. Aber letztlich hat sie sich für die Unikarriere entschieden. „Manchmal finde ich es bedauerlich, dass man nicht alles machen kann, weil mich einfach viel interessiert. Aber das, was ich jetzt mache, begeistert mich. Deswegen bereue ich auch nicht, diesen Weg eingeschlagen zu haben.“

Manuwalds Stelle als Juniorprofessorin läuft  bis 2012, dann wird sie evaluiert. Fällt die Evaluation positiv aus, wird die Stelle um zwei Jahre verlängert. Danach muss sie sich etwas Neues suchen. Dass Manuwald erfolgreich sein wird, ist nicht unwahrscheinlich:  Ihre große Schwester Gesine Manuwald hat 2000 an der Uni Freiburg einen Preis bekommen, „für die jüngste Habilitation seit vielen Jahren“. Heute arbeitet sie als Senior Lecturer am University College London.  Der Erfolg liegt bei den Manuwalds offensichtlich in den Genen.



Stephan Packard

Der Eingangsbereich des Instituts für Medienkultur Freiburg ist frisch renoviert. Polierter Dielenboden, asiatische Kinoposter an den Wänden, puristische Einrichtung. „Alles ist noch ganz neu hier“, sagt Stephan Packard, „genau wie ich.“ Der 32-jährige ist Freiburgs jüngster Professor. Er  hat in München Germanistik und Komparatistik studiert, über Comics promoviert und forscht seit einiger Zeit über Medien aller Art. „Eigentlich wollte ich Mathematiker werden. Aber vor allem der Deutschunterricht der letzten Schuljahre hat mich umgestimmt. Ich hatte das Gefühl, dass es da noch Einiges zu erforschen gibt.“ Der Geisteswissenschaft, die oft als Wissenschaft des Möglichen abgestempelt wird, tritt er mit einem fast mathematischen Anspruch entgegen: „Ich wollte und will Eindeutigkeiten feststellen, wo es nur geht.“

Dieses Ziel nimmt er sehr ernst: In seiner Promotion hat er Zeichentheorie und Psychoanalyse auf Comicstrips angewendet. Sein Lieblingscomic ist „Sandman“ von Neil Gaiman. Aber auch die Marvel Comics zum 11. September findet Packard gelungen. „Da wird vermeintlich Undarstellbares langsam und präzise wieder darstellbar gemacht“, so der Wissenschaftler. Er liest in der Reihe das wachsende Selbstbewusstsein von Comics: Wenn Spiderman auf dem Ground Zero steht oder der Einsturz der Zwillingstürme in ein Comic eingebettet wird, sieht man, dass sich Comics oft mehr trauen als andere Kunstformen. „Sie holen sich die Bilder aus dem dominanten Diskurs zurück“, sagt Packard.

War er in München noch als wissenschaftlicher Assistent angestellt, ist Packard seit Dezember in Freiburg Juniorprofessor. „Das ist eine seltsame Zwischenposition zwischen Assistenz und Professur. Sie soll eigentlich die Habilitation ersetzen, wobei Juniorprofessoren in der Regel trotzdem ein zweites Buch nach der Doktorarbeit schreiben. Oft ist es noch unklar, was die Juniorprofessur tatsächlich bedeutet.“

Warum geht er nicht in die freie Wirtschaft? Lohnt sich der ganze emotionale Stress? „Es gab schon Momente, in denen ich mich gefragt habe: Geht das an der Universität weiter? Gerade als meine Assistentenstelle in München auslief, und ich unzählige Bewerbungen geschrieben habe, war es schwierig“, sagt Packard. Doch die wissenschaftliche Neugierde und Momente in der Lehre, in denen „es funktioniert“, hätten ihn immer wieder motiviert. „Solche Augenblicke sind unglaublich befriedigend. Sowohl zwischenmenschlich als auch in Bezug auf die Wissenschaft.“

Stephan Packards Augen leuchten, wenn er von seiner Arbeit spricht. „Mir macht das hier großen Spaß. Ich beschäftige mich mit den Dingen, die mich ohnehin interessieren. Ich habe tatsächlich meine Begeisterung zu meinem Beruf gemacht.“ Da scheint es fast selbstverständlich, dass die Arbeit nach Feierabend nicht im Büro bleibt.

Oft arbeitet er sieben Tage die Woche, nicht selten bis in die Nacht hinein. „Es ist oft schwierig, aus den Tretmühlen herauszukommen und dafür zu sorgen, dass noch Zeit für etwas anderes bleibt“, sagt Stephan Packard. Und er wirkt dabei kein bisschen verdrossen, obwohl er es in all dem Stress noch nicht einmal geschafft hat, eine richtige Wohnung in Freiburg zu finden. Eine eigene Familie zu gründen, ist unter solchen Arbeitsbedingungen schwierig, auch wenn Packard glücklich verlobt ist. Ortswechsel, befristete Verträge, der hohe Arbeitsaufwand – da muss das Familienleben noch warten. Wer an der Uni bleibt, muss wirklich einen langen Atem haben.

Aber was kommt, wenn er einmal frei hat? „Es ist mir tatsächlich noch nicht gelungen, ernsthaftes Interesse an etwas zu finden, dass nicht mit Medien zu tun hat“, sagt der Medienforscher und grinst. Er leide sogar schon an den Symptomen der typischen Berufskrankheit von Medienwissenschaftlern: Es wird unmöglich, Medien ganz entspannt zu konsumieren. „Ich will immer herausfinden, wie sie funktionieren.“ Das überrasche ihn zwar selbst dann und wann, doch er bedauere es nicht. „Schade ist nur, dass Bücher oder andere Medien, die mir als Kind so gut gefallen haben, mir plötzlich nicht mehr so gelungen scheinen. Plötzlich scheint mir die Inszenierung hanebüchen, die Prosa unpassend.“

Stephan Packards Beruf wirkt ein bisschen wie ein Pakt mit dem Teufel, den man nicht bereut. Für ihn heißt es eben: einmal Wissenschaftler, immer Wissenschaftler.

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Juniorprofessoren

Die Juniorprofessur gibt es in Deutschland seit 2002. Sie ermöglicht promovierten Wissenschaftlern eine Karriere als Hochschulprofessor. Die sonst notwendige Habilitation ist hier nicht nötig. Juniorprofessoren werden für drei oder vier Jahre angestellt. Nach Ablauf der Zeit werden sie evaluiert.

Fällt diese Bewertung positiv aus, verlängert sich die Anstellung um weitere zwei Jahre und die Berufungsfähigkeit auf eine unbefristete Professur wird festgestellt. Das heißt, der Weg zu einer Professorenstelle ist dann frei. Fällt die Evaluation jedoch negativ aus, kann der Juniorprofessor kein „richtiger“ Professor werden. Die Juniorprofessur kann aber trotzdem um ein Jahr verlängert werden.

Laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gibt es in Deutschland aktuell 900 Juniorprofessuren an 65 Universitäten, zwei Drittel davon sind besetzt. Der Frauenanteil liegt bei den Juniorprofessoren bei 35,6 Prozent, im Vergleich zu 17,4 Prozent bei allen Professuren. An der Uni Freiburg gibt es derzeit zwölf Juniorprofessoren.
  [Fotos: domi; Ruben Fees]