Der Sonntag

"SoNaTe"

Freiburger wollen eine lokale Alternative zu Facebook ins Netz bringen

Jens Kitzler

"SoNaTe" soll unkommerziell und sicher sein: Von Freiburg aus geleitet soll ein Soziales Netzwerk für ganz Deutschland entstehen – genossenschaftlich organisiert.

Ein soziales Netzwerk für ganz Deutschland, das ausschließlich seinen Nutzern gehört, keine Daten verkauft, Gemeinden hilft und Gemeinschaft fördert – damit möchte ein Konsortium kommendes Jahr starten. Die Fäden für das Projekt "SoNaTe" laufen in Freiburg zusammen.


Die halbe Welt quatscht über Facebook und Whatsapp miteinander und viele Menschen regeln auch ein gutes Stück ihres realen, verorteten Lebens und Zusammenlebens über solche Plattformen. Ließe sich also möglicherweise das Gemeinwesen nicht ein ganzes Stück verbessern, wenn man die Menschen genau dort abholte und Kommunikation, Solidarität, Gemeinschaftsgefühl, Nachbarschaft und ähnliche Dinge in den Städten über solche sozialen Netze stärkte? Andererseits: Dürfte sich das ausgerechnet auf Plattformen intransparenter US-Großkonzerne mit ihren Profitinteressen abspielen? Doch lieber nicht.

Die lokale Alternative

Solche Gedanken macht sich Thomas Klie, Professor an der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg, schon eine ganze Weile. An seinem Institut AGP Sozialforschung laufen darum die Fäden zu einem Projekt zusammen, das sich "SoNaTe" nennt – Soziale Nachbarschaft und Technik. Was Weltläufigkeit und Sexappeal des Namens angeht, muss man einen leichten Rückstand auf Whatsapp, Instagram und Co. konstatieren, aber das System soll seine Stärken an anderen Stellen ausspielen: "Wir wollen, dass es eine Plattform gibt, die sich als lokale Alternative zu Facebook und Whatsapp darstellt", sagt Thomas Klie, "mit einer ganzen Reihe von Merkmalen, die für die künftige Nutzung von sozialen Plattformen ebenso wichtig ist wie für die Gestaltung des sozialen Zusammenlebens vor Ort."

"Wir", das ist ein ganzes Konsortium, darin finden sich beispielsweise die Universität Freiburg, das Zentrum für Erneuerbare Energien (ZEE), die Wohnbaugenossenschaft Bauverein Breisgau, die Stadt Freiburg, die Stadt Bühl in Mittelbaden, die Karlsruher IT-Firma Itstrategen – die die zugrundeliegende Software programmiert hat – und noch einige mehr. Auf den Weg gebracht wurde die Unternehmung vor vier Jahren und das mit fast 6,5 Millionen Euro, 77 Prozent davon kamen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Nächstes Jahr läuft die Förderung aus – nächstes Jahr soll SoNaTe auch an den Start gehen. Gehören soll das neue Netzwerk dann nur seinen Nutzern. "Derzeit sind wir dabei, eine Genossenschaft zu gründen", sagt Thomas Klie, "wir suchen deutschlandweit Partner." Mit Berlin sei man genauso in Gesprächen wie mit kleinen Dörfern – und in Bremen teste man das System bereits.

Architektur erinner an ein großes Firmen-Intranet

Denn anders als die rein kontaktpersonenbezogene Architektur von Facebook soll "SoNaTe" in jeweiligen Ausgaben an eine Stadt oder an ein Dorf angedockt werden. Dort reden die Bürger dann miteinander oder mit Behörden, organisieren sich in Gruppen oder Nachbarschaften, bieten sich als ehrenamtliche Helfer an und werden von denen kontaktiert, die wissen, wo geholfen werden muss. "Ich habe erstens die Möglichkeit, mich mit meinen Freunden und Nachbarn vor Ort zu vernetzen, und das datensicher", sagt Thomas Klie. "Zweitens kann ich mich darüber informieren, was vor Ort passiert. Drittens habe ich die Möglichkeit, selbst das bekannt zu machen, was ich als Bürger loswerden möchte." Gedankengänge, bei denen sich Angestellte vielleicht gar nicht so sehr an Facebook erinnert fühlen, sondern vielmehr an die heute typischen Intranets großer Firmen.

Die Stadt Freiburg hat vergangene Woche ihre Digitalisierungsstrategie vorgestellt, auch darin ist die Absicht festgehalten, "SoNaTe" in der Stadt zu installieren. "Die Diskussion kam bei uns ursprünglich aus dem Sozialdezernat heraus", erklärt Bernd Mutter, Leiter des Amts für Digitalisierung der Stadt. "Viele Aspekte aus den Bereichen Gemeinschaft, Nachbarschaft, Identitäten von Stadtteilen, Vernetzung und Hilfe wandern immer mehr ins Netz – wir haben uns gefragt, ob man das durch ein Produkt wie SoNaTe unterstützen kann." Für den von Hochhäusern geprägten Stadtteil Landwasser haben sich Stadt und Bürgerverein bereits Gedanken gemacht, wie "SoNaTe" dort integriert werden könnte. Als Nächstes nun muss der Gemeinderat die Idee absegnen. "Wir hoffen, dass der Gemeinderat es für gut befindet und uns beauftragt, weiterzumachen", sagt Bernd Mutter.

Auch an kleine soziale Strukturen gedacht

Die Zukunft, überlegt sich Thomas Klie, könnte so aussehen, dass man als Bürger einer Kommune automatisch Zugang zum lokalen "SoNaTe"-Netz hat. Oder auch als Mieter einer Wohnbaugenossenschaft. Denn auch für solche vergleichsweise kleinen Sozialstrukturen ist "SoNaTe" angedacht. Ein Pilotversuch fand vergangenes Jahr in Häusern der regionalen Wohngenossenschaft Bauverein Breisgau statt – dort beobachtete man, ob vor allem ältere Bewohner die Kommunikationstechnik annehmen würden.

"SoNaTe" könnte, so die Projektentwickler, für den Einzelnen kostenfrei bleiben. "Es ist angedacht, dass die Nutzungsgebühr von den Kommunen, Vereinen oder Organisationen für die jeweils zugehörigen Mitglieder getragen wird", heißt es in einem Konzeptpapier. Bliebe die Frage, ob man es schafft, Menschen in ein neues Netz zu holen, wenn sie doch schon genügend Zeit in den bestehenden verbringen. "Das funktioniert, wenn der Mehrwert sehr hoch ist und die lokalen Akteure mit drin sind", sagt Freiburgs Digitalisierungs-Chef Bernd Mutter.