Fliegen

Freiburger Wissenschaftler erklären, was sich im globalen Flugverkehr ändern muss

Anna Castro Kösel

Flugzeuge bringen uns in unbekannte Länder, zu Freunden oder zu Verwandten. Doch die ökologischen Folgen des Fliegens sind gravierend. Drei Freiburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler reflektieren die aktuelle Situation.

Stefan Gössling, Gastdozent am FRIAS, Uni Freiburg, für Humanökologie und Tourismus

Was läuft gerade in der Politik falsch?

"Der Handel mit Flugemissionspapieren unterliegt der Luftfahrtemissionen der Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO), die eigentlich eine Lobbyorganisation für mehr Flugverkehr ist. Es bräuchte aber nationale Begrenzungen, zum Beispiel eine hohe CO2- Steuer auf Flugreisen, um die Nachfrage zu senken. Die Emissionen müssten in den nationalen Emissionshandel fließen. Ansonsten bauen Länder ihre Flughäfen weiter aus. Lobbyisten behaupten, dass ein Wandel nur international gehe. Man sieht aber am Verhalten der USA, dass man nie alle Akteure einen kann. Fliegen muss auch nachhaltig werden, wie durch synthetischen Brennstoff. Der wird aktuell kaum produziert. Daran ist auch die Lobby schuld, weil sie einerseits diese Brennstoffe als Retter propagiert, gleichzeitig aber verhindert, dass ein Markt entsteht. Wenn wir bis 2050 weltweit klimaneutral sein wollen, braucht es radikale Maßnahmen. Die Bundesregierung macht aktuell keinerlei Politik in diesem Bereich."

Fliegen trägt "nur" drei Prozent zu den weltweiten Emissionen bei. Warum ist das trotzdem relevant?

"Wenn Bill Gates mit seinem Privatjet 1600 Tonnen CO2 ausstößt und eine in Zentralafrika lebende Person mit ihrem gesamten Konsum nur 0,1 Tonne CO2, merken wir, dass Flugemissionen sehr relevant sind. Es wird davon ausgegangen, dass nur drei Prozent der Menschen international fliegen, das bedeutet, dass sehr wenige Menschen zu sehr hohen Emissionen beitragen. Daher finde ich die Flugscham gut, weil sie einen zum Nachdenken bringt. Das bedeutet nicht, dass wir sofort alles anders machen, sondern das wir ein Gefühl dafür bekommen, was aus ökologischer Sicht richtig oder falsch ist."
Charlotte Senkpiel und Jessica Berneiser von Scientists4Future Freiburg arbeiten am Fraunhofer ISE und forschen zu Energiesystemen und individuellem Verhalten.

Müssen wir oder die Politik aktiv werden?

"Wenn die Bahn teurer ist als das Flugzeug, ist es verständlich, dass es für viele Menschen attraktiver ist, das Flugzeug zu bevorzugen. Daher ist es wichtig, einen politischen Rahmen zu haben, der umweltfreundliches Verhalten fördert. Eine Herausforderung beim Thema Klimawandel ist, dass dieser abstrakt ist und die Folgen davon auf individueller Ebene derzeit nicht direkt spürbar sind. Kurzfristig erscheint es oft wichtiger, wirtschaftliche Interessen zu schützen, obwohl diese den Klimazielen entgegenstehen können. Eine Diskrepanz zwischen dem, was politisch passieren müsste und dem, was derzeit tatsächlich geschieht, ist spürbar. Daher ist es zu begrüßen, sich nicht nur auf die Politik zu verlassen, sondern selber aktiv werden – sich zu engagieren und den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren."

Was muss sich gesellschaftlich ändern?

"Das ist eine sehr komplexe Frage. Ein Anhaltspunkt ist, dass sich wahrscheinlich viele Menschen dem Ausmaß der Auswirkungen ihres Verhaltens nicht bewusst sind. Dazu trägt bei, dass mit der Globalisierung und dem breiten Angebot an Billigflügen es in den letzten zwei Jahrzehnten für viele normal und selbstverständlich geworden ist, mehrfach im Jahr mit dem Flugzeug zu reisen – obwohl es das weder historisch noch global gesehen ist. Dabei spielen auch soziale Normen eine entscheidende Rolle, wie beispielsweise ferne Urlaubsreisen, die durch entsprechende Bilder in den sozialen Medien zusätzlich verstärkt werden."

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