Freiburger Weinfest: Wie gesellig sind die Badener?

Aljoscha Harmsen

Neue Leute kennen lernen; das ist im Internet spätestens seit StudiVZ relativ einfach, aber wie funktioniert das offline? Auf dem Freiburger Weinfest am Münsterplatz hat Aljoscha das ausprobiert und sich einfach zu wildfremden Menschen an den Tisch gesetzt. Was er dabei erlebt hat, lest ihr hier.



Die erste Gruppe sind sechs Weinfestliebhaberinnen aus dem Schwarzwald.  Aus Kappel bei Lenzkirch. Ein Platz ist noch frei. Ich hole mir ein Glas Wein und spreche sie an: "Ich bin neu hier in Freiburg, darf ich mich zu ihnen setzen?" Sofort entwickelt sich mit den älteren Damen ein Gespräch. Sie sind "die Mädels", wie sie sich selbst nennen. Jedes Jahr am Montag sind sie ohne ihre Männer auf dem Weinfest. Wir sprechen über das Wetter, über das Weinfest und über ihre T-Shirts.




Und wir beobachten die Leute, die vorbei gehen. Im Gasthaus Blume reservieren sie immer einen Tisch als "die Mädels". Daher die Shirts. "Wir sind immer lustig und fidel", erklärt mir Monica. Verkäuferinnen, Bedienungen und Arzthelferinnen sitzen mit mir am Tisch. Die einzige, die noch fehlt ist Marlies. Sie wollte telefonieren gehen und wird seitdem vermisst. Marlies wird nächsten Samstag 60 Jahre alt. Ihre Mädels wollen auf dem Weinfest schon einmal vorfeiern. Als die Frauen erfahren, dass ihr Gast gar nicht neu in Freiburg ist, sondern für ein Freiburger Online-Magazin arbeitet, wechselt sich bloßes Erstaunen mit lautem Lachen ab.

"Ich wollte erst meinen Sohn anrufen", sagt Edith. "Wir dachten, der junge Mann ist mutig, sich einfach so dazu zu setzen", ergänzt Monica. Bevor ich die Damen verlasse, schenken sie mir noch ein Schnapsglas von Gasthaus Blume in Kappel. Das mitgebrachte Weinglas ist leer und es wird Zeit ein neues zu besorgen. Felix ist Kellner an einem der Stände. Er schenkt nach und erweist sich als sehr gesprächig.



"Ich mache das seit fast zehn Jahren. eigentlich habe ich gar keine große Ahnung von Wein", sagt er. "Die meisten, die herkommen, sind keine Fachleute für Wein, die wollen einfach rausgehen und was unternehmen." Der Tag, an dem am meisten los ist, sei der Freitag, sagt Felix. Der Montag sei der Tag, an dem die Freiburger unter sich sind.

"Manche Leute trifft man von Jahr zu Jahr wieder, da weiß an schon, welchen Wein sie probieren wollen." Felix mag die Gespräche mit den Weinfestbesuchern. Er leitet sie immer über Wein ein und kommt meistens auf klassische  Themen wie "was machen sie, woher kommen sie?" Allerdings ist hinter der Bar wenig Zeit für längere Konversation.

Nach dem kurzen Gespräch fallen mir einige junge Männer auf, die hübschen Frauen hinterher pfeifen. "Habt ihr Lust, was zu trinken?", frage ich sie. Sie schauen skeptisch, dann machen sie einen Platz frei. Seit längerer Zeit versuchen sie, vorbeigehende Frauen zu sich an den Tisch zu locken.

Sie sind allesamt Verkaufsleiter eines großen Tiefkühlbackwaren-Unternehmens. Wir sprechen kurz über die Bundeswehr und Autos und etwas länger über ihren Beruf. Zwischenzeitlich wird das Gespräch immer wieder auf Frauen gelenkt. Dabei fallen derbe Sprüche: "Die ist wohl auf dem letzten Polenfeldzug liegen geblieben", scherzt Timo über eine vorbeigehende ältere Frau. Nach diesem Spruch wollte er nicht mehr mit aufs Foto.



Als ich sie darüber aufkläre, dass sie für eine Reportage herhalten mussten, verlangen sie als Entschädigung erst einmal eine Runde Weizen. "Wir müssen als Verkaufsleiter selbst so oft auf Fremde zugehen, da haben wir uns nicht gewundert, dass einfach jemand zu uns kam - das haben wir schon oft genug selbst gemacht", sagt Olav (links im Bild) mit einem Lächeln. Bald wollen sie nach Hause gehen, sie müssen morgen arbeiten. Heute Abend wollten sie einfach nur Spaß haben.

Nicht weit entfernt von ihnen sitzen zwei Frauen allein an einem Tisch. Von Felix, dem Kellner, bekomme ich eine Flasche Wein und drei Gläser und setze mich zu ihnen. "Darf ich euch auf ein Glas Wein einladen", frage ich. Sie kommen aus Cleveland und sprechen nur Englisch. "Wir machen hier eine Ausbildung zur Krankenschwester", sagt Gina. "Sehr sympathisch, dass uns einfach jemand anspricht", sagen sie. Dabei lächeln sie distanziert. Nachdem der Wein leer ist, gehen sie zu ihren Freunden. Sie verabschieden mich mit Küsschen.



Mit dem letzten Glas, das Felix spendiert, finde ich eine Gruppe Touristik-Studentinnen, die gerade ihr zweites Studienjahr beendet haben und deswegen feiern. Wir sprechen über Touristik, über das Weinfest und über Heimat. Mittlerweile ist es dunkel.

Nachdem sie von der Reportage erfahren, schauen den Fremden am Tisch anklagende und amüsierte Gesichter an. "Wir dachten, der arme Kerl hat keine Freunde. Komisch, dass der einfach so kommt, aber mal schauen was passiert", dachte sich Johanna. "Mach dir keine Gedanken, erst einmal angucken", war Hannahs Devise. Nachdem sie erfahren haben, wie viel von dem, was ich erzählt habe, wirklich wahr ist, trinken wir noch einen Wein und reden weiter, als wäre nichts gewesen.



Am Ende des Besuchs auf dem Freiburger Weinfests am Montag, wo die Freiburger angeblich unter sich sind, stehen viele spannende Bekanntschaften, eine Einladung zum Marlies' 60. Geburtstag und ein netter Kellner, der sehr großzügig Wein spendiert hat.



Fazit: Einfach mal ausprobieren. Nach der Überwindung, die Fremden anzusprechen, entwickeln sich immer gute Gespräche. Und wenn daraus nichts wird, sagt man "Ich bin Journalist". Das zieht fast immer.

Mehr dazu:

Web: Freiburger Weinfest

Was:
Freiburger Weinfest
Wann: bis heute, Dienstag, 8. Juli 2008, 17- 24 Uhr
Wo: Münsterplatz