Freiburger Weihnachtsmarkt: eine Typologie

Marius Notter & Konstantin Görlich

Der Weihnachtsmarkt zieht eine ganz spezielle Klientel an - ob Taschendieb, Bienenwachskerzen-Shopping-Queen oder Glühweinfetischist, unsere Autoren haben sie genau beobachtet. Ganz nüchtern natürlich.



Der Taschendieb

Er gehört zu den unauffälligsten Weihnachtsmarktbesuchern. Mal verschwindet er schlendernd in der Masse, dann steht er am Rande, beobachtet, ohne selbst gesehen zu werden. Seine braune Lederjacke verschmilzt mit der Bretterbudenwand hinter ihm. Der ungepflegte Bart deutet einen Silbertannenzweig an. Er mustert die Menschen und ihre Taschen, aber er greift nicht zu. Denn eigentlich ist er Polizist, in zivil, auf der Jagd nach Taschendieben.

 

Die Demo

Alle Jahre wieder, meistens am dritten Adventssamstag, zieht eine Demonstration über den Weihnachtsmarkt. Das war schon immer so, das wird immer so sein, da haben wir einen Anspruch drauf. Rassismus, Wagenplätze, Asylrecht - irgendwas ist ja immer. Endlich mal eine Demo zum Anfassen und Ansprechen, denn zwischen Rathauseingang und Glühweinausschank ist es auch ohne Polizeikette schon eng genug. Und ohne Demo auch.



Der Aufreißer

Er ist kein Freiburger sondern kommt aus den umliegenden Dörfern und Kleinstädten. Der alljährliche Weihnachtsmarkt bietet ihm die ultimative Möglichkeit seine Angebetete für sich zu gewinnen. Die Taktik ? Einfach und unkonventionell: Eine zu kleine Portion Schupfnudeln, ein lauschiges Plätzchen um ein Weinfass und dann setzt er seinen Joker ein - den Glühwein. Er zahlt, sie trinken, und nach der ersten Knutscherei in der Rathausgasse sitzen sie beide eng umschlungen in der S-Bahn nach Hause. Zehn Jahre später wird er seinen Kinder erzählen wie romantisch er seine Frau von sich überzeugt hat: Mit Schupfnudeln und Glühwein.



Der After-Work-Glühweintrinker

Von weitem zu erkennen, von vielen gefürchtet, vom Standbesitzer geliebt - die Arbeiter auf dem Weihnachtsmarkt. Sie kommen nie alleine, und nie mit Frauen. In ihren Engelbert-Strauß Arbeitsklamotten stechen sie aus der Schlange vor dem Glühweinstand heraus. Schaffen sie es an die Glühwein-Front, so sind sie dort nicht mehr wegzubekommen. Der erste Glühwein wird noch langsam getrunken - schließlich will keiner vor den Kollegen als zu starker Trinker dastehen. Spätestens nach der zweiten Tasse des heiligen Tranks werden die Backen jedoch  rot und die Kampftrinker-Stimmung setzt ein. Ab dann denkt sich der Aufreißer “Rette sich wer kann” und der Glühweinfetischist schüttelt angewidert den Kopf.



Der Glühwein-Fetischist

Diese Person verwandelt jeden Besuch eines Weihnachtsmarktes in eine Weinprobe. Umgeben von scheinbar eloquenten Weinkennern schreitet er durch das Getümmel auf dem Rathausplatz. Sein Ziel? Die Alte Wache, natürlich. Dort angekommen zieht er sich gemächlich die schwarzen Lederhandschuhe von den Fingern und nimmt seine dampfende Tasse Glühwein entgegen. Den Weißen natürlich. Der Glühwein-Fetischist und seine Begleiter bestellen jeweils einzeln, zahlen mit Scheinen und preisen nach der dritten Tasse immer noch die Qualität des im Abgang doch etwas nussigen, würzigen und doch süßlichen Gourmet-Tropfens.



Die Bienenwachskerzen-Shopping-Queen

„Ich muss noch auf den Weihnachtsmarkt um Weihnachtsgeschenke zu besorgen!”, ruft die Mutter zweier Kinder ihrem Mann zu. Sie ist Anfang Vierzig und wohnt in einer Doppelhaushälfte im Vauban, doch an diesem Abend schnappt sie sich schnell das Fahrrad und radelt in die Innenstadt auf den Weihnachtsmarkt. Für den Glühwein hat sie keine Zeit, sie ist auf der Suche nach Geschenken. Selbst gefilzte Umhängetaschen, geschnitzte Kochlöffel  und eine Sternenlampe aus Karton - für die Shopping Queen zählen Nachhaltigkeit und der gewisse Retro-Touch. Für die Kinder der befreundeten Familie kauft sie wie jedes Jahr circa  20 selbstgezogene Bienenwachskerzen. Die Kinder können es kaum erwarten, die dunkelgelben, süßlich riechenden Gebilde in die Ecke zu den anderen fünf Exemplaren zu stellen.



Der Touri

Für den Touri bietet sich ein wunderbares Bild beim Blick auf die Weihnachtsmarkts-Preisschilder. Der Schweizer Eidgenosse fällt fast in Ohnmacht als er erkennt, dass der Glühwein keine zehn Franken kostet. Dann greift er beherzt ins Portemonnaie, denn er lebt ganz nach Harald Junkes Motto: „Glück ist: keine Termine und leicht einen sitzen.” Als er sich dann mit seiner Familie für das Kinderkarussell anstellt, ist das Glück jedoch dahin. Das halbe Elsass hat sich aufgemacht um die Fahrattraktion auszutesten und fährt nun wie wild im Kreis. Als seine Kinder anfangen zu quängeln, wird es ihm zu viel und er lässt noch eine Runde springen - Punsch für die Kinder, Glühwein für die Eltern, diesmal mit Schuss  - bei den Preisen!



Die Glühweinvernichtungs-Kompanie

Sie treten nur im  Rudel zu fünft oder sechst auf, und sind mindestens genauso ‘gefährlich’ wie die Afterwork-Glühweintrinker. Diese beiden Typen unterscheiden sich jedoch trotzdem gravierend, denn für die Glühweinvernichtungskompanie ist der Weihnachtsmarkt bereits die zweite Station und wird bei weitem nicht die letzte dieses Freitagabends bleiben. Die hellblaue Daunenjacke schützt sie gegen die Kälte, denn darunter tragen sie nur das Hemd für den Klub. Als um 21 Uhr die letzte Tasse Glühwein vernichtet ist, der erste der Bande schon nicht mehr klar sprechen kann, und die Stimmung nach Musik schreit, geben sie ihre Tassen ab und ziehen davon - Richtung Shooters.



Der Gourmet

Ach wie schön ist doch die Weihnachtszeit, es ist die Zeit der Liebe, des Beisammenseins, der Ruhe und natürlich des Essen. Besonders auf Weihnachtsmärkten gibt es das in Hülle und Fülle. Von Pizza bis Striebele, von der Langen Roten bis zum Flammlachs, der Weihnachtsmarkt birgt Angebote en masse und der Gourmet testet sie alle. Er hat den Anspruch, nach der ersten Woche des Marktes jedes Gericht mindestens einmal verzehrt zu haben. In seinem imaginären Bewertungsbogen schreibt er Kritiken zu den einzelnen Gerichten, dabei achtet er auf runden Geschmack und ausgewogene Geschmacksnuancen der Currywurst.

Die Mittagspause

Endlich eine Legitimation für Alkohol während der Arbeitszeit. Ursprünglich hatte es die lustige Runde Mitdreißiger nur auf eine schnelle Käsewurst abgesehen, aber dieser Duft! Dieser unwiderstehliche Duft von Zimt, Nelken, Orange - und Wein. Hier entstehen die besten Ideen: Weihnachtsliedersammlungen, Weihnachtsgewinnspiele, Weihnachtsmarktbesuchertypologien. Und man kann schon mal überlegen, wen man nach der Weihnachtsfeier in zwei Wochen mit nach Hause nehmen möchte. Und wen nicht.

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Öffnungszeiten Freiburger Weihnachtsmarkt


Montag bis Samstag
10 bis 20:30 Uhr

Sonntag
11:30 bis 19:30 Uhr   [Fotos: Linn-Marie Hahn, Michael Bamberger, Thomas Kunz, dpa, ZVG]