Freiburger Tafel: Wenn der Supermarkt zu teuer wird

Franziska Kiedaisch

Für viele Menschen, die nicht so viel Geld haben, ist der Tafelladen in der Schwarzwaldstraße eine hilfreiche Anlaufstelle. Dort kann man gespendete Lebensmittel für einen symbolischen Preis kaufen. Wir haben uns in die Warteschlange gestellt, mit Kunden und Verkäufern gesprochen.



Die Frau wartet seit einer Viertelstunde. Sie will einkaufen gehen. Ihren Namen möchte sie nicht nennen. Zu unangenehm sei es ihr, wenn Freunde und Bekannte davon erführen, dass sie bei der Tafel Lebensmittel kaufen muss. Dass ihre kleine Rente nicht ausreicht, um in einem normalen Supermarkt einzukaufen. „Ich bekomme 300 Euro im Monat, da kann ich mir nicht viel leisten“, sagt sie.


Seit zehn Jahren kommt sie hierher. Einmal in der Woche wartet die 63-Jährige geduldig, bis sie in den Laden eintreten darf, der so klein ist, dass immer nur eine Handvoll Kunden gleichzeitig darin Platz finden. Ein Mitarbeiter reicht ihr einen Einkaufskorb aus Metall und gibt ihr damit zu verstehen, dass sie nun eintreten darf.

Die Frau schreitet die Regale ab, inspiziert zuerst das Obst und das Gemüse. Heute ist sie etwas spät dran, seit einer Stunde hat der Laden bereits geöffnet. Eine Stunde ist für einen Tafelkunden viel Zeit, denn die Chancen auf die besten Produkte schwinden mit jedem Kunden, der früher da war. Innerhalb einer Stunde sind dies ungefähr 50.



Die Frau findet trotzdem etwas: Kartoffeln, Äpfel, Bananen. Aus dem Kühlregal kommen Joghurt und Milch hinzu. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin reicht der Frau ein Roggenmischbrot über die Brottheke. Im Regal „Divers“ gibt es heute Zahnpasta, ein willkommenes Angebot.

Stets muss die Frau auf die Menge der Produkte achten, die sie in ihren Einkaufskorb legt. Ein ausgeklügeltes Punktesystem weist ihr den Weg durch den Tafelladen: Schilder, auf denen mit Mengenangaben versehene rote, grüne und blaue Punkte abgebildet sind, hängen an den Regalen.



Die Farbe der Punkte gibt Aufschluss darüber, wer wie viel und wie oft einkaufen darf. Die Punkte finden sich auf der Kundenkarte wieder und sind an die Familiengröße gebunden.

Einen roten Punkt erhält, wer einen Haushalt mit bis zu zwei Personen zu ernähren hat, bei Haushalten mit bis zu vier Personen wird ein grüner Punkt auf der Kundenkarte verzeichnet und jene, die fünf und mehr Personen versorgen müssen, erhalten einen blauen Punkt. Die Frau hat einen roten Punkt auf ihrer Kundenkarte, sie lebt alleine.

An der Kasse gleicht eine Mitarbeiterin die Waren und die Farbe des Punktes auf der Kundenkarte ab. Schließlich bezahlt die Frau: Heute waren es 1,20 . Beim Verlassen des Ladens geht sie an einem Dutzend weiterer Kunden vorbei, die ebenfalls darauf warten, eintreten zu dürfen. „Ich bin wirklich sehr froh, dass es die Tafel gibt. Ich wüsste nicht, was ich sonst machen würde“, sagt sie.



Mit diesem Urteil ist sie nicht alleine: „Unsere Kunden sind sehr dankbar, das merken wir immer wieder. Zu Weihnachten bekommen wir jedes Jahr regelrechte Liebesbriefe“, sagt Fritz Kaiser, der erste Vorsitzende der Tafel. Im Jahr 2008 kamen durchschnittlich 200 Kunden pro Tag in den Tafelladen.

Die Kundenkarte können alle Empfänger von Sozialleistungen, wie Arbeitslosengeld II und Grundsicherung im Alter, Asylbewerber, Rentner, Geringverdiener und Verschuldete mit einem Netto-Einkommen unter 750 Euro pro Person auf Anfrage im Tafelladen erhalten. Rund 20.000 Personen wären somit in Freiburg einkaufsberechtigt. Aber nur ein Bruchteil davon hat tatsächlich eine Kundenkarte.



Mit der Einführung des Arbeitslosengelds II, auch bekannt als Hartz IV, im Jahr 2005, sei nun ein gestiegenes Interesse an den Kundenkarten zu beobachten, so Fritz Kaiser. „Heute hat man als junge, arbeitsfähige und –willige Person, die keinen Job findet, schneller das Gefühl, arm und bedürftig zu sein“, erklärt er sich die neue Situation.

Seit zehn Jahren gibt es in Freiburg eine Tafel. „Oft verwechseln uns die Leute mit dem Essenstreff, weil sie denken, dass eine Tafel Essen zubereitet. Wir arbeiten zwar zusammen; wenn wir zum Beispiel zu viele Bananen haben, dann bringen wir die dem Essenstreff. Aber um hier einkaufen zu können, benötigt man einen Herd. Wir führen ja größtenteils frische Produkte, die zubereitet werden müssen. Deshalb zählen auch Obdachlose eigentlich nicht zu unseren Kunden“, sagt Kaiser.



Die Produkte, die im Tafelladen angeboten werden, sind allesamt Spenden. Supermarktketten spenden ebenso wie örtliche Bäckereien, Institutionen oder Privatpersonen. „Als Kirchenmitglieder beispielsweise kürzlich die Erntedank-Tische abgebaut haben, spendeten sie uns viele der Lebensmittel“, sagt die Ladenleiterin Margret Stein. In diesem Jahr hätten die Mitarbeiter der Tafel sogar Gemüse von Privatpersonen selbst geerntet.

Es sind vor allem Grundnahrungsmittel, die angeboten werden: Obst und Gemüse, Backwaren und Molkereiprodukte. Diese schenken die Spender der Tafel meist deswegen, weil die Produkte Macken haben: ein falsch aufgeklebtes Etikett oder ein zeitnahes Mindesthaltbarkeitsdatum.



Dabei ist das Mindesthaltbarkeitsdatum längst noch nicht überschritten, wenn die Waren in den Tafelladen kommen. Vielmehr werden Backwaren und Molkereiprodukte bereits aus dem Supermarktregal genommen, wenn sie eigentlich noch verzehrbar wären. Im Durchschnitt werden monatlich 30 Tonnen Lebensmittel im Tafelladen umgesetzt. „Wenn man die Kisten stapeln würde, wären sie sieben Mal so hoch wie der Münsterturm“, sagt Fritz Kaiser.

Mit zwei Kühlfahrzeugen werden die Lebensmittel direkt bei den Spendern abgeholt. Um 5:45 Uhr beginnt die erste Fahrt. „Die Tafel begünstigt eine Win-Win-Situation. Die Läden müssen nichts vernichten, was eigentlich noch zum Verzehr geeignet wäre. Außerdem können sie auf diese Art zusätzlich die anfallenden Entsorgungskosten sparen. Und für die bedürftigen Menschen können wir preisgünstige Lebensmittel anbieten und so helfen“, sagt Margret Stein.



Im Tafelladen werden die gespendeten Waren für einen symbolischen Preis verkauft. Meist beträgt dieser zwischen zehn und 30 Prozent des regulären Verkaufspreises. Ein Kilo Kartoffeln kostet so beispielsweise zehn Cent und ein Apfel fünf Cent. „Dass wir die Waren nicht verschenken, hat verschiedene Gründe: Einerseits ist es eine Gegenmaßnahme zu Hamsterkäufen. Indem wir den Produkten einen Preis geben, erkennen die Kunden, dass es sich hierbei um Lebensmittel handelt, mit denen man angemessen umgehen sollte. Das bedeutet, dass man sie nicht anhäuft, um sie schließlich wegzuwerfen", sagt Frau Stein. "Andererseits möchten wir die Würde unserer Kunden bewahren. Nichts zu zahlen hat den Beigeschmack, von Almosen leben zu müssen“, fügt sie hinzu.

Das Angebot der Tafel variiert von Tag zu Tag, je nachdem, was gespendet wurde: „Ich sage immer wieder zu unseren Neukunden: ,Kommen Sie nicht mit dem Einkaufszettel her. Lassen Sie sich überraschen!'", sagt Margret Stein. „Wir haben eigentlich alles, was ein Supermarkt auch hat, nur nicht gleichzeitig."

Etwa 170 Mitarbeiter hat die Tafel, größtenteils Ehrenamtliche. Sie helfen, sortieren und überprüfen alle Lebensmittel auf Mängel, bevor sie in den Verkauf kommen. Zudem werden die Kühl- und Lebensmitteltemperaturen bei Molkereiprodukten ständig kontrolliert. „Der Wirtschaftskontrolldienst hatte bisher noch nie etwas zu beanstanden“, sagt Fritz Kaiser.

Die Tafel finanziert sich größtenteils über Spenden. Zusätzliche Einnahmequellen sind Mitgliederbeiträge (für ein Jahr: 30 Euro) und verschiedene Benefizveranstaltungen.

Die Tafel wird im nächsten Jahr in die Nähe des ZO ziehen. Dort gibt es dann einen größeren Verkaufsraum, um dem gestiegenen Bedarf an günstigen Lebensmitteln gerecht werden zu können. Der Verkauf von symbolischen Bausteinen zu fünf, zehn, 20 und 100 Euro und von Weinflaschen, deren Etikette von Schülern gemalt wurden, sollen nun die Löcher, die diese Investition ins Tafelbudget gerissen hat, wieder stopfen.

Mehr dazu:

Was: Freiburger Tafel
Wann: Mo–Fr von 10–12 Uhr und von 15–17 Uhr
Wo: Schwarzwaldstr. 16
Telefon: 0761 / 2927-244