Freiburger Studentenproteste 2009: Was ist geblieben?

Morten Freidel & Christina Schmitt

Der Bildungsstreik an der Freiburger Uni hat in den vergangenen Monaten bundesweit für Aufsehen gesorgt. Am 11. Dezember 2009, früher als erwartet, räumten die Besetzer das Audimax und seitdem ist es ruhig geworden um die Protestierenden. Was ist geblieben? Ein Essay.



Geblieben sei Farbe. An den Wänden, an den Decken, auf den Böden. Geblieben seien vor allem Sachbeschädigungen und Lippenbekenntnisse der Politik. Geblieben aber ist noch viel mehr: Die Studenten haben den Protest neu erfunden – und mehr Erfolg damit, als die meisten glauben.


Der Abend des 16. November im Freiburger Audimax: Volle Sitzreihen. Erhitzte Gesichter. Auch auf den Treppenaufgängen sitzen Studenten. Die Luft ist stickig. Einige versuchen noch, durch die Eingangstüren einen Blick zu erhaschen. Der Moderator beugt sich über das Mikrophon. Stille. „Wer ist dafür, das Audimax bis auf weiteres zu besetzen?“ Ein Meer aus erhobenen Händen. Die Worte des Moderators gehen unter im Jubel. Bierflaschen stoßen zusammen, Sitznachbarn unterhalten sich angeregt, später fängt eine Gruppe zu singen an, untermalt mit Gitarre und Bongos. In der Aula wird getanzt. Eine spontane Party entsteht. Das erste Transparent trägt die Aufschrift: „Freiburg brennt“.

Bei der Demonstration am nächsten Morgen sind alle dabei: Antifa, die Linke. Ihre Fahnen sieht man von weitem. Schüler aus benachbarten Gymnasien reihen sich ein. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“ Nebenbei Technomusik aus den Boxen eines alten VW-Busses. Auf der Ladefläche zwischen ekstatischen Menschen jemand mit Sonnenbrille und Megaphon: „Hey Leute, Spaß haben, Spaß haben! Genießt es!“ Eine Mischung aus Loveparade und 68er Stimmung. Der Protest als modernes Happening.



Nach ein paar Tagen sind vor einer Grube, die Bauarbeiter vor dem Unigebäude ausgehoben haben, Kreuze und ein Sarg aus Pappe aufgestellt. „Hier liegt die Bildung begraben“ verkündet ein Leinentuch. Neben der Tür des Audimax: Einkaufswagen voller Bierflaschen. Auf ihnen klebt ein Zettel: „Pfand fürs Essen.“ Freiwillige laufen durch die Reihen und räumen Müll von den Tischen.

„Ich finde das Plakat mit dem Spruch 'Alles für Alle', das in der Aula hängt, unpassend“, beschwert sich eine Studentin. „Wir wollen hier gegen die Bildungspolitik demonstrieren, nicht den Kapitalismus abschaffen.“ Viele heben beide Hände und wedeln damit in der Luft. Das bedeutet: Ich stimme zu. Kein Jubel, keine Buh-Rufe. „Doch, wir wollen den Kapitalismus abschaffen!“, ruft jemand dazwischen. Jubel.

An einem anderen Abend verliest ein Student mit einer modischen Brille vor dem Rednerpult einen Brief von Maybrit Illner. Für ihre Talkshow, die das Thema Bildungsprotest zum Thema hat, soll auch ein Vertreter der Besetzerinnen und Besetzer eingeladen werden. Auswahlkriterien: Weiblich und Hübsch.

„Wir müssen jetzt schnell handeln!“, sagt der Student. „Das ist unsere einmalige Chance, den Protest bekannter zu machen!“ Zahlreiche Wortmeldungen. Die Mikrophonläufer kommen ins Schwitzen. „Ich finde, wir sollten extra einen hässlichen Mann hinschicken, um denen zu zeigen, was wir von ihren Vorgaben halten“, ruft einer. „Ich finde, wir sollten die Chance jetzt nutzen und an einer anderen Stelle die Oberflächlichkeit der Medien anprangern“, ein anderer. Eine aufreibende Diskussion beginnt. Nach einer halben Stunde platzt der Student wieder herein, außer Atem. „Stopp!“, ruft er. „Die haben gerade eine aus Bochum genommen.“



Im Laufe der dritten Woche nehmen die Obdachlosen im Audimax zu. Sie schlafen auf den Bänken, während ihre Sitznachbarn über Bildungspolitik diskutieren. „Eine Frau war ständig betrunken und hatte eine Hausratte mit, die manchmal nachts in die Schlafsäcke der Studenten gekrochen ist“, erzählt eine der Besetzerinnen.

Kurz vor Ende der Proteste habe sie sich in die Ecke des Hörsaals erbrochen. Als die Studentin den Krankenwagen ruft, habe der Sanitäter festgestellt, dass die Frau bei Bewusstsein und ansprechbar sei, weshalb sie nicht mitgenommen werde. „Also hat sie weiter im Audimax geschlafen. Niemand wollte sie rausschmeißen.“ Niemand soll diskriminiert werden. Jedes Detail wird diskutiert. Jede Weltsicht hat Gültigkeit. Jeder hat etwas zu sagen. Aber immer weniger Studenten halten die Stellung. Vor der Universität stehen sie in Grüppchen und rauchen. Davor hölzerne Kreuze und ein Sarg aus Pappe.



Vieles gelingt

Trotz der chaotischen Verhältnisse gelingt den Protestierenden Vieles im Laufe der Besetzung. Zwar wird sich vor Verabschiedung der zentralen Forderungen über jede Kleinigkeit gestritten. Das Plenum dauert an diesem Abend bis spät in die Nacht, einige Studenten haben den Kopf auf die Bänke gelegt und sind eingeschlafen. Aber am Ende ist ein zwölfseitiger Forderungskatalog entstanden, der nicht nur von einer kleinen Gruppe abgesegnet wurde, sondern von allen Anwesenden im Plenum.

Zentrale Forderungen sind die Abschaffung von Studiengebühren, eine Verlängerung des Bachelorstudiums und mehr Mobilität bei Ortswechseln.

Auch eine Radikalisierung kann vermieden werden. Zwar fordert ein Student später, das Rektorat zu besetzen und den Rektor zu einer schnellen Reaktion auf die Forderungen zu zwingen. Seine Augen leuchten, die Nächte im Audimax haben ihn nicht müde gemacht. Die wenigen ihm gegenübersitzenden Studierenden wirken der Diskussion überdrüssig, ihre Bewegungen sind langsam. Aber sie sprechen sich dagegen aus.

Zwar ist eines frühen Morgens die Scheibe der „FAZ Lounge“, eines Cafés auf dem Campus, eingeworfen. Die Verpachtung der Namensrechte vom Studentenwerk an die Zeitung war immer wieder Thema unter den Besetzern gewesen. Aber neben der zerstörten Scheibe hängt ein Stück Pappe mit der Aufschrift: „Mit so einer Scheiß-Aktion macht ihr alles kaputt! Einer, dem der Bildungsprotest wirklich etwas bedeutet.“

Höhepunkt des Protests ist die Diskussion des Rektors Hans-Jochen Schiewer mit den Besetzern. Noch einmal platzt das Audimax aus allen Nähten. Noch einmal liegt dieselbe Spannung, dieselbe feierliche Erwartung in der Luft, wie am ersten Abend der Proteste. Neben dem Rednerpult liegen Isomatten, Schlafsäcke. Inzwischen sind die Wände fast vollständig mit Transparenten beklebt. Neugierig schaut Rektor Schiewer sich um. „Schön, mal wieder hier zu sein“, sagt er und lächelt.



Die Protestierenden sind gut vorbereitet. „Wir wissen, eigentlich stehen sie auf unserer Seite“, sagt eine junge Frau und öffnet die Arme. „Wir wissen auch, sie sind Zwängen unterworfen. Aber die Bachelor-Master-Reform ist gescheitert. Lassen sie uns gemeinsam beim Land für eine Reform kämpfen!“ Schiewer kratzt sich am Hals und rückt lange das Mikrophon zurecht.

Irgendwann erklärt ein Student, dass laut eines Bundesverfassungsgerichtsurteils deutlich mehr Studentenvertreter im Senat der Universität sitzen könnten. Momentan seien es vier Studierende gegenüber fünfundzwanzig Professoren. Ob er das für ausreichend halte? „Es kommt nicht darauf an, wie viele Studenten im Senat sitzen, sondern welches Gewicht sie haben.“ Das Audimax tobt. Selbst Schiewer muss lachen.

Plötzlich baut sich einer der Studenten vor dem Pult auf: „So jetzt ist endlich Schluss mit der Scheiße hier! Wir haben keinen Bock mehr auf...“ – „Ruhe!“ – „Halt den Mund!“ Einige Studenten führen den Störenfried zur Seite.



Zwei Stunden bleibt Schiewer hart. Keine Zugeständnisse, keine Solidaritätserklärung. Viele Studenten sind enttäuscht. Doch am 8. Dezember antwortet das Rektorat der Uni Freiburg auf die Forderungen der Besetzer mit einem 45-seitigen Antwortschreiben. Drei Tage später wird die Besetzung per Abstimmung beendet.

Was ist geblieben?

Was ist geblieben? „Nichts“, sagt Maximilian Grösche, Vorstandsmitglied des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) in Freiburg. Die Besetzung sei weder legitim noch erfolgreich gewesen. „Mein Tipp war der 23. Dezember. Aber sie haben ja noch viel früher schlapp gemacht“, sagt er. Sinn von Protesten sei es auch, Opfer zu bringen. Ein Weihnachten im Audimax zum Beispiel. „Aber so wichtig war den Studenten ihr Anliegen wohl nicht." Um etwas zu verändern, müsse man eben mehr machen als nur Krawall.“

Was ist geblieben? „Viel“, sagt Leonard Edelmann, ein Besetzer, der von Anfang bis Ende dabei war. „Der Rektor hat öffentlich zugegeben, dass er die Elite-Universität Freiburg für chronisch unterfinanziert hält. Das ist ein Eingeständnis, dass es mit der Exzellenz also nicht allzu weit her sei.“ – „Und alleine, dass der Rektor in einem 45-seitigem Schreiben antwortet, dass er das für nötig und gerechtfertigt hält – schon das legitimiert den Protest.“

Was ist geblieben? Verständnis von Annette Schavan und zahlreichen Bildungspolitikern. Ein Beschluss der Kultusministerkonferenz, das Bachelor- / Master-System zu reformieren. Ein Antwortschreiben des Freiburger Rektors, das bei einigen Punkten Änderungen verspricht. Geblieben sind Lippenbekenntnisse. Aber einen Monat nach Ende der Proteste ist es noch zu früh, die Proteste nach ihren politischen Ergebnissen zu beurteilen.



Betrachtet man dagegen den Verlauf der Proteste, dann ist geblieben: Eine zerbrochene Scheibe. Geblieben ist ein Hörsaal, den die Lehrenden nach drei Wochen Besetzung so sauber auffinden konnten, wie sie ihn verlassen haben. „Von Seiten der Besetzerinnen und Besetzer war es immer eine sehr konstruktive Art der Zusammenarbeit“, sagt Prorektor Schanz. Geblieben ist eine völlig neue Form des Protests, der größere Provokationen vermeiden konnte und trotzdem Druck aufgebaut hat. „Aber wenn nichts von Seiten der Politik geschieht“, sagt Besetzer Edelmann, „dann wird es eine Radikalisierung des Protests geben. Wir kommen wieder.“

Die Autoren sind Redakteure des 14 Magazin

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