Interview

Freiburger Soziologe denkt beim DFB-Trikot an Aktienkurse

Sebastian Krüger

Graulastig sind die Töne des neuen Nationaltrikots – und nicht schwarz, rot, gold. Ist das modisch und kann man so Weltmeister werden? Der Soziologe Sacha Szabo liefert Antworten mit einem Augenzwinkern.

BZ: Herr Szabo, wie gefällt Ihnen das neue Trikot der Deutschen Nationalmannschaft?
Sacha Szabo: Ehrlich gesagt: nicht so gut. Es berührt zwei Traditionslinien: Von der Form die Tradition des Weltmeistertrikots von 1990 und von den Farben die klassische schwarz-weiße Tradition. Es erinnert mich an das Testbild zu Zeiten des Schwarz-Weiß-Fernsehens. Man kann aus dem Trikot aber noch viel mehr herauslesen.


"Hoffen wir, dass es bei dem Trikot bleibt und nicht auch noch Vokuhila, Pornobalken und Schulterpolster in werden."

BZ: Was denn zum Beispiel?
Szabo: Zum Beispiel, dass die Fernsehtechnik sich im Alltag an der Hochauflösung HD orientiert, denn mit den früheren Bildtechniken hätte man bei den feinen Linien einen "Moiré-Effekt". Mode ist also immer auch ein Seismograph für die Gegenwart.

BZ: Erlebt die Mode der Neunziger ein Comeback?
Szabo: Es gibt seit meiner Jugend Retrowellen, bei denen die Kultur von vor 30 Jahren nochmal aufgegriffen wird. 1990 war modisch die Schwelle zwischen den 80er und 90er Jahren. Damals war zeitweise die Kultur der 50er Jahre in. Das betraf die Alltagskultur, plötzlich waren Vespas und Rock’n’Roll in Mode und genauso verhält es sich mit der Sportmode. So erinnerte man sich nach der verkorksten WM 94 an die glorreichen 50er Jahre und schuf ein Trikot, das sich an dieser Zeit orientierte – prompt wurde man Europameister. Zum aktuellen Retrotrend: Hoffen wir, dass es bei dem Trikot bleibt und nicht auch noch Vokuhila, Pornobalken und Schulterpolster in sein werden. Mir reicht es, das einmal miterlebt zu haben.



BZ: Anstatt – wie 1990 – Schwarz-Rot-Gold zieren jetzt drei verschiedene Grautöne die Brust der Nationalspieler. Ist der grautönige Einheitsbrei Ausdruck der flachen Hierarchie, die im Team herrscht oder steckt eine politische Botschaft dahinter? Schließlich ist es seit dem Aufstieg der Rechtspopulisten wieder verpönt, die Nationalfarben zur Schau zu tragen.
Szabo: Mir fiel auch auf, dass die Nationalfarben fehlen, wobei diese Unsicherheit mit dem Umgang der Landesfarben und Landesflagge schon 1990 bestand. Auch damals war es verpönt, die Nationalfarben zu zeigen und durch die Wiedervereinigung war man unsicher, wie man sich zu verhalten habe. Für mich hat das Trikot eine ganz klare Botschaft, die aber deutlich über einen nationalen Reflex hinausgeht. Ich interpretiere es jetzt sehr spitzfindig: Die drei Farben wurden durch Schwarzschattierungen ersetzt. Nun hat auch Adidas genau diese drei Linien im Logo. Man kann es also so deuten, dass wir es mit einem postnationalen, spätkapitalistischen Design zu tun haben, bei dem das Corporate Design eines Global Players die Nationalstaatssymbolik verdrängt hat. Und während sich das Design des 90er-Trikots als Fieberkurve deuten ließ, symbolisiert das neue Design den Zickzackkurs in den Aktiencharts.

BZ: Lässt sich mit so einem Trikot überhaupt ein Titel gewinnen?
Szabo: Tja, was mich irritiert, ist die seltsame Auslassung über dem Herzen. Es sieht so aus, als ob das Muster wie zwei Hände das Herz umgreift. Klar, es legt die Assoziation nahe, dass man sich ein Herz nimmt, das berühmte Kämpferherz. Das tückische an solchen Verweisen ist, dass es einem genauso gut eng ums Herz werden kann oder man sich aus Angst ans Herz greift. Hoffen wir also, dass den Spielern nicht das Herz in die Hose rutscht und vergessen wir meine kulturkritische Einlassung eben. Außerdem sollten wir die, für mich naheliegende, subversive Deutung verdrängen, dass Werbung und Kommerzialisierung dem Fußball das Herz aus der Brust reißen.

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