Radsport

Freiburger Radprofi Sütterlin soll Tour de France fahren

Michael Dörfler

Der Freiburger Radprofi Jasha Sütterlin ist beim Team Movistar gefragt und soll für die spanische Equipe die Tour de France bestreiten. Sütterlin hat Erfahrung mit heftigen Strecken.

In den vergangenen Tagen dürfte Jasha Sütterlin wieder etwas besser gelaunt aus dem Fenster geblickt haben. Regen und Kälte haben sich etwas zurückgezogen aus Südbaden, was ihm den Griff zum Fahrrad erleichtert haben dürfte. Im Januar war der Freiburger Radprofi zu Saisonbeginn in Australien unterwegs gewesen, "bei Temperaturen teilweise über 40 Grad". Dabei ist der 24-Jährige zwar gehörig ins Schwitzen geraten – und das nicht nur bei der Tour Down Under. Doch besser ein, zwei Mal das T-Shirt wechseln, als zu Hause dem Schnee auszuweichen und auf womöglich glatten Straßen zu trainieren. Zumal der Klimawechsel bei der Rückkehr schnell die Nase laufen und den Rachen schmerzen ließ. Auf der Rolle ist er deshalb zu Hause gefahren, den Kraftraum hat er besucht.


Ein Ritterschlag für Sütterlin

Sütterlin geht mächtig motiviert in die neue Saison – und das hat auch mit seinem Arbeitgeber zu tun. Die in Spanien beheimatete Equipe Movistar, die 2010 aus der Mannschaft Caisse d’Epargne hervorging, hat den bis Ende 2017 laufenden Vertrag mit dem Südbadener unlängst vorzeitig um zwei Jahre bis 2019 verlängert. Für Sütterlin ist das eine Art Ritterschlag, lobte ihn doch Teamchef Eusebio Unzue geradezu überschwänglich für seine Helferdienste. Als starker Rouleur, der über hunderte von Kilometern das Tempo an der Spitze des Feldes hochhalten kann, gilt Sütterlin als Edelhelfer für die Top-Pedaleure des Teams, den Spanier Alejandro Valverde, vor allem aber für Nairo Quintana. Wobei Letzterer im Sommer ein großes Ziel hat: Nach seinen Siegen beim Giro d’Italia 2014 und dem Gewinn der Vuelta a España 2016 peilt der kolumbianische Bergspezialist jetzt das Triple an – den Gesamtsieg bei der prestigeträchtigen Tour de France. Und dabei soll ihm Sütterlin helfen.

Beklemmende Gefühle löst die Aussicht auf die zu erwartende Tretarbeit bei Sütterlin nicht aus; "das ist schließlich mein Job". Eine Portion Respekt aber schon. Die Tour kennt er bislang nur vom Hörensagen. Mächtig Tempo werde in Frankreich zwar gebolzt, vom Streckenprofil her seien die Etappen aber durchaus gut einzuordnen, vieles, so sagten ihm auf französischen Straßen erfahrene Kollegen, sei berechenbar.

Sütterlin kennt das auch anders. Im vergangenen Jahr, so erzählt er, sei er erstmals für eine dreiwöchige Grand Tour nominiert gewesen – der Giro d’Italia war auf seinem Dienstplan vermerkt. Den 113. Rang bei 156 ins Ziel gekommenen Fahrern hat er dort belegt, 4.07,36 Stunden Rückstand hatte er nach den 21 Tagesabschnitten auf Sieger Vincenzo Nibali. "Eine abartige Schinderei" ist ihm in Erinnerung geblieben.

Das ständige Auf und Ab auf dem Stiefel sei geistig zermürbend und extrem kraftraubend gewesen – dazu die steilen Kehren in den Dolomiten. Mit dem Gruppetto sei er häufig ins Ziel gefahren, jenem Notzusammenschluss von zurückgefallenen Helfern und Sprintspezialisten, die sich zum Ende der Bergetappen zusammentun, um nicht wegen Zeitüberschreitung aus dem Klassement zu fallen. Als Helfer des Gesamtdritten Valverde war Sütterlin seinen Vorgesetzten aber schon in Italien aufgefallen. "Sehr zufrieden" sei man mit seinen Darbietungen gewesen, erzählt Sütterlin, der hinterher sogar "einen deutlichen Leistungsschub" bei sich diagnostiziert hat.

Vielleicht deshalb hat man ihn wissen lassen, dass er im Juli in Frankreich auf einen Einsatz hoffen darf. Das motiviert. Wobei die Zeit bis zur Tour noch lang ist. "Da kann noch viel passieren", sagt Sütterlin. Doch an Krankheiten oder Stürze denkt er nicht. Viel mehr bewegt seine Gedanken, wie er das Frühjahr mit all den Klassikern bewältigt. Nach Rennen in Murcia und Almeria in Spanien wird er bei Gent-Welvelgem an der Starlinie stehen, er wird die Flandern-Rundfahrt bestreiten, dazu anschließend "das absolute Highlight" Paris-Roubaix unter die schmalen Reifen seines Velos nehmen. Nach einer Ruhe- und Krafttankphase dürfte dann kurz vor der Frankreich-Rundfahrt entweder die Tour de Suisse oder das Critérium du Dauphiné auf ihn warten – wobei er ein bisschen mit der Stippvisite in der Schweiz liebäugelt; "der tollen Straßen und guten Hotels wegen".

Auf ein Bier mit den Kollegen Fröhlinger und Geschke

Doch zurück nach Australien. Sütterlins begeisterte Erzählungen lassen eher an einen Aktivurlaub als an ein anstrengendes Etappenrennen denken. Doch schnell winkt er ab. Schnell werde auch dort gefahren, jeder wolle sich dort zeigen und beweisen – und dann die Hitze, aber das hatten wir schon. Als ausgesprochen angenehm haben er und seine Kollegen aber empfunden, dass alle Teams in ein und demselben Hotel untergebracht waren. Täglich ging es von dort zum Start der jeweiligen Etappen, anschließend in die Herberge zurück. Zeit und Gelegenheit also, auch mal den einen oder anderen Mitstreiter aus anderen Mannschaften näher kennen zu lernen. Mit den ebenfalls in Freiburg wohnenden Johannes Fröhlinger und Simon Geschke (beide Team Sunweb) hat er sich dann abends auch mal zum Gedankenaustausch getroffen und "ein Bier getrunken". Wenn es die Termine zulassen, radelt das Trio, das denselben Manager hat, im Training auch mal gemeinsam durchs Markgräflerland oder hinauf in den Schwarzwald.

Beim eröffnenden Kriterium der Tour Down Under, das nicht zum Gesamtklassement zählt, fuhr Sütterlin gleich mal auf den zehnten Rang. Es war sein bestes Ergebnis – nach der abschließenden sechsten Etappe wurde er auf Platz 77 geführt. "Für den Anfang ganz okay", sagt er und verabschiedet sich zum Training. Er hat schließlich noch viel vor in diesem Jahr.

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