Der Sonntag

Interview

Freiburger Marketing-Prof erklärt, warum das Wacken-Festival so erfolgreich ist

Klaus Riexinger

Für Dieter Tscheulin, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität von Freiburg, ist der Erfolg des Metal-Festivals ein Paradebeispiel für die Etablierung einer Marke.

Am kommenden Donnerstag beginnt die 29. Auflage des Metal-Festivals im schleswig-holsteinischen Wacken. Für den Freiburger Marketing-Wissenschaftler Dieter Tscheulin (59) ist es ein Paradebeispiel für die Etablierung einer Marke.


Der Sonntag: Herr Tscheulin, Wacken ist spätestens seit dem Dokumentarfilm "Full Metal Village" von Sung-Hyung Cho fast allen ein Begriff. Was ist die Erfolgsgeschichte von Wacken?

Tscheulin: Die Erfolgsgeschichte ist, dass es die Veranstalter geschafft haben, eine Marke zu etablieren. Wacken steht für ein bestimmtes Lebensgefühl. Die Leute kommen aus aller Welt zu dem Festival. Über 80 000 Leute nutzen dort die Chance, für drei Tage ihren Lebensstil zu zelebrieren. Für jeden, der sich mit Marketing beschäftigt, ist das hochinteressant. Es ist einfach eine tolle Erfolgsgeschichte – ein Paradebeispiel für jede Marketingvorlesung.

Der Sonntag: Die Kommerzialisierung war anfangs nicht beabsichtigt. Hat sich der Erfolg zufällig eingestellt oder wurden einfach die richtigen Entscheidungen getroffen?

Tscheulin: s wurden sicherlich richtige Entscheidungen getroffen. Inzwischen ist das Management ja hochprofessionell. Ob das von Anfang an so beabsichtigt war, sei mal dahingestellt. Am Anfang vor 29 Jahren gab es 800 Fans und sechs Bands. Dann haben die Veranstalter erkannt, dass sie etwas aufbauen können. Das sind sie dann professionell angegangen und haben das Festival kommerzialisiert.

Der Sonntag: Sie sprechen davon, dass Wacken mit Werten und Attributen verknüpft wird, die weit über das Musik-Festival hinausgehen. Welche Werte sind das?

Tscheulin: Es geht vor allem ums Anderssein – also sich vom Spießbürgertum abzugrenzen. Ausgangspunkt aller Festivals war vor fast 50 Jahren Woodstock. Da war die Musik fast schon Nebensache. Es ging um Liebe, Frieden, Sex, Drogen und Rock’n’ Roll. In Wacken geht es auch um einen Lebensstil – aber um andere Werte als etwa in Woodstock.

Der Sonntag: Metal ist eigentlich eine Subkultur. Kommerz kann da zum Problem werden. So fanden nicht alle den Auftritt von Heino in Wacken vor einigen Jahren lustig. Warum funktioniert das Festival trotzdem immer noch?

Tscheulin: Wahrscheinlich weil es die meisten Fans doch akzeptieren. Dort treten ja auch Künstler wie Alice Cooper auf. Den hat es schon gegeben, als ich noch ein Kind war. Mit dem Merchandising können sich die Fans ebenfalls identifizieren. Es gibt Wacken-Bier, sogar Wacken-Kreuzfahrten für Metalfans oder Wacken-Waschbeckenstöpsel.
Der Sonntag: Es gibt Nachahmer-Veranstaltungen wie Baden in Blut in Lörrach, die sich aber bewusst vom Kommerz abheben. Können solche Festivals dennoch zur Marke werden, wenn auch in kleinerem Maßstab?

Tscheulin:Rockfestivals gibt es schon lange, Wacken hat aber einen ganz bestimmten Kreis von Leuten angesprochen. Um richtig erfolgreich zu werden, braucht es ein Alleinstellungsmerkmal. Das hat Wacken ziemlich gut hingekriegt. Alles, was jetzt in der Metal-Szene noch kommt, sind Nachahmer.

Der Sonntag: Waren Sie selbst schon in Wacken, können Sie etwas mit dieser Musik anfangen?

Tscheulin:Ich bin nicht mehr der Allerjüngste, wobei die angesprochenen Musiker Heino und Alice Cooper deutlich älter sind ( lacht ). Aber nein, ich war noch nicht dort. Die Musik von Alice Cooper hat mich jedoch schon als 13-Jähriger fasziniert. Diese Musik finde ich heute noch gut. Ansonsten hat sich der Musikgeschmack im Laufe der Jahrzehnte erweitert. Vieles aus der Metal-Szene kann ich mir mal kurze Zeit anhören, aber dauerhaft ist es nicht mein Fall.