Freiburger Kneipengedichte

David Weigend

Jörg Kuenzer, 50, ist vergangenes Jahr fast ertrunken, als er mit dem Kajak durch den Taubergießen paddelte. Der Freiburger überlebte und fühlte sich danach unheimlich frei. So frei, dass er "23 Freiburger Kneipengedichte" verfasste. fudder fragt: Gibt es jemanden außer dem Autor, dem die Veröffentlichung dieser Gedichte etwas bringt?



"Das faszininierende farbenkräftige Deckengemälde á la Dali mit weiblich-männlichen Miro-Formen taucht ins künstlerische Abendrot. Unter den Slips beginnen Roman-Tisch die Bedürfnisse zu gären wie ein frisches Hefe-Weizen, Cubanisches Blut tröpfelt in meine alte Jockey will ich sein auf ihr, die nun kommt und die der Chef wieder fortschickt, weil sie zu früh gekommen ist..."

Das ist nicht der Beginn eines pornographischen Groschenromans, sondern ein Extrakt aus regionaler Kneipenlyrik der Marke Jörg Kuenzer. Das Gedicht heißt "Che Guevara / El Bolero" und spielt an einem Samstag um 17.45 Uhr in der Gaststätte "Bolero" neben dem Friedrichsbau.

In 23 Freiburger Kneipen ist der bisher eher durch Trompeterei aufgefallene Viertelelyriker versumpft, was 23 Ergüsse seiner Dichtkunst verursacht hat. Ulrich von Kirchbach lobhudelt vorweg: "Sicher ein lohnendes Projekt", blah, blub. Ein lohnendes Projekt zumindest für Kuenzer, der sich mit unerträglichem Augenzwinkern als Breisgaucasanova ausgibt:

"Und auch Kristin, die blonde, rubimöse Sachsensonne, der ich pfeifend Taschenjagdhorn und Hornhaut anvertraute, hat ihre sieben Sachen gepackt und ist ins Café Unbekannt verschwunden."

(aus: Casa Dante, ADÉ Mustaffa und Kristin..., S.15)

Ins stilistische Nirvana verschwinden auch öfters mal die arg selbstreferentiellen Verse Alexander Kuenzers, der auch seinen Besuch im "Café Capri" (S.17) literarisch zu rechtfertigen versucht:

"Und als ich gehen wollte, blieb ich bei einer 68er Bloody Mary hängen,
wobei der BM-Trinker ein sympath. David von 26 Jahren war, der auch schreibt. Jetzt hat er meine Nummer und die Webside. Er schien sich wirklich sehr gefreut
zu haben, mich kennengelernt zu haben. Als er von Simonswald hierherkam hatte er solch einen Kopf! Aber jetzt sei er schon viel Kleiner. Und den andern Gast,
der zweisam kam, kannte ich auch. Der wollte einmal ein Praktikum bei mir machen.
Jetzt will er mich spontan besuchen. Ja, dannEmailLos!"

Nach der Lektüre dieser 23, hüstel, lyrischen Absonderungen sei die Frage erlaubt, was man in einem Praktikum bei Alexander Kuenzer lernen soll: Kladdengesülze vervielfachen? Die Midlife-Crisis mit Thekengeschwätz bekämpfen? Die Freiburger Kneipenlandschaft um Neologismen wie "Kaj-Bierinja" und "FähnTilator" bereichern?

Irgendwie wird man zwischen "Kagan-high 5: gejährt-gerührt" und "Lass Feierling! Ein Trinklied" den Verdacht nicht los, dass hier ein notorischer Pur-Hörer sein promillgetränktes "Abenteuerland" in Worte fassen will. Dazu gibt es auf 55 Seiten obendrein 23 Zeichnungen eines gewissen Matthias Hickel. Sie trudeln thematisch, einer angeklatschten Fliege gleich, um Frauen, Erotik und Phallussymbole. Ein Weihnachtsgeschenk allenfalls für Satiriker.

Mehr dazu:

Was: 23 Freiburger Kneipengedichte von Jörg Kuenzer

Wie: Paperback, 56 Seiten, 8,90 Euro

Wo: Erschienen und bestellbar im pro literatur Verlag