Peinliche Prüfungspanne

Freiburger Jurastudierende bekommen Aufgabe, deren Lösung schon veröffentlicht wurde

Gina Kutkat

Besonders eifrige Jurastudierende haben drei Tage vergeblich gearbeitet: An der Uni Freiburg wurde eine Hausarbeit im Öffentlichen Recht zurückgezogen, weil eine Lösung des Falls bereits in einer Fachzeitschrift veröffentlicht worden war.

Ein Mann begehrt bei der zuständigen Behörde die Erteilung einer Reisegewerbekarte, um auf regionalen Märkten Textilien zu verkaufen – darum geht es im Sachverhalt, den Jurastudierende der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in einer Hausarbeit für die Fortgeschrittenen-Übung im Öffentlichen Recht ("Größer Öff") lösen sollten.


Die Lösung des Falls stand in einer Ausbildungszeitschrift

Studierende, die sich gleich an die Arbeit machten, stellten schnell fest: Der vorgelegte Sachverhalt und Teile der Lösung waren schon 2014 veröffentlicht worden. "Die Lösung konnte man leicht über die Datenbank beck-online finden, indem man Schlagworte wie ’Genehmigungsfiktion’ oder ’§ 6a GewO’ eingab", sagt Jurastudentin Linda P. (Name von der Redaktion geändert). Bei der Recherche für die Hausarbeit stieß sie auf einen bis in Details hinein gleichlautenden Fall in der Zeitschrift "Juristische Arbeitsblätter" (JA 2014/356), veröffentlicht von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter am Lehrstuhl für Öffentliches Recht an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz unter dem Namen "Der unzuverlässige Textilienhändler."

Dass eine Lösung des Falls existiert, wurde auch am zuständigen Institut für Öffentliches Recht bemerkt: Drei Tage nach der Veröffentlichung der Aufgabe kam der Rückruf. "Wir haben uns nach Rücksprache mit dem Prüfungsamt entschlossen, den am 27.7.2018 veröffentlichten Sachverhalt der Hausarbeit zurückzuziehen", steht in der Mitteilung auf der Website.

Der Dekan stellt sich vor den Privatdozenten

Vergleicht man die Sachverhalte aus Freiburg und Mainz, fallen nur marginale Unterschiede auf. So wurde in der Freiburger Version die Stadt verändert und der Protagonist mit einem anderen Buchstaben bezeichnet. Gestellt hatte die Aufgabe Privatdozent Carsten Kremer in Vertretung von Professorin Silja Vöneky, der Direktorin des Instituts für Öffentliches Recht.

"Es war weder dem Urheber noch Herrn Dr. Kremer bekannt, dass ein ehemaliger Mitarbeiter des Urhebers die Aufgabe nebst Lösung in einer Ausbildungszeitschrift veröffentlicht hatte." Studiendekan Frank Schäfer
War der Sachverhalt also ein Plagiat? Der Studiendekan der juristischen Fakultät stellt sich vor den Dozenten. "Herr Kremer verwendete die Aufgabe für die Hausarbeit mit ausdrücklicher Zustimmung des Urhebers in einer modifizierten Fassung", erklärt Studiendekan Professor Frank Schäfer auf Nachfrage in einer schriftlichen Stellungnahme. "Es war weder dem Urheber noch Herrn Dr. Kremer bekannt, dass ein ehemaliger Mitarbeiter des Urhebers die Aufgabe nebst Lösung in einer Ausbildungszeitschrift veröffentlicht hatte", heißt es dort weiter. Weil Privatdozent Kremer die Hausarbeit sofort zurückgezogen habe, nachdem er von der Publikation erfuhr, habe er das Urheberrecht gewahrt. "Auch ist ihm keine Verletzung der Sorgfaltspflicht vorzuwerfen", so Schäfer. Kremer selbst verweist bei Rückfrage auf die Stellungnahme seines Dekans.

Studierende müssen auf den neuen Sachverhalt warten

Für die eifrigsten unter den Jurastudierenden des vierten und sechsten Semesters ist der Vorfall trotzdem mehr als ärgerlich. Hausarbeiten sind im Jurastudium besonders wichtig und deutlich zeitaufwendiger als in anderen Fächern. Die Bearbeitung eines Falls für einen großen Schein bedeutet vier bis fünf Wochen kontinuierlicher wissenschaftlicher Arbeit in Vollzeit. Der Sachverhalt war ohnehin eine Woche später als angekündigt veröffentlicht worden, jetzt gibt es weitere Verzögerungen. Studierende, die geplant hatten, in diesen Tagen ihre Hausarbeit zu schreiben, müssen einen Zwangspause einlegen; das kann auch Praktika- und Urlaubsplanung beeinträchtigen. "Das schränkt extrem ein", sagt Studentin P..

Die Hausarbeiten in den Fortgeschrittenenübungen können nur zwischen den Semestern geschrieben werden. Im Semester davor oder danach muss außerdem eine Klausur bestanden werden, um den "Großen Öff" zu erhalten. "Sollte ich aufgrund Zeitmangels diese Hausarbeit nicht bestehen, so verfällt meine bereits bestandene Klausur, das heißt, ich darf nächstes Semester sowohl Klausur als auch Hausarbeit erneut schreiben", sagt P. Damit würde sie ein ganzes Semester verlieren und möglicherweise nicht im Herbst mit der Examensvorbereitung beginnen können.

Der Lehrstuhl ist den Studierenden jetzt entgegengekommen, bemüht sich, den Schaden klein zu halten. Ein neuer Sachverhalt soll am 10. August 2018 veröffentlicht werden; der Termin wurde um eine Woche vorverlegt, nachdem Studierende protestiert hatten. Außerdem wurde die Bearbeitungszeit der Aufgabe bis zum 23. Oktober 2018 verlängert – damit blieben den Studierenden mehr als zehn Wochen für die Hausarbeit. Studiendekan Frank Schäfer ist das wichtig: "Die Fakultät wird den Studierenden bei der erneuten Aufgabenstellung größtmöglich entgegenkommen, damit die Studierenden keinen Nachteil erleiden."

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