Freiburger Jugendliche saufen weniger

Frank Zimmermann

Die Zahl der Jugendlichen, die mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus landen, geht zurück. Dafür bestellen sie sich jetzt synthetisches Gras oder Badesalze - und zwar im Internet:



Das Problem ist nicht aus der Welt, aber es hat abgenommen: Die Zahl der exzessiven Alkoholkonsumenten, die ins Krankenhaus eingeliefert werden, ist nach einer Hochphase des Komatrinkens vor vier, fünf Jahren deutlich zurückgegangen.


Dies bestätigen Ärzte der Universitätskinder- und der Uniklinik. Allerdings sind bei jungen Menschen andere, synthetische Drogen, sogenannte "Legal Highs", auf dem Vormarsch – etwa synthetisches Cannabis oder sogenannte Badesalze.

"Komatrinken" unter sehr jungen Menschen war vor einigen Jahren recht weit verbreitet. Dies hat sich geändert, sagt der Leitende Oberarzt der Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Marcus Krüger: "Die Hoch-Zeit, sich in die Bewusstlosigkeit zu trinken, ist für mich vorbei." Die Kassen sparen enorm. Die AOK Baden-Württemberg hat 2015 dafür 5,9 Millionen ausgegeben, elf Prozent allein für die 15- bis 19-Jährigen. Je nach Aufwand kostet eine Nacht 500 bis 1000 Euro.

Das Alter der wegen Alkohols Eingelieferten sei in der Kinderklinik zuletzt angestiegen, sagt Krüger; statt 14- und 15-Jährige seien mehr 16- und 17-Jährige unter ihnen. Auf mehr als 40 Prozent angestiegen sei der Anteil der Mädchen. Exzessiv getrunken wird anlassbezogen – an Silvester, Fasnacht, auf Partys oder nach dem Abi.

Wurden 2012 noch 109 Kinder und Jugendliche wegen Alkoholvergiftung in der Unikinderklinik behandelt, waren es im 2015 "nur" noch 82, etwa die Hälfte von ihnen befand sich bei der Einlieferung in einem komatösen Zustand und musste auf der Intensivstation behandelt werden. Was Krüger besonders ärgert, ist, wenn sich Kumpels aus dem Staub machen. Dies berge ein zusätzliches "eminentes Risiko": Denn wer bewusstlos ist und nicht schlucken kann, droht an seinem Erbrochenen zu ersticken.

Oder er ist unterzuckert oder kühlt aus, weil gern nachts im Freien gefeiert wird. Krüger weiß von Jugendlichen, die zwei Promille im Blut hatten.

Auch Jeanette Piram von der Drogenberatung "Drobs" der Arbeiterwohlfahrt hat beobachtet, dass die Zahl der ganz jungen Trinker zwischen 12 und 15 abgenommen hat. Dass es insgesamt weniger gibt, bestätigt auch Hans-Jörg Busch, Leiter des Uniklinik-Notfallzentrums, wo die Über-18-Jährigen landen. Aus der Welt ist das Alkoholproblem gleichwohl nicht. Notfallmediziner Busch bekommt auch richtig extreme Fälle zur Behandlung – 5,4 Promille hatte der Betrunkenste.

Synthetisches Cannabis aus dem Internet

Bei jungen Menschen auf dem Vormarsch sind synthetische Cannabinoide (synthetisches Cannabis) oder andere leicht und legal erhältliche synthetische Drogen. Zum Beispiel stimulierende "Badesalze" – kristallartige Substanzen, die oft ein hohes Suchtpotenzial haben. Die Konsumenten kaufen sie billig im Internet.

Die Wirkung der synthetischen Stoffe sei oft schon bei kleiner Dosis stärker und gefährlicher als bei klassischen, illegalen Drogen, sagt Volker Auwärter vom Institut für Rechtsmedizin. "Das ist nicht ohne. Pflanzliches Cannabis ist im Vergleich zu den künstlich hergestellten Cannabinoiden geradezu harmlos." Er weiß von Todesfällen, auch in Freiburg.

Flut neuer synthetischer Drogen

Jedes Jahr kommen rund 100 neue synthetische Drogen auf den Markt, sagt Volker Auwärter vom Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik. Jeanette Piram von der Drogenberatung der Arbeiterwohlfahrt weiß: "Es gibt zurzeit nichts, was es nicht gibt." Natürlich auch weiterhin die Droge Alkohol.

Wer wegen Alkoholmissbrauchs im Notfallzentrum der Uniklinik landet, kommt in die überwachte "Ausnüchterung", einen gefliesten Raum mit Matratzen (damit die Patienten nicht aus dem Bett fallen) und niedriger Kloschüssel. "Dort lassen wir den Patienten kontrolliert, überwacht, ausschlafen", erklärt Hans-Jörg Busch, Leiter des Notfallzentrums der Uniklinik.

Stets gemessen werde der Alkoholgehalt, schließlich könne Bewusstlosigkeit auch andere Ursachen haben. Wobei man den Alkohol in der Regel riechen kann. Busch erinnert sich an eine 75 Jahre alte Frau, die in ihrer Küche umgefallen und ins Koma gefallen sei. Vermutet wurde ein Schlaganfall oder Ähnliches, eine Fahne gerochen habe man auf Anhieb nicht.

"Wir waren in Alarmbereitschaft." Am Ende hatte die chronische Trinkerin 2,4 Promille im Blut. Die große Mehrheit der eingelieferten Exzesstrinker ist laut Busch männlich und zwischen 18 und 25. Pro Jahr werden im Notfallzentrum 1000 bis 1500 Menschen mit Vergiftungen aller Art behandelt.

Ist ein Patient komatös und hat ernstere gesundheitliche Probleme, etwa mit dem Blutdruck oder dem Herzen, kommt er zunächst in den "Schockraum". Dort wird er genauer untersucht und intensivmedizinisch betreut. Ein Sturzbetrunkener kann auch puzzleartige Recherche auslösen: Wo hat er getrunken? Was genau hat er getrunken? Trinkt er chronisch? Kann es sein, dass er infolge eines Unfalls auch ein Trauma erlitten hat?

Mischkonsum verbreitet

Überproportional häufig, bestätigt die Polizei, spielt Mischkonsum eine Rolle. Dann trinkt der Betreffende nicht nur zu viel, sondern nimmt auch anderes: Liquid Ecstasy, Cannabis oder ein synthetisches Cannabinoid (künstlich hergestellte Wirkstoffe, die ähnlich wie Cannabis wirken). "Das ist sehr weit verbreitet", sagt Marcus Krüger, Leitender Oberarzt an der Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin.

Viele synthetische Drogen werden in Asien produziert, jedes Jahr 100 neue, sagt Chemiker Volker Auwärter vom Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik, der diese "Legal Highs" selbst im Internet bestellt, um sie zu analysieren.

Synthetische Drogen seien nicht zu unterschätzen, warnt Auwärter. Ihr Konsum birgt große Risiken: So können synthetische Cannabinoide Herzrasen, Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit auslösen; wer plötzlich bewusstlos wird oder im Koma erbricht, kann in eine lebensgefährliche Lage kommen. Von den Auswirkungen gebe es mitunter "krude Vorstellungen", nicht nur bei den Jungen, sondern auch bei den Eltern, weiß Piram.

Wenn der Promillegehalt nicht zum Zustand des Patienten passt, wird ein Drogentest gemacht, sagt Busch. Das Problem: Viele synthetische Drogen sind nicht leicht nachzuweisen, sondern nur durch aufwändige, teure Analysen, sagt der forensisches Toxikologe Auwärter. Deshalb seien sie so populär bei Leuten mit gerichtlichen Auflagen oder Angst vor Führerscheinentzug.

Piram sagt: "Die Kiddies wollen alles ausprobieren. Es ist ihre Experimentierfreude, die sie ins Krankenhaus bringt." Da sie im Internet alles bestellen könnten, mache es keinen Sinn, über einzelne Drogen aufzuklären. So schnell, wie neue synthetische Drogen auf den Markt kämen, sei Aufklärungsarbeit gar nicht zu leisten: "Der freie Markt ist pfiffiger."

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[Symbolfoto: Michael Bamberger]