Freiburger in Hongkong (1): Katja

Kilian

Nicht nur Berlin und München haben eine beträchtliche Zahl an Exilfreiburgern aufzuweisen, sondern auch Hongkong. Kilian hat an der Mündung des Perlfusses schon einige Badener kennengelernt und wird ihr Leben fernab von der Dreisam in einer kleinen Reihe porträtieren. Folge 1: Katja, 33.



Katja unterrichtet Kunst an der Deutsch-Schweizerischen Internationalen Schule in Hongkong, ganz oben auf dem Victoria Peak, der mit 554 Meter höchsten Erhebung der Stadt. Hong Kong bedeutet „duftender Hafen“ und gehört seit 1997 als Sonderverwaltungszone wieder zu China.


Um Verspätungen zu umgehen, beginnt die Schule hier um 7.40 Uhr. Das touristische Treiben hat noch nicht eingesetzt, auch der alltägliche Verkehrskollaps befindet sich noch in der Aufbauphase. Katja fährt mit einigen Kollegen jeden Tag mit dem Taxi zur Schule. Das mag einem Ortsfremden dekadent vorkommen, doch Taxifahren ist hier billig. Busse fahren zwar häufig, aber ohne festen Fahrplan. „Mit öffentlichen Verkehrsmitteln muss man sich hier immer einen Puffer einbauen und man weiß nie genau, wann man während  der Rush-hour ankommt“, sagt die 33jährige.



Nach dem Abitur 1993 am Freiburger Berthold-Gymnasium (LKs: Kunst und Latein) sollte das frühe Aufstehen eigentlich ein Ende haben. Aber das Kunststudium mündete in einem Referendariat an einem Berliner Gymnasium, danach drohte zunächst die Arbeitslosigkeit. „In Berlin wurden 2006 so gut wie keine Lehrer eingestellt, also habe ich mich auch im Ausland beworben. Als die Zusage kam, musste ich innerhalb von wenigen Wochen meinen Umzug nach Asien organisieren.“



Viele Ausländer kommen mit Partner oder Familie nach Hong Kong, häufig werden die Umzüge vom Arbeitgeber organisiert. Katja ist alleine hergekommen, die ersten Tage in der neuen Stadt kosteten viele Nerven. Nicht alle Hong Konger sprechen Englisch, und Laugenweckle mussten jetzt durch unbekannte Nahrungsmittel in unbekannten Supermärkten ersetzt werden.

Obwohl viele Schilder und auch Medien aufgrund der kolonialen britischen Vergangenheit zweisprachig sind, hilft einem das bei den alltäglichen Besorgungen nicht immer weiter. Doch nach einem Jahr Hong Kong spricht Katja jetzt sogar einige Brocken Kantonesisch. Da es die Silben in bis zu sechs verschiedenen Tonhöhen gibt und sie damit sechs komplett unterschiedliche Bedeutungen haben können, liegt man gerne mal daneben.



Katja unterrichtet auf deutsch. Die Schüler stammen in der Regel aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil aus Deutschland kommt. Auch ein Großteil der Lehrer stammt aus Deutschland, einige davon haben in Freiburg studiert. „Natürlich fehlt mir Freiburg manchmal. Meine Eltern leben dort und durch meinen Job muss ich oft an meine eigene Schulzeit denken, die sehr eng mit Kindheit und Jugend in Freiburg verknüpft ist, ebenso meine ersten Semester an der Freiburger Uni.“ Parallelen zur eigenen Schulzeit bestehen auch. So ist die ehemalige Teilnehmerin der Theater-AG am Berthold-Gymnasium nun Leiterin der Theater-AG an der deutschen Schule in Hong Kong.

Was vermisst Katja aus Freiburg am meisten? „Fahrradfahren, die Stille und die saubere Luft!“ Die tägliche Smog-Glocke über Hong Kong in Kombination mit tropischen Temperaturen verbietet jede körperliche Ertüchtigung. Einem Fahrradfahrer ist Katja in den letzten 12 Monaten nicht begegnet. Das ist kein Wunder in einer Stadt, in der sogar die Fußgänger auf sogenannten Skyways oberhalb der Straße laufen. Dafür bietet Hong Kong aber manches, was bei aller Geschäftigkeit gerne untergeht: Viele Strände säumen Hong Kong und die mit Fähren erreichbaren, vorgelagerten Inseln wie Lamma Island im Südchinesischen Meer.



Im Norden bieten die New Territories großartige Wanderwege und außerdem ist die Stadt ein Verkehrsknotenpunkt mit günstigen Flügen in Urlaubsparadiese wie Thailand, Malaysia, Vietnam und die Philippinen. Die asiatische Küche ist vielfältig und nicht vergleichbar mit dem uns geläufigen Einheitsbrei in chinesischen Restaurants. „Es gibt hier unendlich viel zu entdecken“, sagt Katja.

Sie spricht von einer einmaligen Erfahrung. „Einige Jahre im Ausland zu verbringen ist eine großartige Chance, vor allem in solch einer spannenden, vielseitigen und dynamischen Stadt. Allerdings muss man auch auf vieles Gewohnte verzichten, man benötigt starke Nerven, und manchmal will man einfach nur nach Hause, ausschlafen, Freunde treffen und seine Ruhe haben.“



Katjas Kommunikation zu den Liebsten wird auf eine harte Probe gestellt. Bei sieben Stunden Zeitverschiebung und einem strammen Stundenplan bleibt nicht viel Zeit für Kontaktpflege. Dank Internet-Telefonie und E-Mail bleiben wenigstens die Kosten im Rahmen. Die manchmal herrschende Einsamkeit wird durch die vielen deutschen Kollegen aufgefangen. Und viele Freunde, auch alte Klassenkameraden aus Freiburg, waren schon zu Besuch. „Das sind mit Abstand die schönsten Momente hier. Dann wird einem klar, was wirklich wichtig ist im Leben.“

Katja ist froh, dass nach einem Jahr Fernbeziehung nun ihr Freund ebenfalls nach Hong Kong gezogen ist und bereits einen Job gefunden hat. Somit geht das Abenteuer Südostasien wohl in ein drittes Jahr.