Freiburger FC: Auf Spurensuche beim Stehkragenverein

David Weigend

Der Freiburger FC hat es geschafft: Nach dem 4:1-Sieg gegen den SV Weil steigt der Freiburger Traditionsclub in die Oberliga auf. Anlass genug, um auf die wechselvolle Geschichte des "Stehkragenvereins" zurückzublicken.



Stadion im Dietenbach

Wenn die Realität der Vorstellung entspricht, ist dies meist ein beruhigender Moment. Im Falle des Freiburger FC (FFC) im Mai 2014 sieht die Vorstellung so aus: Durch den schönen Stadtteil Weingarten, im Übrigen eine der wenigen Gegenden in Freiburg, die bislang von der Gentrifizierung verschont geblieben sind, gelangt man, tief im Westen, zum Stadion im Dietenbach.

FFC-Trainer Ralf Eckert führt dort mit einem seiner Spieler ein psychologisches Gespräch am Spielfeldrand, Vereins-Faktotum German Kramer (Bild unten) sitzt auf der Terrasse der Vereinsgaststätte, raucht Zigarillo und beobachtet die Übungseinheiten der U14. Wenn man mit Leuten wie Jogi Löw über den FFC spricht, so lautet seine erste Frage: "Gibt’s den German Kramer noch?" Ja, den gibt’s noch. Und am Gesicht des 76-Jährigen kann man ablesen: FFC-Fan zu sein, hieß in den vergangenen Jahrzehnten vor allem, Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen zu beweisen.



Stehkragenverein

Der FFC hatte früher einmal das Image des Stehkragenvereins. Gus Manning, der den Club 1897 gegründet hatte, entstammte dem gehobenen, englischen Studentenmilieu. "Die haben sich damals auf dem Platz per Sie angesprochen", sagt Marita Hennemann, die 63-jährige Präsidentin des Vereins.

Der FFC pflegte in seinem schwarz-weißen Zebradress die vornehme Spielweise, goutiert wurde sie von elitären Besuchern unter der alten Holztribüne, die vorzugsweise mit Hut erschienen, um die "noble Blässe" zu bewahren. "Im Gegensatz zum FFC galt der Sportclub immer eher als Arbeiterverein", sagt Hennemann.

Bis in die 70er Jahre war die Rollenverteilung in Freiburg klar. Der FFC war die erste Adresse, der Sportclub der Underdog. In der Saison 1976/77 holte der FFC die Meisterschaft in der Ersten Amateurliga Südbaden und verwies den SC auf Platz 2. Bezeichnend waren allerdings die Besucherzahlen: Zum FFC kamen im Schnitt 2500 Zuschauer, zum SC nur 250.

Lokalrivalität und öffentliche Wahrnehmung

Die Anhänger von FFC und SC haben sich nie besonders gemocht. "Dreisamratten" nannte man im Mösle die Konkurrenz von der Schwarzwaldstraße. Zu den acht Derbys in der Zweiten Bundesliga kamen Anfang der 1980er Jahre im Schnitt 15.000 Zuschauer, die Bilanz war ausgeglichen. "Und die Stimmung war heftig", erinnert sich Roland Ziegelbauer, seit seiner Kindheit aktiver FFC-Fan. "Es gab Zaunfahnen mit der Aufschrift,Tod dem FFC’ und,Tod dem SCF’. Da war blanker Hass im Spiel." SC-Fans klauten das Vereinswappen vom FFC und malten die Torpfosten im Mösle an.

2004 wurde Achim Stocker einmal gefragt, was für ihn das schönste SC-Erlebnis gewesen sei - Aufstieg in die erste Liga, Teilnahme am Uefa Cup oder dergleichen. Antwort Stocker: "Das Schönste war immer ein Sieg über den FFC. Der steht über allem."

Dies sagte Stocker freilich zu einem Zeitpunkt, als Popularität und Erfolg des FFC stark nachgelassen hatten. Man mache sich die Fallhöhe bewusst: Der Freiburger FC ist der ältere und traditionsreichere Verein in der Stadt. 1897 gegründet, holte er 1907 die deutsche Meisterschaft. Von 1977 bis 1982 spielte der Verein in der Zweiten Bundesliga. Die Spiele im Möslestadion kamen in der Sportschau, der FFC war dem deutschen Fußballfan geläufig. 1994 stieg der Verein von der dritten in die fünfte Liga ab. Damit verschwand der FFC auch in der Wahrnehmung der überregionalen Medien.

Karl-Heinz Bente

Der markanteste Spieler und die herausragendste Persönlichkeit in der bisherigen FFC-Geschichte war vermutlich Karl-Heinz Bente. "Er ist für viele bis heute der beste Freiburger Fußballer aller Zeiten", meint Roland Ziegelbauer. Ein dominanter Spielgestalter, der sich laufend gelbe Karten wegen Meckerns abholte, aber im Grunde nie Foul spielte. Auf dem Platz der absolute Chef.



"Solche Spielertypen gibt es heute nicht mehr", sagt Andreas Wirth, der 1976 erstmals zum FC ging und Bentes einzigartige Gangart mit erhobenem Brustkorb beobachtete. Der ehemalige FFC-Kapitän starb am 24. Januar 1984 bei einem Autounfall in der Nähe von Bahlingen. FFC-Präsidentin Marita Hennemann erinnert sich: "Uns ist damals allen das Blut in den Adern gefroren, als wir in den Nachrichten erfuhren, dass der Kallha tot ist."

Christian Streich

Natürlich wird Christian Streich heute in erster Linie mit dem SC assoziiert. Allerdings ist seine Biographie fast ebenso stark mit dem FFC verbunden. Dort stieg der Eimeldinger als Nachwuchsspieler in der A-Jugend ein und begann 1983 seine Fußballerkarriere. 1984 spielte er in der ersten Mannschaft, in der Saison 1991/92 wurde er im weiß-roten FFC-Trikot mit 13 Treffern Torschützenkönig der Oberliga Baden-Württemberg.

Der FFC war für Streich das Sprungbrett in den Profifußball. Auch SC-Sportdirektor Klemens Hartenbach stand zwischen 1990 und 1998 beim FFC unter Vertrag, als Torwart.

Die Höhepunkte

Die etwas älteren Fans erinnern sich mit wehmütigem Lächeln an das Jahr 1969, als der FFC sich für die Bundesliga-Aufstiegsrunde qualifiziert hatte. 23.000 Zuschauer bejubelten im ausverkauften Möslestadion die Angriffe der "Rotjacken". Der FFC verpasste nur wegen des schlechteren Torverhältnisses gegenüber Oberhausen den Aufstieg. Marita Hennemann war damals als 16-jähriges FFC-Fangirl stets dabei, "die Spieler waren für mich so was wie die Backstreet Boys." Noch heute leiert sie die Aufstellung ohne einen Aussetzer hinunter. Muss toll gewesen sein.

Vielen fällt als Höhepunkt auch das Freundschaftsspiel gegen Cosmos New York am 21. September 1978 im Möslestadion ein, als der FFC die Beckenbauer-Elf mit 2:0 bezwang. Kein spielerischer Leckerbissen. Im Gegensatz zum 2:2 gegen den Karlsruher SC in der Zweiten Liga im Oktober 1977. "Das vergesse ich nie. Für mich das beste Spiel, das ich je beim FC gesehen habe", sagt Roland Ziegelbauer. "Karl-Heinz Bührer in Topform."

Andreas Wirth (Bild unten, erster von rechts) nennt noch das 10:2 gegen Würzburg als FFC-Highlight. "Das war 1980." Und so weiter. Man kann schon einige Tassen Kaffee trinken, bis Wirth, der über ein unglaubliches FFC-Gedächtnis verfügt, die denkwürdigsten Spiele aufgezählt hat. Zum Schluss sagt er: "Der FFC ist zwar keine Pokalmannschaft, aber in der Saison 1991/92 schafften wir es immerhin bis ins Achtelfinale. Dort verloren wir gegen den VfB Stuttgart mit 1:6."

Talfahrt und Neuanfang

Für die sportlichen Talfahrt des FFC, die 2008 erst in der Landesliga ihren Tiefpunkt erreicht hatte, war auch die Kurzsichtigkeit der Vereinsführung verantwortlich. Man kaufte teure Stars als Heilsbringer, die sich als Rohrkrepierer herausstellten. Das Möslestadion verfiel, niemand kümmerte sich um den maroden Zustand.

Dass man im Jahr 2000 das Möslestadion aufgeben und dem Lokalrivalen überlassen musste, hat eine Narbe in der FFC-Seele hinterlassen – auch, wenn es wirtschaftlich eine Win-win-Situation war. "Aber viele Fans von damals weigern sich bis heute, hier in den Dietenbach zu kommen", so Marita Hennemann (Bild unten). "Die sagen: Der FFC gehört ins Mösle und sonst nirgendwohin."



Es scheint, dass mit dem Verlust der Heimat auch die sportliche Orientierung verlorenging. Der FFC kickte unter Trainer Maximilian Heidenreich von 2001 bis 2008 in der Verbandsliga, am Ende zerstritt sich der Vorstand mit Heidenreich in einem unschönen Hickhack. Im März 2008 wurde bekannt, dass der FFC erneut kurz vor der Insolvenz stand.

Inzwischen spielte die Mannschaft in der siebten Liga. "Diese drei Jahre in der Landesliga waren für uns Fans die Hölle", sagt Roland Ziegelbauer (Bild oben, zweiter von rechts). "Auf den Dörfern ist man uns mit Häme begegnet."

Wyhl, Köndringen, Münstertal, oft hieß es: Aha, da kommt der arrogante FFC. "Gleichzeitig war dieser Abschnitt eine Zeit, in der sich bei den Fans die Spreu vom Weizen trennte", meint Jörg Gehring (Bild oben, dritter von rechts), der seit 15 Jahren ehrenamtlich in der Geschäftsstelle arbeitet.

Der Arroganz-Vorwurf kommt vielleicht noch vom alten Stehkragenimage, allerdings hat man beim FFC ja schon lang nicht mehr die Nase oben. Vielmehr hat Ralf Eckert ein Team geformt, das um soziale Verantwortung bemüht ist und nun in eine neue Rolle schlüpfen könnte. Falls Bahlingen aus der Oberliga absteigt, ist der FFC hinterm SC wieder die Nummer 2 in der Region. Das nächste Freiburger Derby ist übrigens schon terminiert: am 1. August beim Kaiserstuhlcup in Bahlingen.



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[Fotos 1, 2 und 4: David Weigend; Foto 3: Badische Zeitung]