Freiburger ESC-Experten: "Roman Lob erreicht die Top Ten!"

Frank Zimmermann

Am Samstagabend findet in Aserbaidschans Hauptstadt Baku der Eurovision Song Contest – kurz ESC – statt. Für Deutschland am Start ist Roman Lob mit "Standing Still". Ein Interview mit Stefan Zimmermann, 32, und Mathias Falk, 45, von der Rosa Hilfe Freiburg, die im Gasthaus Waldsee eine große Schwulesdance-ESC-Party organisieren.



Die vergangenen zwei Jahre war der ESC bei uns in Deutschland geprägt vom Lena-Hype. Um den diesjährigen deutschen Kandidaten Roman Lob wird wesentlich weniger Gewese gemacht.


Stefan Zimmermann:
Lena war eher durch ihre verrückte Art auffallend, Roman ist eher ruhig und zurückhaltend und drängt sich nicht so in den Vordergrund, in den Medien ist er bislang weniger vertreten. Aber er hat wegen seines Aussehens sehr viele weibliche – und natürliche auch männliche – Fans, natürlich auch wegen seiner Stimme.

Engelbert Humperdinck singt mit 76 für Großbritannien, für Russland gehen sechs Omis ins Rennen. Passt Roman Lob da rein?


Zimmermann:
Naja, nicht so ganz. Wobei: Lena hat von ihrer Art her auch nicht zum ESC gepasst. Da war wenig Show. Bei ihm wird das genauso sein, da gibt es keine großen Lichtshows, Explosionen oder zerspringenden Scheiben auf der Bühne wie letztes Jahr beim schwedischen Kandidaten.

Und wo wird Deutschland landen?


Zimmermann:
Die Chancen zu bewerten finde ich mittlerweile schwierig. Früher hat ja nur das Publikum entschieden, inzwischen entscheidet zur Hälfte eine Jury. Romans Song stammt von Jamie Cullum, da habe ich die Hoffnung, dass wir von England mal zwölf Punkte kriegen. In den Top Ten wird Roman mit „Standing Still“ schon landen.



Und wer gewinnt?

Zimmermann: Italien und Schweden sind bei den Buchmachern Favoriten, das sind beides temporeiche Popsongs. Es gibt ja inzwischen Pop, Rock und Eurovision. Die Italienerin erinnert von der Art und Optik her an Amy Winehouse, sie dürfte auch Chancen haben. Die Beiträge finde ich insgesamt in diesem Jahr ein bisschen schwach, es sind viele Schnulzen dabei. Ich persönlich – das ist mir fast schon peinlich zu sagen – mag Österreich, das Lied heißt „Woki mit deim Popo“, beim ersten Mal dachte ich „Was für ein Mist“, inzwischen finde ich es witzig, das geht in die Richtung von Lordi oder den Atzen. Leider ist es im Halbfinale schon ausgeschieden. Die russischen Omis werden viele Sympathie- oder Mitleidspunkte kriegen - bei denen besteht ja die Gefahr, dass sie nächstes Jahr gar nicht mehr da sind.

Nicht alle sind glücklich, dass der ESC in einem Land mit wenig demokratischen Strukturen stattfindet.

Zimmermann: Die Halle wurde von einer deutschen Firma errichtet, Menschen mussten von heute auf morgen ihre Wohnungen verlassen, damit sie gebaut werden konnte. Und die komplette Produktion übernimmt die deutsche Firma Brainpool - die gesamte Technik kommt aus Deutschland. Beide Firmen haben gesagt, dass sie das nicht interessiert, sie hätten hier einen Auftrag.

Mathias Falk: Wie bei der Fußball-EM werden solche internationalen Events genutzt, um von einem neureichen Rohstofflieferanten ein positives Bild zu produzieren, da lässt man es glitzern und versucht vergessen zu machen, dass dabei eine Clique reich wird. Angesichts dessen darf man nicht nur feiern, sondern muss versuchen, auch das Politisch- Gesellschaftliche zu betrachten. Der ESC ist zum Beispiel eine gute Möglichkeit für die große schwule Gruppe der ESC-Fans zu sagen „Wenn ihr uns als Fans haben wollt, müsst ihr gucken, dass eure Gesellschaft widerspiegelt, was ihr da verkauft.“

Wie kann man bei so einer Party denn Kritik unters Volk bringen?

Falk: Wir, die Rosa Hilfe, haben versucht, im Vorfeld etwas zu machen, aber man findet in Baku gar keine Ansprechpartner für ein gemeinsames Projekt. Wir hatten in Baku eine Partnerorganisation gesucht, die wir auch mit Geld unterstützen wollten, um ihnen zu ermöglichen, ihre Arbeit auszubauen.

Zimmermann:
Homosexualität bewegt sich in Aserbaidschan gesetzlich in einer Grauzone, es gibt kein Gesetz, das sie schützt, aber sie ist auch nicht verboten.

Falk: Bis ins Jahr 2000 gab es eine strafrechtliche Regelung für Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung. Heute fehlt dort eine positive politische Begleitung von Minderheiten.

Zimmermann: Wir wollen das Thema nicht in den Vordergrund drängen, es soll ja schon auch eine Party sein, aber wir wollen im Waldsee auf Stellwänden darüber informieren.

Wenn Sie keine Partnerorganisation gefunden haben, was machen Sie nun?

Falk: Wir haben dann Kontakt mit Amnesty International aufgenommen, genauer gesagt mit Queeramnesty. Leider gibt es auch da wenig Konkretes für Aserbaidschan, aber es gibt eine Arbeitsgruppe für den Kaukasus. Diese werden wir finanziell unterstützen, 1 Euro des Eintritts unserer Party geht in dieses Projekt.

Soll man so eine große Veranstaltung überhaupt in ein solches Land vergeben?

Zimmermann: Ich finde es bedenklich, wenn es weder von den teilnehmenden Ländern noch vom Veranstalter – der European Broadcast Union – kritische Stellungnahmen gibt. Dabei könnte der ESC durchaus eine Plattform sein, um kritisch auf Missstände hinzuweisen. Wenn die EBU sagt, dass der ESC eine reine Musikveranstaltung sei und man sich dazu nicht äußern wolle, dann finde ich das schwierig.

Falk: Ähnlich diskutiert wird ja auch über die EM in der Ukraine oder die Formel 1 in Bahrain: Sollen solche Megaevents, wo Millionen umgesetzt werden, in Ländern stattfinden, wo grundlegende Menschenrechte missachtet werden? Der Veranstalter könnte darauf achten, dass kritisch denkende Gruppen auch gehört und für sie Plattformen geschaffen werden und dass nicht nur Galadiners mit den Mächtigen des Landes stattfinden. Es sind ja hauptsächlich öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten, die den ESC übertragen, die könnten schon einen anderen Zug in die Diskussion bringen.

Was gibt es auf der ESC-Party im Waldsee zu hören?

Zimmermann: Ab 20:15 Uhr übertragen wir die Vorberichte aus Hamburg und dann ab 21 Uhr die Live-Übertragung des ESC. Dazu gibt es Käseigel, Schnittchen und Sektbowle. Nach der Übertragung der Beiträge kommen die Stühle im Saal weg und es kann zu DJ Robert Sun getanzt werden; in der Gaststätte übertragen wir die Punktevergabe mit Ton und im Saal ohne Ton.

Mehr dazu:


Was:
"Eurovision Special“-Party
Wann: Samstag, 26. Mai, ab 20 Uhr
Wo: Gasthaus Waldsee, Waldseestraße 84
Eintritt: Samstag, 26. Mai, ab 20 Uhr. Eintritt 7 Euro     [Foto 1: Michael Bamberger; Foto 2: dpa]